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Brechtfestival 2018

27.02.2018

Nachtreten zum Podiums-Desaster beim Brechtfestival

Beim literarischen Podium des Brechtfestials  v.l. Bazon Brock, Stefanie Sargnagel und  Moderator Knut Cordsen.
Bild: Annette Zoepf

Selbst Festivalleiter Wengenroth stimmt ein, sogar um „Me Too“ geht es: Allein ein „chauvinistischer“ Bazon Brock soll schuld sein, dass das Literaten-Gespräch scheiterte.

Keine zwei Meinungen kann es darüber geben, wie der Versuch am Sonntagnachmittag ausgegangen ist, eine prominent besetzte Podiumsdiskussion als literarische Attraktion in Patrick Wengenroths Brechtfestival zu setzen: Es war ein Desaster.

Beabsichtigt war unter dem Titel „Abc der Solidarität“ offenkundig eine facettenreiche Debatte durch so unterschiedliche Diskutanten wie den 81-jährigen Kunsttheoretiker Bazon Brock, die 46-jährige Autorin Kathrin Röggla und die 32-jährige Bloggerin Stefanie Sargnagel. Beabsichtigt war mit Bezug auf den Brechttext „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ zudem ein großer Bogen zum Festivalmotto „Ich / Wir / Brecht“ samt eigens formulierter und ans Publikum ausgeteilter Thesenpapiere der Prominenten – und Radiomoderator Knud Cordsen sollte das dann alles irgendwie zusammenhalten. Es gelang ihm nicht, wie eigentlich nichts gelang, vor allem kein Gespräch – wohl zu viel gewollt, keine Struktur für diese 90 Minuten gefunden, ein krachendes Scheitern. Kann ja mal passieren. Und lieber scheitert man an zu hohen Ambitionen als an zu geringen.

Öffentliches Nachspiel an gescheiterte Diskussion ist unsäglich

Was aber nicht passieren darf, ist jenes öffentliche Nachspiel. Denn da gibt es auch nur eine Meinung, wessen Schuld dieses Scheitern war. Zu erwarten vielleicht noch, dass Stefanie Sargnagel im Interview mit Deutschlandfunk Kultur gleich am Sonntagabend gegen Bazon Brock nachtrat, mit dem sie schon auf dem Podium aneinandergeraten war. Und wer ihre Art der grundsätzlich zugespitzten Auseinandersetzung kennt, wird auch nicht überrascht sein, dass sie Brock als „blasierten alten Mann“ bezeichnete, sein Verhalten „tyrannisch“, seinen Vortrag als „theoretisches Schwanzrauspacken“. Und ja, sofort war ein Bezug zur Me-Too-Debatte hergestellt, es ging um männliche Dominanzkultur … Auch an Ihre Fans auf Facebook wandte sie sich, nannte dessen Auftritt „Ausgeburt obszöner Selbstherrlichkeit“ wie „aus dem paranoiden Feminazimärchenbuch“, schrieb, sie fühle sich „besudelt“ und „geraped“ (vergewaltigt) und witzelte, typisch zynisch: „Stirbt aber eh bald.“

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Ihre zwei zur Sache wichtigeren Sätze aber: Auf Facebook ärgerte sie sich, dass sie, die sonst ja so drastisch Schlagfertige, auf dem Podium nicht gegengehalten habe; im Radio zur Veranstaltung: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass es da irgendeinen roten Faden gab.“

Sogar der Festivalleiter kritisiert Bazon Brock

Aber dann war ja auch noch Festivalleiter Patrick Wengenroth im O-Ton im Deutschlandfunk zu hören. Und der: Haute auch nur auf Bazon Brock ein! „Eine Person, die auf einer Art von monolithischen Diskussionsverweigerung beharrt.“ Da könne „man jetzt überlegen, ob das ein Problem von alten Menschen ist per se oder von Herrn Brock im Persönlichen.“ Er stellte dessen „Wissens-Chauvinismus“, den manche toll finden mögen, gegen die „diskursivere Offenheit“ von Stefanie Sargnagel und Kathrin Röggla, den er selbst seinen stark wertenden Worten nach ganz offenkundig bevorzugt. „Harte Worte gegen Bazon Brock“ urteilte da auch sein Befrager im Deutschlandfunk.

Tatsächlich. Man muss zweierlei anschließen. 1. Wengenroth macht es sich viel zu leicht. Denn das Scheitern dieses Nachmittags war wesentlich dadurch verursacht, dass das Podium offenbar eher bedeutungshubernd als durchdacht aufgestellt wurde. Und wer den legendär wuchtigen Intellektuellen Brock neben die kultig wuchtige Satirikerin Sargnagel setzt, muss dafür sorgen, dass sich so unterschiedliche Diskursebenen in einer ordnenden Struktur begegnen. Es war also vor allem ein Versagen in Organisation und Moderation. Dieser Mangel zeigte sich auch daran, dass ohne Brock keinerlei Gespräch zwischen Sargnagel, Röggla und Cordsen in Gang kam. 2. Bevor ein Festivalleiter einen seiner Gäste persönlich abkanzelt und dann noch verurteilend in den prekären Zusammenhang aktueller Geschlechter- und Altersdebatten rückt, sollte er genau prüfen, ob er nicht selbst Schuld trägt. Und Wengenroths doppelte Unbedarftheit ist mindestens mitverantwortlich für das Scheitern der Veranstaltung – und mindestens mitverantwortlich für dieses hässliche Nachspiel.

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