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Augsburg

17.02.2014

Multikulti als große Herausforderung

Beim Thema Einwanderung schlagen oft die Emotionen hoch. In den letzten Jahren ließ die Politik lieber die Finger davon. Das muss sich ändern, sagen Experten.

Keine Debatte ist so verwirrend wie die um Migration. Und kaum eine geht so stark an der Lebenswirklichkeit vorbei. Früher, als Deutschland angeblich noch kein Einwanderungsland war, sprach man von Gastarbeitern. Multikulti war okay, solange es sich in Volkstänzen und Döner erschöpfte. Dann hieß es Menschen mit Migrationshintergrund, aktuell sind es „hybride Persönlichkeiten“. Und die Deutschen – oder wen man dafür hält – nannte man mal Residenzbevölkerung, dann autochthone Bevölkerungsgruppe. Aktuell angesagt ist „Willkommenskultur“.

Willkommenskultur im allgemeinen Sinn, auch in der Politik. Eine Großstadt wie Augsburg braucht sie dringend, weil sie sonst nicht überlebensfähig ist. In Augsburgs bester Stube, dem Goldenen Saal, ist zum Beispiel heute ein Empfang für alle, die an einem Migranet-Projekt teilnehmen: Mentoren bringen hoch qualifizierte Migranten, meist Akademiker, und Unternehmen zusammen, weil diese sich sonst leicht verfehlen.

„Willkommenskultur, was ist das?"

Ufuk Sayin hat seinen Weg ohne Programme gemacht. Er ist 43 Jahre alt, Sohn eines Gastarbeiterpaares, gelernter Mediengestalter, engagiert im türkischen Elternverein, beim Sorgentelefon, bei Türkspor und Mitarbeiter von INA, einem Projekt, das sich um alternde Migranten kümmert. Er fragt: „Willkommenskultur, was ist das? Bedeutet das, dass man mich im Ausländeramt nicht mehr anschreit? Das kommt sowieso nicht mehr vor.“ Die Stadtverwaltung durchläuft gerade einen Prozess, der sich „interkulturelle Öffnung“ nennt; Willkommenskultur gehört dazu.

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Es ist also nicht so, dass sich nichts tut in Augsburg, das mit 43 Prozent eine der höchsten Migrantenquoten Deutschlands aufweist. Sayin meint: „Heute gibt es viel mehr Angebote, Sprachkurse und Hilfsstrukturen als in den 60ern, als mein Vater nach Deutschland kam.“ Auch lobt er Programme wie die Stadtteilmütter, die mit Kindern Deutsch und Muttersprache üben. Das sagen die Augsburger Parteien zum Thema Migration

Die Stadtteilmütter hat der frühere Sozialreferent Konrad Hummel vor Jahren initiiert. Sie werden zu Recht viel gelobt, aber auch gerne benutzt, um zu verschleiern: Was in Augsburg fehlt, ist ein politischer Motor der Integration. Experten fänden es dringend nötig, den Projekte-Wildwuchs zu bündeln, das Thema differenziert und gleichzeitig gezielt anzugehen. An der Zeit ist es auch, sich darauf zu besinnen, Sozialarbeit den Milieus anzupassen – und bei denen spielen Migration, Religion und Sprache eine Rolle, aber eben auch Ökonomie, Bildung und Werte-Orientierung.

Im Stadtrat sitzen drei Migranten

In den letzten Jahren hat sich trotzdem einiges geändert, vor allem wegen des Fachkräftemangels und der dadurch bedingten Wertschätzung von Migranten, die keiner mehr Gastarbeiter nennen würde. Andererseits müssen immer noch Kinder in der Schule Deutsch lernen – schließlich ziehen auch neue Migranten nach, vor allem aus wirtschaftlich schwachen EU-Staaten. Und Themen wie Selbstbestimmung der Frau sind noch längst nicht überall durchgedrungen.

Welcher Politiker, welche Partei aber hätte sich in dieser Legislaturperiode, ohnehin keine Glanzphase der Augsburger Sozialpolitik, des Themas annehmen können? Eine Frage, die allgemeines Schulterzucken hervorruft. Es gibt auch gerade mal drei Migranten im 60-köpfigen Stadtrat (zumindest das war allen so peinlich, dass es sich ändern dürfte), der Integrationsbeirat ist maximal eine Alibiveranstaltung.

Sayin wünscht sich unter anderem, dass sich Vorurteile gegen Migrantenkinder an Schulen verringern. Studien beweisen, dass diese bei gleicher Leistung seltener fürs Gymnasium empfohlen werden als Deutsche. Außerdem gelte es, nicht nur Institutionen arbeiten zu lassen, sondern die Nachbarschaft zu fördern. „Der echte Kontakt an der Basis, der fehlt“, sagt er.

Alle Folgen der Serie: Die Herausforderungen für die neue Augsburger Stadtregierung  

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