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Geschichte

04.06.2012

Technik galt mehr als Werksgemeinschaft

Zur Hundertjahrfeier ließ die MAN 1940 von Fritz Behn ein Standbild ihres Gründers Heinrich von Buz in der Pose des fürsorglichen Herrschers entwerfen.
Bild: Widholm

Wie sich die MAN und das Stadttheater durchs Dritte Reich lavierten. Neuer Band des Historischen Vereins für Schwaben

In Stein gemeißelt thront Firmenpatriarch Heinrich von Buz noch immer über den Seinen. Zur Hundertjahrfeier der MAN wurde 1940 das Denkmal von Bildhauer Fritz Behn in der Pose eines fürsorglichen und vorausschauenden Herrschers entworfen. Hernach wurde das klobige Standbild an der Stadtbachstraße mit dem Dritten Reich nie in Verbindung gebracht. Wie der Maschinenbaukonzern „zwischen Anpassung und Distanz“ ideologisch elastisch durch das NS-Regime kam, beschreiben Karl Borromäus Murr und Benjamin Widholm im neuen 104. Band der Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben.

Sinfonie der Arbeit zelebrierte den Dieselmotor

Ausgangspunkt ihrer Untersuchung sind zwei große Jubiläen, die 1937 und 1940 im Augsburger Werk begangen wurden. Dank der Rüstungsaufträge steigerte die MAN in den Dreißigern Umsatz und Beschäftigte jeweils um das Vierfache. Ein linientreuer Musterbetrieb war sie laut Murr und Widholm dennoch nicht. Zwar sprach man in der Rhetorik der Zeit von Heimatfront, vom deutschen Lebenswillen und dass es in der Werksgemeinschaft gelte, „durch äußerste Pflichttreue mitzuringen um den Sieg“. Aber die beiden Feiern konzentrierten sich vornehmlich auf die Technikgeschichte – wenn auch wiederum in der Dramaturgie von Kampf und Erlösung und der Vorstellung, dass die Natur dem Willen und schaffenden Geist des Menschen unterworfen sei. In einer Ästhetik der Überwältigung wurde 1937 Diesels Motor mit einer „Sinfonie der Arbeit“ zelebriert.

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Die beiden Industriehistoriker stellen fest, dass die MAN-Führung die Nazibonzen nicht zu Wort kommen ließ, wohl aber den politisch nicht gelittenen ehemaligen Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten, Fritz Büchner, mit der Festschrift 1940 beauftragten. Die Sympathien des Augsburger Direktors Otto Meyer wie des Vorstandsvorsitzenden der Gutehoffnungshütte, Paul Reusch, für die Nazis waren gering. Meyer war mit der Jüdin Stella Reichenberger verheiratet und galt beim Oberkommando der Wehrmacht als „Anti-Nazi“.

Freilich: In der MAN-Arbeiterschaft sorgten das erhöhte Arbeitspensum, die zunehmende Bespitzelung und die mangelnde Vertretung ihrer Interessen durch die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront für Missstimmung. „Die Zustände im Betrieb ähneln in Arbeitsmethode, Aufsicht und Kontrolle dem Leben und Treiben in einer Kaserne“, hieß es in oppositionellen Berichten im September 1937. Umso mehr erhebe sich, so Murr und Widholm, die Frage, warum die Unternehmensspitze die Feierlichkeiten 1937 und 1940 nicht mehr zur Integration ihrer eigenen Belegschaft nutzte. Es gab nur eine kurze Arbeitspause, um sich die Lautsprecherübertragung der Reden anzuhören. 18000 Mark wurden 1937 an sie spendiert, das Doppelte für Dekoration.

Hitlers Sympathie wandte die Schließung des Theaters ab

Ebenfalls eine nicht lupenreine Gefolgschaft zum NS-Regime schildert Felix Bellaire für das Augsburger Stadttheater im Dritten Reich. Adolf Hitler selbst hatte den Umbau der Fassade veranlasst und persönlich in die Pläne eingegriffen. Dies hatte zur Folge, dass die Stadtverwaltung bei Kriegsbeginn 1939 auf Weisung des „Führers“ rasch wieder davon abrückte, das Haus zu schließen. Und dass auf „Deutschlands modernster Bühne“ große und zeitgenössische Oper auch noch in Zeiten kriegsbedingter Einschränkungen gespielt wurde. In der Werbung hieß es: „Theaterbesuch ist kultureller Dienst am Volk!“

Schon Intendant Erich Pabst hatte sich 1933 angepasst und die Werke jüdischer Autoren gegen solche von arischen Dichtern ausgewechselt. In der beliebten Operette gab es damit empfindliche Lücken, doch andererseits erreichte Pabst, dass die Freilichtbühne als „reichswichtig“ vom Reichspropagandaministerium finanziell gefördert wurde. Richard Strauß dirigierte dort 1936 persönlich seine Oper „Elektra“.

Nachdem das künstlerische Niveau unter Leon Geer stark abgefallen war, musste 1938 Willy Becker die Sache richten. Allerdings gelangte in der Spielzeit 1939/40 nur die Hälfte der angesetzten 23 Opern, 21 Schauspiele und sieben Operetten zur Aufführung wegen der Personalverknappung infolge von Einberufungen zur Wehrmacht. 1941 gelang es Becker sogar, die Komödie „Das lebenslängliche Kind“ eines gewissen Robert Neuner neun Mal aufzuführen. Hinter dem Decknamen verbarg sich der mit Schreibverbot belegte Erich Kästner.

Zu viele Sträuße für die Bühne ärgerten die Floristen

Immer mehr Aufführungen wurden in den Kriegsjahren gegeben, im Schauspiel vorwiegend heitere Stücke, die vor allem in geschlossenen Vorstellungen der NS-Gliederungen die Leute bei Laune halten sollten. Im Rahmen der „Wehrbetreuung“ gab das Ensemble zudem auswärts 19 Vorstellungen für die Wehrmacht und 16 in Lazaretten. Die Begeisterung der Augsburger für ihr Theater in den Kriegsjahren war übrigens so groß, dass sich 1943 der Obmann der Fachgruppe Blumenbindereien darüber beschwerte, dass die Überreichung von Blumen auf der Bühne „zu einer wahren Plage“ geworden sei und die Geschäfte „ausgeplündert“ würden.

Als am 25./26. Februar 1944 auch das Stadttheater total zerstört wurde, spielte man weiter im Ludwigsbau. Ein leidenschaftlicher Appell von Spielleiter Walter Oehmichen an den Oberbürgermeister konnte allerdings nicht verhindern, dass im September 1944 auf Weisung von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels auch in Augsburg das Theater eingestellt wurde.

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