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04.06.2012

Pfarrer sammelte Kinderpornos

60-Jähriger wurde zu sieben Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Auf seinem Computer fand die Polizei hunderte Dateien. Bischöfliches Ordinariat zeigte den Seelsorger an

Ein 60-jähriger katholischer Pfarrer aus dem Raum Augsburg hat Kinderpornos gesammelt und ist deswegen vom Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Wie Amtsrichter Michael Nißl auf Anfrage bestätigte, ist das Urteil bereits rechtskräftig. Der Priester hat den Strafbefehl akzeptiert und sich so eine öffentliche Gerichtsverhandlung erspart.

Es war das bischöfliche Ordinariat selbst, das im vorigen August den Fall bei der Augsburger Staatsanwaltschaft angezeigt hatte. Auf Anfrage unserer Zeitung nahm gestern Otto Kocherscheidt namens der Diözese zu dem Vorgang Stellung. Der ehemalige Richter ist vom Bistum beauftragt, sich möglicher Missbrauchsfälle anzunehmen.

Im März 2011 hatte ein Anrufer sich bei ihm gemeldet und den Pfarrer angezeigt. Nach einer kircheninternen Prüfung gab die Diözese den Fall an die Staatsanwaltschaft weiter.

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Mitte Oktober klingelten Kriminalbeamte bei dem Priester und durchsuchten seine Wohnung. Sie stießen dabei auf zwei Computer, auf denen hunderte indizierter Pornofilme und -Fotos gespeichert waren. Die meisten Szenen zeigen Kinder und Jugendliche bei sexuellen Handlungen. Daneben gibt es auch Fotos nackter Kinder, die in dieser Form seit dem Jahr 2008 in Deutschland verboten sind. Ihr Besitz wird bestraft.

Spezialisten stellen gelöschte Dateien wieder her

Allerdings waren, als die Polizei kam, bereits mehr als 100 solcher Dateien gelöscht gewesen. Ein hinzugezogener Sachverständiger machte sie mit Hilfe einer speziellen Software wieder sichtbar. Wohl aus Vorsicht hatte der Priester begonnen, seine Festplatten auf dem Computer zu säubern. Zwei Monate zuvor hatte ihm ein Mitglied des Domkapitels in einem persönlichen Gespräch eröffnet, dass er bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werde.

Denn die seit 2010 über die katholische Kirche hereingebrochene Welle von Missbrauchsfällen hat die Verantwortlichen in den deutschen Bistümern im Umgang damit sensibler werden lassen. Der Anrufer, ein schon älterer Herr, hatte Kocherscheidt unter anderem erzählt, wie er Ende der 80er Jahre als damals 16-Jähriger vom Pfarrer genötigt worden sei, sich nackt fotografieren zu lassen.

Ohnehin war damals im Unterallgäu, wo der Pfarrer eingesetzt war, über dessen sexuelle Neigungen getuschelt worden. Als Leiter einer umstrittenen Pfadfindergruppe hatte er die Buben und Mädchen zu Zeltlagern begleitet und sie dort angeblich auch nackt fotografiert. Kirchenintern sah sich der Priester 1992 sogar Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs und des Besitzes von Pornographie ausgesetzt. „Was den Missbrauch betrifft, trafen sie nicht zu“, sagte Kocherscheidt. „Das angebliche Opfer hat sie selbst ausgeräumt.“

Sein Interesse an verbotener Pornographie gestand der Priester dagegen damals ein. Damit war seine mögliche Berufung zum Jugendseelsorger für das Bistum, damals als heißer Kandidat gehandelt, kein Thema mehr. Zuletzt war der Geistliche auf einer Stelle ohne eigene Pfarrei eingesetzt. Kontakt zu Kindern hatte er dabei nicht.

Im vergangenen Herbst – kurz nach der Durchsuchung – wurde er von seinem Posten abberufen. Begründet wurde dies damals mit gesundheitlichen Problemen. Seitdem befindet sich der 60-Jährige im Ruhestand.

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