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Vladimir Korneev aus Augsburg

26.12.2011

Vom Suchen und Finden der Sprache

Anfang Dezember hat Vladimir Korneev im Bundeswettbewerb Gesang den 2. Preis gewonnen. Am Gymnasium bei St. Stephan blühte der Georgier auf.
Bild: Foto: privat

Vladimir Korneev stotterte massiv, als er mit sieben Jahren von Georgien nach Augsburg flüchtete. Heute ist er als Schauspieler, Musical- und Chansonsänger erfolgreich.

Es hätte auch anders kommen können. Hätte sein Vater nicht eines Abends beschlossen, Georgien sofort mit gefälschten Papieren zu verlassen, hätte sein Direktor nicht dafür gesorgt, dass das stotternde Kind ohne Deutschkenntnisse nicht in eine Schule für Behinderte musste, wer weiß, was für ein Mensch Vladimir Korneev geworden wäre.

Anfang Dezember hat der 24-Jährige mit seinem Lied „Spiel nicht mit mir“ den 2. Platz beim Bundeswettbewerb Gesang in der Sparte Chanson belegt. 2009 dieselbe Platzierung in der Sparte Musical. Auszeichnungen, die zeigen, dass schwierige Voraussetzungen ein Leben zwar prägen, aber nicht zwangsläufig vorherbestimmen müssen. „Ich war es immer gewöhnt, dass man nichts umsonst bekommt“, sagt der Sänger. Wenn er etwas wirklich wollte, habe er nie locker gelassen.

Mit Mutter und einer Waffe unter der Bettdecke versteckt

Vladimir Korneev war sieben, als er mit seinen Eltern im Krieg flüchtete. Erinnerungen an die Auseinandersetzungen zwischen Russland und Georgien kommen noch heute hoch – an die Nacht zum Beispiel, in der er mit seiner Mutter, einer Taschenlampe und einer Waffe unter der Bettdecke kauerte. Der Vater hatte gesagt, sie solle schießen, wenn ein Fremder komme.

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Von Berlin aus wurde die Familie in ein Augsburger Asylantenheim verwiesen. Ein Zimmer für Vater, Mutter, Kind, ein Leben zwischen Gemeinschaftsdusche und Sammelküche. Vladimir stotterte massiv, schon immer. So sehr, dass er lieber ziellos umherlief, als jemanden nach dem Weg zu fragen. Korneev sagt, er wolle eigentlich gar nicht so viel über das Stottern reden, nicht auf diesen Aspekt reduziert werden. Lieber spricht er über seine Ideale bei der Arbeit, über das, was ihn ärgert. „Eitelkeit killt Kunst“, sagt er dann, oder: „Die Wichtigkeit sollte ein Künstler schon dem Text und der Musik überlassen.“

Das, was ihn heute bewegt, war dem 24-Jährigen lange sehr fremd. Der Musicaldarsteller, Bariton-Sänger, Schauspieler und Pianist studiert seit 2008 Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Als der gebürtige Georgier in die neue Heimat kam, konnte er kein Wort Deutsch. Seine Eltern sorgten dafür, dass er trotz allem eine normale Grundschule besuchte. Nicht überall kam das gut an: Eine Lehrerin fand, dass er geistig zurückgeblieben und besser in einer Förderschule für Behinderte aufgehoben sei. Der Direktor entschied, dass Vladimir bleiben durfte. 2007 machte er am musischen Gymnasium bei St. Stephan Abitur.

In der dritten Klasse begann der Bub, Klavier zu spielen – zunächst auf einem Keyboard, weil seine Eltern kaum Geld hatten. „Am Klavier konnte ich mich plötzlich so ausdrücken, wie es mit dem Sprechen nie ging.“ Vladimir bekam den Respekt, den er vermisst hatte. Er nahm sich vor, Pianist zu werden, übte bis zu acht Stunden am Tag.

In der neunten Klasse gab ihm die Lehrerin die Hauptrolle

Von sich selbst sagt er, er sei schon immer eine Art Außenseiter, einer, der anderen etwas beweisen will. Wie damals in der neunten Klasse, als er bei einem Vorsprechen des Schultheaters mitmachte. Er, der Stotterer. Er hatte so lange den Text gesungen und geübt, dass die Lehrerin ihm sogar die Hauptrolle gab – trotz der Sprachschwierigkeiten, wohl aus pädagogischen Gründen, denkt Vladimir Korneev heute.

Bei der Premiere des Stücks stotterte der damals 16-Jährige kein einziges Mal. Zum allerersten Mal. „Die Rolle stottert ja nicht“, erklärt er sich diese plötzliche Änderung heute, „also hab ich auch nicht gestottert“. Die Vorstellung, in die Rolle eines Fremden zu schlüpfen, „und sei es nur Mickey Mouse“, hilft ihm seitdem auch im Privaten. Nur noch ganz, ganz selten fängt Korneev an, zu stocken.

Als er 2007 in einem Musical des Jungen Team Theaters Augsburg vor das Publikum trat, spielte das Stottern schon lange keine Rolle mehr. Holger Seitz nahm ihn als Regieassistenten mit ans Münchner Gärtnerplatztheater. Korneev bewarb sich an der Bayerischen Theaterakademie, um Musical zu studieren – Schauspiel, Gesang, Tanz – und wurde sofort genommen.

Mittlerweile tritt der Sänger, der im Sommer sein Diplom macht, am Münchner Prinzregententheater und im Berliner Friedrichstadtpalast auf, gibt den Mackie Messer in Brechts „Dreigroschenoper“, oder Moritz Stiefel in Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Die ihm liebste Rolle ist aber die des Chansonsängers. Einmal im Monat tritt der 24-Jährige mit einem Soloprogramm in der Münchner Jazzbar Vogler auf, mischt Chansons mit Jazz oder Skat – und richtet die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein Genre, das durch Mainstream-Musik in Vergessenheit geratenen ist. „Chansons“, sagt er, „sind das Gegenteil von Oberflächlichkeit“.

Bei seinen Auftritten singt er, dessen größte Hürde einst das Sprechen war, auf Französisch oder Russisch, auf Deutsch oder Spanisch. „Solange es ehrlich ist und von Herzen kommt, kann man alles singen – und die Menschen verstehen es, ob sie die Sprache können oder nicht.“

Auftritte Vladimir Korneevs Wettbewerbsauftritt ist nachzuhören unter www.bundeswettbewerbgesang.de. Im Januar spielt er am Münchner Gärtnerplatztheater im Musical „Grand Hotel“.

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