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Augsburg

20.02.2013

Tunesier zündete sich selber an - Behandlung in Augsburg

Aladdine Salah
2 Bilder
Was bringt einen Teenager dazu, sich mit Benzin zu übergießen und anzuzünden? Aladdine Salah war verzweifelt, als es zu dieser Kurzschlusshandlung kam. Er überlebte schwer verletzt, hat immer noch offene Wunden am Kopf, die Verbände müssen täglich gewechselt werden. Die Augsburger Ärzte Dr. Peter Knorr und Dr. Peter Stiller (rechts) wollen dem Jungen helfen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Politische Suizide im „Arabischen Frühling“ lösten eine Welle unter Jugendlichen aus. Auch der 15-jährige Aladdine verbrannte sich selber. Jetzt wird er in Augsburg behandelt.

Aladdine Salah war 15, als er beschloss, sich zu zerstören. Er verließ das Haus seiner Familie in der tunesischen Stadt Gafsa, kaufte am Straßenrand einen Kanister mit Benzin und ging zu einem Olivenhain. Dort schüttete er sich das Benzin über den Körper und zündete sich an.

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Das war im Januar 2012, ein Jahr nach der „Jasminrevolution“, die zum Sturz des autokratischen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali geführt hatte. Sie war ausgelöst worden durch die Selbstverbrennung des 26 Jahre alten Mohamed Bouazizi, auch andere Männer versuchten in der Folge, sich als Protest gegen das Regime und die Lebensbedingungen zu verbrennen, zwei von ihnen starben.

Verzweifelter Aufschrei gegen Unterdrückung

Das löste ein schreckliches Phänomen aus. Aladdines Onkel Ammar Chawki erklärt es so: „Die Männer wurden verehrt wie Helden. Viele Jugendliche, die verzweifelt waren, zündeten sich danach selber an, es war wie eine Welle.“ Bei dieser Welle ging es nicht um Politik, aber es ging ebenfalls um Unterdrückung. So wie Ben Ali rigide über sein Land geherrscht hatte, herrschen in den Familien autoritäre Väter. Gegen sie kommen die Frauen und Kinder nicht an. Auch Aladdine, das jüngste von sechs Geschwistern, war deshalb verzweifelt.

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Allein in diesem Januar 2012 zündeten sich vier junge Menschen an, nur Aladdine überlebte: Arbeiter, die Oliven pflückten, erstickten die Flammen mit einer Decke. „Keiner hat gedacht, dass er überleben würde“, sagt der Onkel. Er überlebte. Jetzt ist er in Augsburg. Ein Team von Ärzten versucht, ihm zu helfen.

Einer von ihnen ist Dr. Peter Stiller, Mannschaftsarzt des FC Augsburg und Hausarzt von Aladdines Onkel. Die tunesischen Ärzte hätten großartige Arbeit geleistet, loben er und Dr. Peter Knorr, Oberarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Augsburg. Zwei Wochen lag der 15-Jährige in Tunesien im künstlichen Koma, vier Monate auf der Intensivstation. Er erlitt schwerste Verbrennungen am Kopf, an Oberkörper, Armen und Händen, musste mehrere Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. Immer noch hat er offene Stellen am Hinterkopf; beide Ohren fehlen. Hinzu kam laut Knorr die Verbrennungskrankheit, bei der der gesamte Körperhaushalt zusammenbricht.

Aladdine braucht psychologische Hilfe

Der Chirurg will die Wunden am Kopf, die mehrmals am Tag verbunden werden müssen und sehr weh tun, endlich schließen. Allerdings steht ein Problem dieser OP im Weg: Durch die künstliche Beatmung hat sich die Luftröhre verengt, Aladdine bekommt kaum Luft, sein Atem geht röchelnd. Was für eine OP nötig ist, steht noch gar nicht fest. Ein Eingriff an dieser Stelle gilt als sensibel. Ihn nehmen in der Regel nur Spezialisten vor.

Bereits jetzt trägt Aladdine einen Kompressionshandschuh, den das Sanitätshaus Ganter gespendet hat. Später wird eine Kompressionsweste von der Firma Juzo hinzukommen. Diese drücken das Narbengewebe zusammen. So wird Aladdine zum Beispiel irgendwann wieder eine Faust machen und arbeiten können. Es wäre besser gewesen, die Behandlung hätte früher begonnen, als die Narben sich noch nicht so verhärtet hatten, sagt Knorr. Doch es dauerte acht Monate, bis Aladdine ein Visum für die dringend nötige Behandlung erhielt. Und selbst jetzt hat er Angst, dass er mittendrin wieder ausgewiesen wird.

Außerdem braucht Aladdine psychologische Hilfe. Er schämt sich seiner selbst. Der eigentlich so hübsche Junge, der mitten in der Pubertät steckt, wünscht sich sehnlichst seinen unversehrten Körper zurück. Und er hat Schuldgefühle wegen seiner Tat: Seine Familie musste ihr Haus verkaufen, um die Krankenhausrechnungen zu bezahlen.

Nur manchmal blitzt sein Lächeln auf

Aladdine sitzt zusammengesunken in der Praxis des Therapeuten Dr. Peter Lindner, Vorsitzender des Forums interkulturelles Leben und Lernen. Kapuzenjacke und Schal kaschieren die Narben, die sein Gesicht verunstalten. Seine Worte kommen verhalten. Nur als Lindner ein bisschen mit ihm scherzt, blitzt ein Lächeln auf, das ahnen lässt, wie Aladdine früher war, als er ganz normal zur Schule ging und nebenbei mit dem Verkauf von Handys ein bisschen Geld verdiente.

Die Ärzte, die ihm helfen, tun das unentgeltlich. Auch sonst kam Unterstützung. Doch es wird noch eine Menge Geld nötig sein, um Aladdines Traum zu erfüllen: Wieder eine Chance zum Leben zu bekommen. Daher bitten die Helfer um Spenden – gerade für Augsburg, der Friedensstadt, wäre das eine schöne Geste, sagt Lindner.

Spendenkonto Bunter Kreis, Kontonummer 46 46 6, Kreissparkasse Augsburg, Bankleitzahl 720 501 01, Stichwort: Tunesien.

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