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Sinti und Roma

16.07.2016

Spurensuche im Fischerholz

In Bauwagen oder Baracken lebten die Sinti und Roma Mitte der 1950er-Jahre im Fischerholz. Bei einem Ortstermin der Sozialbehörde nahm ein unbekannter Fotograf dieses Bild auf.
Bild: Repro Stadtarchiv Augsburg

Der theatrale Spaziergang „Schluchten – Neue Nachbarn“ erschließt einen umstrittenen Stadtteil und erzählt Geschichten von praller Lebenslust und bitterer Armut

Fischerholz – der Name hat in Augsburg einen schillernden, fast magischen Klang. Ins Fischerholz durfte man früher nicht gehen, jedenfalls als braves Augsburger Mädchen nicht. Das war (wie man heute sagen würde) eine „No-go-Area“ – wer weiß, was da passieren konnte –und es war gerade deswegen so verführerisch. Fischerholz, das war auch ein Sehnsuchtsort, das klang nach Abenteuer, Fremdheit, ungezügelter Lebenslust. Im Fischerholz, da lebten Diejenigen, die man nicht in der Mitte der Gesellschaft haben wollte. Das waren neben Arbeits- und Obdachlosen vor allem die Zigeuner, wie man damals die Sinti und Roma nannte, und so spiegelt sich im Namen des Stadtviertels jenes ambivalente Verhältnis, das die Mehrheit gegenüber der Minderheit seit Jahrhunderten einnimmt: Misstrauen und Verachtung einerseits; Faszination und Bewunderung andererseits. Was dabei ausgegrenzt wird, das ist die leidvolle Geschichte der Sinti und Roma, die Vorurteile ihnen gegenüber – und auch die Möglichkeit des Kennenlernens.

Diese Möglichkeit will nun Dorothea Schroeder mit ihrem Theaterprojekt „Schluchten – Neue Nachbarn“ eröffnen. Zusammen mit der Dramaturgin Katrin Dollinger und dem Münchner Theaterprojekt-Verein Nyx e.V. lädt die 41-jährige Regisseurin im Rahmen des Friedensfest-Programms dreimal zu einem theatralen Stadtspaziergang durch das Fischerholz ein. Das Publikum kann sich auf ein Stationen- und Erzähltheater einstellen – man sitzt da nicht auf Stühlen vor einer Bühne, sondern wandert durch die Äußere Uferstraße und die Schönbachstraße, durch den Westen- und Nordendorfer Weg. An verschiedenen Stationen erzählen Bewohner vom Leben der Sinti und Roma, spielen Profi-Schauspieler Szenen von praller Lebenslust und bitterer Armut, von der Ablehnung der „Zigeuner“ durch ihre Nachbarn und der Verfolgung durch das Nazi-Regime. Marcella Reinhardt, Vorsitzende der schwäbischen Regionalgruppe im Landesverband Deutscher Sinti und Roma, freut sich auf das Theaterstück: „Das ist ganz wichtig für uns Augsburger Sinti, denn das Fischerholz ist unser Zuhause.“

Zigeuner-Folklore wird man bei dem zweistündigen Theaterabend nicht erleben, sagt Dorothea Schroeder, sondern „das Fischerholz, wie es heute ist, gespiegelt in den Lebenserfahrungen der Sinti und Roma.“ „Schluchten – Neue Nachbarn“ heißt das Projekt, weil Schroeder es vor einem Jahr in München-Steinhausen, in der sogenannten „Zigeunerschlucht“, schon einmal realisiert hat. Jetzt in Augsburg spielt der Titel darauf an, dass die Augsburger im Fischerholz nach 1945 „neue Nachbarn“ bekamen, eben die Sinti und Roma, die den Holocaust der Nationalsozialisten an ihrem Volk überlebt hatten und sich am nördlichen Stadtrand von Augsburg eine neue Heimat aufbauen wollten. Unter vielen, die 1945 im Fischerholz ankamen, war etwa der junge Josef Reinhardt, der als Einziger seiner Familie Auschwitz überlebt hatte (seine Eltern und vier Geschwister wurden dort ermordet) und nun mit seiner Frau Maria sowie den nach und nach geborenen acht Kindern im Fischerholz lebte, zunächst im Wohnwagen, später in einer Holzbaracke und dann in einem städtischen Wohnblock.

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Solche und andere Geschichten wird man bei dem Theaterspaziergang hören und sehen können – auch die von Herrn Schwarzenberger, einem Angehörigen der Jenischen (eine Minderheit, die oft mit „Zigeunern“ gleichgesetzt wird), der im Zirkuswagen geboren wurde, oder von der Sozialpädagogin Uta Horstmann, die den Bürgerrechtskampf der Sinti und Roma aktiv unterstützt. Dorothea Schroeder hofft darauf, dass von den schätzungsweise 500 Sinti in Augsburg einige ihre Geschichten erzählen, und dass die Zuschauer nachfragen werden. „Nach meiner Erfahrung entstehen da immer interessante Gespräche.“

Schroeder kann auf eine Vielzahl von Projekten zurückblicken: Die temperamentvolle junge Regisseurin, die mit ihrem Mann, einem Dramaturgen am Theater Augsburg, und zwei kleinen Kindern in Lechhausen lebt, hat schon in Mannheim, Jena und anderen Städten soziokulturelle Theaterprojekte realisiert, neben klassischen Inszenierungen in Stadttheatern zwischen Düsseldorf und Halle. Auch in Augsburg inszenierte sie – „Das Chasarische Wörterbuch“ von Milorad Pavic im Jahr 2003. Bei einem Projekt in Linz („Lebenstraum Österreich“ über Migration) geschah es dann, dass ihr Interesse an den Sinti und Roma und deren grausamer Geschichte geweckt wurde. Interesse daran haben offenbar nicht wenige Menschen: Nachdem diese Zeitung einen Aufruf veröffentlicht hatte, hätten sich „sehr, sehr viele Zeitzeugen“ gemeldet, erzählt Dorothea Schroeder – auch ein Beweis dafür, wie sehr das Fischerholz im Gedächtnis der Augsburger verankert ist.

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