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Literatur

26.08.2017

Was in den letzten Sommertagen lesen?

Immer eine schwierige Frage – die nach der richtigen Lektüre.
Bild: Bernhard Weizenegger

Augsburger Buchhändler verraten, welche Bücher ihre Favoriten sind. Das Spektrum ist weit, der Trend eindeutig.

Das Buch muss der Umgebung entsprechen. Wer in den letzten Wochen Sommerferien noch einen Roadtrip durch die USA plant, liest anders als der Strandleser in Spanien oder auf Sylt. Wer die Sonne auf dem heimischen Balkon genießt, liest im Rhythmus des Vertrauten. Bei der Auswahl des richtigen Buchs geht es um Länge, Stimmung, Setting, Sprache – kurz um nicht weniger als den Charakter. Mit dem falschen Buch wird die Sonne immer blenden, der Wind von der falschen Seite wehen, und der Rücken schon nach der ersten Seite schmerzen. Also wieder die schöne Frage im Sommer: Welche Lektüre? Und wer weiß das besser zu beantworten, als die Augsburger Buchhändler?

In die Provinz Vermonts

Der amerikanische Sheriff, ein wandelnder Uramerikanismus, der alte Colt mit Ladehemmung, steckt in der Sinn- und Seinskrise. Dazu die passende Umgebung: Ein Ort in der Provinz Vermonts. Wer hier noch wohnt, gehört zu den Übriggebliebenen. Und die Gemeinde, die oberflächlich zu funktionieren scheint, spielt ihren eigenen Siedlermythos nach. Dann wird der ansässigen Russenmafia ein Safe geklaut. Soweit die Grundstimmung in der Empfehlung Regina Buzons von der Buchhandlung Pustet. Für sie ist „Auf die sanfte Tour“ von Castle Freeman etwas „Besonderes dieses Jahr.“ Ein typischer Hardboiled-Detective sei der Held Sheriff Wing, viel Coolness strahle er aus, sei wortkarg, gelassen. So ist auch die Sprache des Romans reduziert, jedes unnötige Wort hat sich der Autor gespart. „Es wird alles gesagt, aber mit wenig Worten“, meint Buzon. Eigentlich sei der Roman die perfekte Vorlage für einen Film der Coen-Brüder; er sei das ideale Buch für einen entspannten Morgen auf der Terrasse, der sich dann bis zum Mittag ziehen darf.

Eine Autobiografie

In die Heilige Stadt reist man mit „Die Schönheitskönigin von Jerusalem“. Der autobiografische Debütroman von Sarit Yishai-Levi ist ein Lehrstück über die israelische Geschichte. Angefangen in den 1930er Jahren, zur Zeit des Völkerbundmandats für Palästina, erzählt der Roman bis zur Neuzeit die Familiengeschichte der Nana Strahlend. Es ist ein Buch über Liebe und Familie, erzählt mit sanften Humor und historischer Genauigkeit. So kann man anhand der Geschichte nachfühlen, welchen Fremdkörper die Engländer bis 1948 für die Einwohner bedeuteten. Auch wenn die Buchhändlerin Eva Thoma von der Schlosser’schen Buchhandlung von der physischen Reise in die Region momentan abrät, „das ist ja doch leider ein Krisengebiet zurzeit“, kann sie wenigsten die Reise durch das Buch wärmstens empfehlen. Vor allem für Leser, die besonders an historischen Stoffen interessiert sind.

Wenn es um das Thema Familie geht, hat auch Richard Ford dieses Jahr wieder etwas zu erzählen. Mit 73 Jahren schreibt Ford das Erinnerungsbuch „Zwischen ihnen“ über die eigenen Eltern. Gerade aus der zeitlichen Distanz nähert er sich seiner Herkunft an, mit dem leisen Wunsch, dass die Eltern „durch mein Schreiben einfach erkennbar werden als die zwei Menschen, die sie meiner Behauptung nach waren“. Für Meinolf Krüger von der Taschenbuchhandlung ein „ganz kleines, sehr persönliches Buch“, dass er gerade älteren Menschen empfehlen will, die selbst noch einmal die Erinnerung an den eigenen Ursprung wagen wollen. Es sei ein Buch für Regentage, aber auch dank seines schlanken Formats für unterwegs. Ein zweites Buch sei im Moment besonders lesenswert, meint Krüger. Es ist gerade als Taschenbuch erschienen, heißt „Der Fall Meursault“ von Kamel Daoud. Wer sich gerne mit der Philosophie Albert Camus auseinandersetzt, vor allem mit den Fragen des Absurden in „Der Fremde“, der werde dieses Buch lieben, denn es erzählt die im Algerien der 1930er Jahre spielende Handlung aus der Perspektive des Opfers – und vermittelt Antworten. Wer sich mit Camus nicht auseinandergesetzt hat, aber mit Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, der wird dieses Buch ebenfalls lieben, denn gerade für die aktuelle gesellschaftliche „Diskussion hinsichtlich kultureller Unterschiede ist es eine hilfreiche Romanvorlage“, verspricht Krüger.

Auf drei Zeitebenen

Nicht nur Tierliebhabern rät Brigitte Meyr von Rieger & Kranzfelder zu dem Roman „Die Geschichte der Biene“ von Maja Lunde, der zunächst in Norwegen und jetzt international für Furore sorgt. Das Buch spielt auf drei Zeitebenen. Im England des Jahres 1852, als der Biologe William die Idee für einen neuartigen Bienenstock hat. Im Jahr 2007, als die Bienen anfangen, zu verschwinden, und neunzig Jahre später in China, wo Menschen von Hand Bäume bestäuben. Es werden mit diesem Handlungsgerüst elementare Fragen aufgeworfen: Warum sterben Bienen? Wie fühlt es sich an, wenn ganze Bienenvölker verloren gehen? Wie sieht eine Welt ohne bestäubende Insekten aus? Der Roman zeigt eine Dystopie, die sich gar nicht so fantastisch liest. In Zentrum stehen allerdings die existenziellen, epochengestifteten Probleme dreier Protagonisten, deren Schicksal von den Bienen, aber nicht nur von ihnen abhängt. Für Meyr ergibt sich aus diesem Geflecht ein „Familienroman für jemanden, der zwar etwas über Bienen erfahren möchte, aber dafür keine Lust auf ein Sachbuch hat“.

Zurück in die USA: Es herrscht Wahlkampf. Der Aufschneider hält große Reden, mit denen er die Ängste des kleinen Mannes schürt, er wird zum US-Präsidenten gewählt und entert die Demokratie. Dies geschieht in dem Buch „Das ist bei uns nicht möglich“ vom Nobelpreisträger Sinclair Lewis, geschrieben im Jahr 1935. Diese Geschichte, verfasst als Wahlkampfhilfe für Franklin Roosevelt „ist verblüffend übertragbar“ auf die heutige Zeit, sagt Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt. „Ein Sommerhit für jeden, der sich für die augenblickliche politische Situation zwischen Amerika und Europa interessiert und anspruchsvolle Unterhaltung bevorzugt.“

Ein wenig abgeschlagen

Am Ende fällt bei dieser Auswahl der Augsburger Buchhändler auf, dass sie einen Bogen um die deutsche Literatur machen. Gerade erst wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben – mit Titeln wie Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“. Ein wenig abgeschlagen sei die hiesige Literatur im internationalen Vergleich, hört man hinter vorgehaltener Hand in den Buchhandlungen. Für die Buchhändler steht fest: Eine literarische Reise ins Ausland ist in den letzten Sommerwochen unabdingbar.

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