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08.02.2015

Warum Augsburg ein Theater braucht

Wie lange wird man hier noch ins Theater gehen? 2016 muss das Große Haus voraussichtlich geschlossen werden. Doch die Sanierung wird teurer als gedacht.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die Stadt hat kein Geld, um die Spielstätten des Augsburger Theaters zu sanieren. Sollte man sie da nicht besser zusperren? Nein!

Natürlich melden sich jetzt viele zu Wort, die die einzig wahre Lösung kennen: Sperrt das Theater einfach zu, sagen sie. Verzichtet auf die Sanierung des Kulturtempels, der nur Steuergelder verbrennt, sagen sie. Investiert die 200 Millionen für die Sanierung lieber in die Schulen, auch das sagen sie. Solche Argumente werden reflexartig angeführt, wenn es um Investitionen in öffentlich subventionierte Kultureinrichtungen geht.

Kultur wird als Kür empfunden

Kultur wird nun einmal als Kür empfunden. Kommunen brauchen Schulen und Straßen, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber ein Theater, das laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins die Hälfte der Bürger nie und eine Minderheit öfter als zwei, drei Mal im Jahr besucht – brauchen sie das? Geben wir die Antwort an dieser Stelle ausschließlich für Augsburg: Ja, die Stadt braucht es. Unbedingt!

Fast 250 000 Besucher kamen in der letzten Spielzeit ins Theater. Man könnte nun Vergleiche anstellen mit den Panthern (136 000 Besucher pro Saison) oder mit dem FCA (464 000 Besucher pro Saison). Doch es wäre fatal, ein Angebot gegen das andere auszuspielen. Eine Großstadt ist ja gerade deshalb lebenswert, weil sie ihren Bewohnern Vielfalt bietet. Das unterscheidet sie – unter anderem – vom ländlichen Raum.

Eben in dieser Vielfalt liegt nun das Problem Augsburgs. Die Stadt kann sie sich kaum noch leisten. Zwei Nachrichten dieser Woche machen das deutlich: Im Zoo gibt es vielleicht bald keine Elefanten mehr, weil die Anlage alt ist und das Geld für eine neue fehlt. Dann der „Theater-Schock“: 200 Millionen sind nötig, will man den Standort so herrichten, dass wieder ein Theaterbetrieb möglich ist, der die Mitarbeiter nicht krank macht und effiziente Arbeitsabläufe garantiert. Selbst wenn diese horrende Summe vorhanden wäre, wäre ein weiteres Problem nicht gelöst. Denn das Theater will nicht nur in der Substanz erhalten sein. Auch der Spielbetrieb wird zu einem Großteil von der Stadt subventioniert. Pro gekaufter Karte liegt der Zuschuss bei rund 65 Euro.

Dennoch: Die Regierung stellt die Notwendigkeit des Theaters nicht in Abrede – und das ist gut so! Es gehört zum Selbstverständnis dieser Stadt mit ihren rund 280.000 Einwohnern. Seit dem 17. Jahrhundert hat sie ein eigenes Theater, aktuell ist Augsburg das einzige Dreispartenhaus Schwabens.

Warum sollen sich Landkreise nicht beteiligen?

Die Wirkung, die es weit über die Stadtgrenzen hinaus entfaltet, lässt sich an Zahlen ablesen: Etwa die Hälfte der Besucher kommt aus dem Umland. Viele verbinden den Theaterabend mit einem Restaurantbesuch oder einem Einkaufsbummel. Sie bringen Augsburg das, worum es seit dem Innenstadtumbau so verzweifelt wirbt: Frequenz und Einnahmen. Vor diesem Hintergrund müssen Gedankenspiele erlaubt sein, die bei der Sanierung auch die Landkreise in die Pflicht nehmen. Sie profitieren vom Angebot des großen Nachbarn. Warum sollten sie nicht ihren finanziellen Beitrag zu dessen Erhalt leisten? Möglich wäre ein Kulturfonds, wie es ihn in Hessen bereits gibt. Beteiligt sind Städte und Kreise aus der ganzen Region.

Von der Sogwirkung abgesehen sprechen weitere Argumente für den Erhalt des Theaters. So erfüllt es eine bildungspolitische Aufgabe: In der letzten Spielzeit wurden 28 000 Karten an Schülergruppen verkauft. 240 Schulen aus der Region besuchen Vorstellungen, die sie im Unterricht erarbeitet haben. Für viele Kinder sind diese Besuche die erste Begegnung mit dem bislang unbekannten Medium. Gäbe es das Theater nicht, wäre diese Erfahrung kaum möglich. Freie Ensembles, die sich auf Kinder- und Jugendstücke verstehen, haben kaum Klassiker auf dem Spielplan.

Kommen wir zur Wirtschaft. Abgesehen davon, dass das Theater selbst Arbeitgeber für über 300 Menschen ist, trägt es auch zur Attraktivität des Standorts bei. Bei der Akquise von Nachwuchs- und Fachkräften ist ein vielseitiges kulturelles Angebot ein zugkräftiges Argument. Kinos und Veranstaltungshallen allein, so Firmenchefs, reichen nicht. Die Politiker wissen um all diese Argumente – und sie sind um eine Lösung der Herkules-Aufgabe Sanierung bemüht. Wie sie aussehen kann, weiß derzeit keiner. Diese Ausweglosigkeit ist beklemmend. Vielleicht führt sie aber auch zu innovativen Lösungen.

Eine Spendenaktion unter Bürgern würde das Problem nicht lösen, könnte aber eine Identifikation mit dem Theater schaffen. Beim Schaezlerpalais hat dies einst gut funktioniert. Hoffnung Nummer eins ist aber sicherlich der Freistaat. Hier kommt es nun auf das Verhandlungsgeschick der Augsburger Politiker an.

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