Staats- und Stadtbibliothek

20.04.2012

Pionier am Fernrohr

Johann Wiesel im Kupferstichporträt des Bartholomäus Kilian von 1660. Es wird – wie auch ein Nachbau des Teleskops in seiner Rechten – in der Ausstellung gezeigt. Deren ausgezeichneter Broschüre ist das Bild entnommen.
Bild: Stabi

Ausstellung zum 350. Todestag von Johann Wiesel aus Augsburg, dem ersten gewerblichen Fernrohrbauer und führenden Optiker seiner Zeit

Das macht beim Betreten der Staats- und Stadtbibliothek (Stabi) doppelten Eindruck – zum einen das Gebäude selbst als ein (leider marodes) Schmuckstück historistischer Architektur, zum anderen die im Foyer gezeigten frühen Zeugnisse über Astronomie und ihre optischen Geräte als Auswahl einer Sammlung, „die mit den größten Bibliotheken der Welt rivalisieren kann“.

Bibliotheksdirektor Helmut Gier neigt nicht zur Übertreibung. Aber der Bestand der nun 475-jährigen Bibliothek ist in großen Teilen tatsächlich außerordentlich bis singulär. Er wird (wie auch Gebäude, Grundstück, Personal) die Kommissäre von Stadt und Freistaat beschäftigen, wenn sie am 24. April erstmals den Landtagsbeschluss vom 8. März beraten: „Angliederung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg als regionale staatliche Bibliothek an die Bayerische Staatsbibliothek“.

Helmut Gier, der am 1. September nach 27 Direktionsjahren in den Ruhestand geht, wird als Gastgeber mit dabei sein. Er hat mit der laufenden Vitrinenschau zum 350. Todestag des Augsburger Optikers Johann Wiesel (1583–1662) seine von mittelalterlichen Klosterbibliotheken über Luther bis Brecht reichende Ausstellungstätigkeit um diesen ersten gewerblichen Fernrohrbauer in Deutschland bereichert.

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Besuch in der Werkstatt von Prinz, Herzog, Mönch

Der aus der Pfalz stammende Wiesel erwarb 1621 das Augsburger Bürgerrecht und wurde 1649 in den Großen Rat der Stadt gewählt. In seiner optischen Werkstatt verkehrten ein dänischer Prinz und ein italienischer Herzog ebenso wie der Kapuziner Anton Maria de Rheita (aus Reutte/Tirol), mit dem er das terrestrische Fernrohr mit vier konvexen Linsen entwickelte.

De Rheitas 1645 in Antwerpen gedrucktes „Opus“ liegt in einer der sieben Vitrinen neben einem 1656 datierten eigenhändigen Schreiben Wiesels (dem einzigen in Augsburg erhaltenen) und neben einer Schrift von 1633, die Wiesel als Leutnant jener Bürgerwehr aufführt, die Schwedenkönig Gustav Adolf nach Einnahme der Stadt im Dreißigjährigen Krieg verfügt hatte.

Ohne das um 1608 in Holland erfundene Teleskop mussten die Astronomen mit dem bloßen Auge auskommen, sei es Kopernikus, sei es Tycho Brahe (mit seinem Augsburger Quadranten), sei es der Augsburger Jurist und Sternforscher Johann Bayer. Alle drei sind hier mit Schriften vertreten. Desgleichen der schon am Fernrohr geübte Galilei mit der 1613 in Rom erschienenen Publikation, mit der er sich erstmals in einem gedruckten Buch entschieden für das kopernikanische System ausspricht. Wie selbstverständlich präsent ist ferner Kepler, der auch mit dem Galilei-Teleskop gearbeitet und selbst ein astronomisches Fernrohr entwickelt hat, wie er es in dem 1611 in Augsburg erfolgten Druck beschreibt.

Das älteste Zeugnis seiner Art in ganz Europa

Der „Perspectivmacher“ Johann Wiesel erfährt in weiteren Schriften Lob und Anerkennung, so von Giovanni Battista Riccioli (1651), Georg Philipp Harsdörffer (1651), Kaspar Schott (1664). Seine Werkstatt wurde von seinem Schwiegersohn Daniel Depiere weitergeführt. Dessen ebenfalls ausgestellter Katalog von 1674 ist das älteste in Druck erhalten gebliebene, mit Preisangaben versehene Gesamtverzeichnis eines Instrumentenbauers (speziell eines Optikers) in Europa.

Eine Vitrine enthält den Nachbau eines Wiesel-Fernrohrs von 1657 und die zeichnerische Wiedergabe eines 1655er Wiesel-Teleskops, das von einem Schweizer Sammler 2010 im Brüsseler Antiquitätenhandel erworben wurde und insofern sensationell ist, als es die gesamte originale Optik bewahrt hat.

Auf ein Exponat sei am Schluss noch hingewiesen: Es ist der Augsburg-Plan des Wolfgang Kilian von 1626 mit einem Ausschnitt, der das 1637 von Wiesel erworbene Renaissancegebäude im Domviertel zeigt. Derselbe Ausschnitt hängt heute auch groß am Baugerüst desselben Wiesel-Hauses – mit dem Vermerk „Umbau zum Fugger und Welser Erlebnismuseum“. Das heißt: Johann Wiesel wird die Zeit der Stabi-Vitrine überdauern.

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