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20.06.2017

Warum ein Pinkelbecken große Kunst ist

Marcel Duchamp in späteren Jahren.
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Marcel Duchamp in späteren Jahren.
Bild: dpa

Der französische Künstler Marcel Duchamp legte im Juni 1917 ein Urinal auf einen Sockel, gab ihm einen Namen – und signierte es. Dies gefiel seinen Kollegen ganz und gar nicht. Heute ist das Werk so etwas wie eine Ikone

Es geschah mal wieder in München. Im großbürgerlich-konservativen München, wo der Kitsch blühte – und als solcher möglicherweise erstmals mit dieser Begriffsneuschöpfung bedacht wurde. Wo ein paar Jahre später die abstrakte Malerei ihren Durchbruch erhielt, und Wassily Kandinsky die wegweisende Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ gründete und „Über das „Geistige in der Kunst“ nachdachte und schrieb.

Das war Ende 1911. Ein halbes Jahr später reiste ein junger, angehender französischer Künstler nach München, der einerseits begeistert in der Alten Pinakothek die Cranachs studierte, andererseits so wach und empfänglich für alles Neue war, dass er nach drei Monaten an der Isar, wo er „Über das Geistige in der Kunst“ erwarb, erklären konnte: „Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung.“ Ein Jahr später sollte er – zunächst eher unbemerkt – die Kunst revolutionieren.

Er steckte sein erstes sogenanntes „Readymade“ zusammen, ein Fahrrad-Rad mit Gabel auf einem Hocker. Fertig war die neue Kunst. Aber wie gesagt: Das blieb erst mal eher unbemerkt. Es brachte aber den 1887 bei Rouen geborenen Marcel Duchamp auf den folgenschweren Gedanken, dass der Geschmack der größte Feind der Kunst sei. Noch zwei Readymades fertigte Duchamp, den (heute) berühmten Flaschentrockner und eine Schneeschaufel, die unter dem Titel „In Erwartung des gebrochenen Arms“ wohl in Verbindung damit steht, dass Duchamp bewusst aufgehört hatte zu malen. Ja, er wollte das Malen gezielt verlernen, die Hand vergessen. Dann kam der Juni 1917. Ein Urknall in der Kunstgeschichte, nachwirkend bis heute, Juni 2017.

Damals lebte Duchamp als Dadaist ist New York, damals war er schon deshalb kein unbeschriebenes Blatt mehr in der Metropole, weil man sich dort bereits 1913 über sein kubistisches Gemälde „Nu descendant un escalier No. 2“ erregt hatte, noch ein folgenschweres Werk, eingeschlossen Gerhard Richters weiblichen Akt „Ema“ (1966), die ebenfalls eine Treppe herab steigt. Aber die Erregung von 1913 – verkauft seinerzeit immerhin für 342 Dollar – sollte mit Leichtigkeit übertrumpft werden.

Duchamp nämlich wählte aus dem Sortiment der stadtansässigen Eisenwaren-, Kücheneinrichtungs- und Sanitärfirma „J. L. Mott Iron Works“ das handelsübliche Modell „Bedfordshire“ als sein neues Readymade aus. Und das war ein Pinkelbecken für Männer, ein Urinal. Mehr oder weniger elegant geschwungen, aber halt auch anrüchig.

Aber so einfach wird gerade ein Urinal nicht zum Kunstwerk. Es braucht gewisser Begleitumstände. Dafür sorgte Duchamp: Er war Mitglied der New Yorker Society of Independent Artists und reichte dort das Urinal unter Pseudonym für die jährliche Ausstellung dieser Gesellschaft ein, wohlwissend, dass satzungsgemäß keine Jury sein Werk wird ablehnen können. Duchamp hängte sein Urinal nicht, sondern legte es. Auf einen Sockel – so, wie bislang noch jeder Bildhauer seine Kleinplastik drapiert hatte. Duchamp gab dem Urinal auch einen Namen: „Fountain“, Quelle, Brunnen. Und vor allem: Er signierte es. Mit: R(ichard) Mutt. Quasi so, wie mancher alter Meister aus dem goldenen Zeitalter der Malerei die Werkstatt-Gemäldekopie seines Gesellen signierte und als eigenhändiges Werk autorisierte.

Womit Duchamp aber nicht gerechnet hatte: Entgegen der Satzung wurde er von seinen Künstlerkollegen doch ausjuriert. Sie mochten kein Urinal unter ihre Arbeiten gemischt sehen – und sei es noch so leserlich signiert. Diese Provokation hätte in ihren Augen die eigenen Werke diskreditiert. Und so wurde „Fountain“ erst einmal hinter einer Stellwand versteckt, dann in eine Galerieausstellung überführt – und schließlich ähnlich unangemessen behandelt wie die Badewanne von Beuys 1973. Die Badewanne wurde allzu gründlich „gereinigt“, Duchamps „Fountain“ aber höchstwahrscheinlich entsorgt.

Heute ist das Original jedenfalls verschollen. Doch gibt es aus späteren Jahren, als Duchamps Tat als Kunst-Coup erkannt worden war, etliche Repliken – zuletzt zwölf Exemplare von 1964, vier Jahre vor Duchamps Tod. Sie befinden sich in Museumshand, wobei ein Urinal einmal seiner eigentlichen Bestimmung gemäß verwendet, ein anderes mutwillig zerschlagen wurde.

Soll in einem Satz zusammengefasst werden, was das Grundstürzende an Marcel Duchamps „Fountain“ ist, so muss festgehalten werden: Ausgehend von der Überlegung, welche Umstände ein Artefakt zum Kunstwerk erheben, erklärt Duchamp – abseits vom mythisch aufgeladenen genialen Schöpfertum – ein frei gewähltes (Massen-)Objekt durch Präsentation, Namensgebung, Signatur zu Kunst. Die Neudeklaration von künstlerischem Anspruchs führt nach Neubetrachtung zu Neubewertung.

Unter den vielen Erweiterungen, die der Kunstbegriff erfuhr, sind Marcel Duchamps Readymades die radikalsten.

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