Serie(Folge 55)

18.09.2013

Nur Bilder bleiben

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Die Spinnerei und Weberei am Sparrenlech gehörte zu den größten Textilfabriken der Stadt. Die jüdischen Unternehmer wurden von den Nazis enteignet und verfolgt

In den 1880er und 1890er Jahren haben die beiden Textilunternehmer- familien Aaron Kahn und Alban Arnold ihre Textilfabrik am Sparrenlech zwischen der Provinostraße und der Prinzstraße im großen Stil erweitert. Shedhallen für die Spinnerei, ein mehrstöckiges Gebäude für die Webstühle, ein Kesselhaus. Mehr als 1000 Mitarbeiter waren dort zu besten Zeiten beschäftigt. Die Textilfabrik gehörte damit zu den größten in Augsburg.

Die stattliche Gebäudeansammlung ließen die Unternehmer standesgemäß festhalten – mit einem sogenannten Rauchbild, das im Depot des staatlichen Textil- und Industriemuseums aufbewahrt wird: ein idealisierter Stich der Gebäude. Draußen flanieren Bürger, zwei rauchende Schornsteine verweisen darauf, dass in den Gebäuden gearbeitet und produziert wird. Solche Rauchbilder dienten in verkleinerter Form auch als Kopf für das Firmenbriefpapier.

Lange war die Geschichte der beiden jüdischen Unternehmer eine Erfolgsgeschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg waren sie maßgeblich an der Rettung der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK) beteiligt und stiegen dort mit einem Anteil von 80 Prozent zu den Großaktionären auf. „Die beiden Familien stellten respektable Vertreter der Industriebranche“, sagt Karl Borromäus Murr, Leiter des Textil- und Industriemuseums. Benno Arnold, Sohn des Gründers, war als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei Stadtrat in Augsburg.

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Selbst in der Weltwirtschaftskrise war das Unternehmen nicht vom Konkurs bedroht und hatte fast noch 1000 Mitarbeiter. Das Unglück setzte für die Unternehmer mit der Herrschaft der Nationalsozialisten ein. Und es traf die beiden Familien mit voller Wucht. „1938 wurde der Betrieb arisiert, aus der NAK wurden sie herausgetrieben“, sagt Murr. Dabei rechneten die Nationalsozialisten das Vermögen der Unternehmer herunter. Von dem Erlös erhielten die Unternehmer nichts, sie wurden mit Scheinwerten ausbezahlt. Die Spinnerei und Weberei am Sparrenlech wurde ein Zweig der Neuen Augsburger Kattunfabrik. In der Dauerausstellung des Textil- und Industriemuseums wird der Originalvertrag der Arisierung des Unternehmens ausgestellt. Nach dem Krieg kam ein Vergleich zustande, es wurden Entschädigungen gezahlt.

Den Kahns gelang nach der Arisierung die Flucht aus Deutschland, sie emigrierten nach London und Bombay. Die beiden Brüder Benno Arnold, Arthur Arnold und deren Schwester wurden in Konzentrationslager deportiert und fanden dort den Tod.

Mit dieser Unternehmensgeschichte war Karl Borromäus Murr erst jüngst konfrontiert, als eine Nachfahrin der Arnolds von einem Familienzweig, der den Krieg überlebt hat, nach ihren Augsburger Wurzeln suchte. Und Murr zeigte ihr im Museum diejenigen Gegenstände, die aus der Unternehmensgeschichte der Spinnerei und Weberei am Sparrenlech den Weg in die Sammlung gefunden haben.

Von der Fabrik selbst ist heute nur noch die Unternehmervilla zu sehen, das Haus am Schwibbogenplatz, in dem der Stadtjugendring Augsburg heute seine Geschäftsstelle unterhält. Die Fabrik hörte 1970 mit der Produktion auf. Die imposanten Gebäude wurden 1972 abgerissen und anschließend neu bebaut – mit Geschoßwohnungsbau der 1970er Jahre.

Die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie wird heute unter anderem im Textil- und Industriemuseum bewahrt. Und der Museumsleiter kann sich gut vorstellen, sie einmal im Rahmen einer Sonderausstellung über jüdische Unternehmer in Bayern einem größeren Publikum zu erzählen.

In unserer Serie „Aus den Depots“ stellen wir immer mittwochs Objekte und Aspekte aus Augsburger Museumsdepots vor. Nächste Woche geht es um das Wasser.

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