Augsburger Aktion

20.06.2012

Sichtbar werden

Die Schauspieler sind unten, die Zuschauer oben auf dem Rathausbalkon. Über Kopfhörer kann das Publikum das Stück verfolgen.
Bild: Daniela Deeg

Augsburger Künstler machen auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam

Zunächst ist da nur Adis Stimme. Sie erzählt von einem anderen Leben, von einer Kindheit in Afghanistan und davon, wie ihm seine Mutter damals das Zeichnen beigebracht hatte. Dann kam der Krieg, Adi musste fliehen. Die Menschen, die Adis Geschichte hören, stehen auf dem Balkon des Augsburger Rathauses, die Stimme des jungen Afghanen hören sie über Kopfhörer. Adi selbst ist nicht zu sehen. Er steht irgendwo auf dem Rathausplatz zwischen den Passanten mit Einkaufstüten. „Das unsichtbare Theater“ lautet der Titel der Inszenierung, von der Adi ein Teil ist. Zu welcher Person auf dem Platz passt die Stimme? Wer ist Adi, der Flüchtling? Erst später gibt er sich zu erkennen.

Das Theaterstück, konzeptioniert von Petra Leonie Pichler, ist Teil der Kampagne „Ich bin unsichtbar“, mit der das Künstlerensemble Bluespots Productions am gestrigen Internationalen Flüchtlingstag auf die Situation von Flüchtlingen in unserer Gesellschaft aufmerksam machen wollte.

Den Menschen, die unsichtbar sind, ein Gesicht geben

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„Flüchtlinge leben mitten unter uns, doch sie sind fast komplett unsichtbar“, sagt Fotografin Christina Maria Pichler. Den Menschen, die sonst kaum zu sehen sind, ein Gesicht zu geben, war die Motivation für Pichlers Fotografien, die gestern im Rathaus ausgestellt waren. Alle sind schwarz-weiß, die Tristesse, die die Werke ohnehin ausstrahlen, wird so noch intensiviert. Auf einem der Fotos ist Adi zu sehen, der Zeichner aus Afghanistan. Er blickt traurig. Seinen Beruf darf er in Deutschland nicht ausüben. Auf einem anderen Bild ist Musa abgebildet. Er arbeitete in Uganda als Journalist. Weil er nicht bereit war, zu schweigen, musste er fliehen. Doch von der Freiheit, seine Meinung ungehindert äußern zu dürfen, kann Musa in Deutschland nicht Gebrauch machen, denn auch er darf hier nicht arbeiten. „Meine Träume von einem Ort, den ich Heimat nennen kann, und mein Streben nach einem besseren Leben sind auch zweieinhalb Jahre nach meiner Flucht nicht mehr als ein Wunsch.“ Diesen Satz hat Musa in der Schreibwerkstatt der Organisation „Tür an Tür“ geschrieben, die sich für die Integration von Flüchtlingen einsetzt. Die entstandenen Werke wurden im Rathaus ausgestellt.

Die Geschichten der Flüchtlinge aus den Katastrophengebieten erzählten die Künstler nicht nur im Theater und mit Fotos. Der Regisseur Mathias Fiedler begleitete über ein Jahr das Leben von Flüchtlingen in Augsburg. Aus seinen Recherchen ist der Dokumentarfilm „Leben verboten“ entstanden, der beim Flüchtlingstag vorgeführt wurde. „Ich wollte mir die Unterkünfte ansehen und mir ein Bild vom Leben dieser Menschen machen“, sagt Fiedler. „Jedes Mal, wenn ich aus den Unterkünften wieder rausgekommen bin, war ich deprimiert. Ich wurde konfrontiert mit schrecklichen Geschichten aus der Heimat der Menschen und mit dem isolierten Zustand, in dem sie hier leben müssen.“ Ein zweiter Film, der sich dem Thema widmet, ist der Kurzfilm „Heimat“ von Pierre-Yves Dalka. Die konservative Bayerin Johanna begegnet der Asylbewerberin Lucille. Der Widerspruch zwischen den kitschigen Heimatbildern und dem Thema Flucht verdeutlicht den Konflikt, mit dem Asylbewerber konfrontiert werden. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik schafft vor allem eins: die Probleme und Nöte der Menschen sichtbar zu machen.

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