Newsticker

Rekord bei Corona-Zahlen: 14.714 Neuinfektionen in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Wasser, um rein zu werden

Ausstellung

28.05.2015

Wasser, um rein zu werden

Wie das Treppenhaus einer Schlossanlage wirkt der Zugang zum jüdischen Ritualbad in der hessischen Stadt Friedberg im Taunus. Im 19. Jahrhundert hielt man die monumentale gotische Architektur für Überreste eines römischen Thermalbads. Der Frankfurter Fotograf Peter Seidel hat sie so stimmungsvoll ins Bild gebracht.
2 Bilder
Wie das Treppenhaus einer Schlossanlage wirkt der Zugang zum jüdischen Ritualbad in der hessischen Stadt Friedberg im Taunus. Im 19. Jahrhundert hielt man die monumentale gotische Architektur für Überreste eines römischen Thermalbads. Der Frankfurter Fotograf Peter Seidel hat sie so stimmungsvoll ins Bild gebracht.

Zur traditionellen jüdischen Gemeinde gehört das rituelle Bad. Der Fotograf Peter Seidel dokumentiert die Intimität und Sakralität historischer Anlagen in Europa

Tief drunten im Schoß der Erde blinkt in Türkis der Wasserspiegel, zu dem sechs steile, steinerne Treppen hinabführen. Elegante Sandsteinsäulen mit ornamentierten Kapitellen stützen die gemauerten Bögen, leere Spitzbogenfenster gliedern die hohen, glatten Wände dieser monumentalen Architektur im hessischen Friedberg. Weil sie nicht zu einer kleinen, jüdischen Gemeinde passen wollte, vermutete man im 19. Jahrhundert flugs ein römisches Thermalbad im Taunus. Doch tatsächlich handelt es sich um das mittelalterliche rituelle Tauchbad.

Der Frankfurter Fotograf Peter Seidel hat diese außergewöhnliche Mikwe wie viele andere Beispiele in Europa in zwei Jahrzehnten mit seiner Kamera erforscht und in stimmungsvoll ausgeleuchteten Aufnahmen gewürdigt. Seine Fotoausstellung ist in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber zu sehen.

Das Ritualbad mit „lebendigem Wasser“ gehört neben der Synagoge und dem Friedhof traditionell zu den zentralen Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde. Das Untertauchen in ihrem Quell- oder Grundwasser dient zur Wiederherstellung der rituellen Reinheit des Körpers. Sie geht verloren beim Kontakt mit einem Toten, nach einer Krankheit, bei der Monatsblutung der Frau und einer Entbindung. Auch bei besonderen Anlässen, etwa vor der Hochzeit, zu den hohen Feiertagen oder beim Übertritt ins Judentum ist der Besuch der Mikwe vorgeschrieben.

Sie ist ein Ort der Intimität, Diskretion und religiösen Sammlung. Geborgenheit vermitteln die historischen Räumlichkeiten, oft angelegt in unterirdischen Tonnengewölben oder Nischen, auch wenn die Wände inzwischen rau und roh geworden sind mit abbröckelndem Verputz, nacktem Ziegelwerk oder grobem Naturstein. Peter Seidels Fotografien dokumentieren sowohl ihre zweckmäßige Schlichtheit als auch ihre stille Würde: das kapellenartige Badehaus im mittelalterlichen Erfurt, die burgähnliche Anlage aus dem Jahr 1186 in Worms, die gotische Wendeltreppe hinunter zum Quellbecken im Elsass, das Säulengebäude im antiken Ostia bei Rom. Aber auch die Jugendstil-Ornamente in der Badeanlage der 20er-Jahre im Frankfurter Westend und die dunkelgrün geflieste Wanne in Venedig, die sich einst mit Regenwasser speiste.

Im abgedunkelten Ausstellungsraum auf hinterleuchteten Rahmen entfalten die analog aufgenommenen Farbfotografien eine exzellente Brillanz. In dieser Darstellungsweise gewinnen sie an Tiefe und Räumlichkeit und ziehen den Betrachter gleichsam in die Örtlichkeit hinein. Fast meint man, die dortige kühle Feuchtigkeit zu verspüren, den Hall der kahlen Wände zu hören, von der eindrücklichen Wucht dieser Architektur umschlossen zu werden.

Den religiösen Gebrauch dieser Mikwen kann und will der Fotograf nicht entschlüsseln. Er belässt es bei der wahrnehmbaren Sakralität der Orte. Nur einmal sieht man seitlich die Stelle, wo die Steine erhitzt werden konnten, um das Wasser vor dem Tauchbad zu erwärmen, das dreimal vollzogen werden muss. Über die vorgeschriebene, dem Ritus vorausgehende gründliche Körperreinigung kann man nur in alten Beschreibungen lesen.

Heutzutage ist der Gebrauch der Mikwe unter Jüdinnen umstritten. Im Museum liegen Stellungnahmen dafür und dagegen auf. Die Mikwe wird geschätzt als ein geschützter Raum, wo sich Frauen ohne Peinlichkeit über ihre intimen Angelegenheiten austauschen können. Sie wird aber auch verdammt als ein unstatthafter Zugriff der Religion auf den weiblichen Körper.

Leider nicht von Peter Seidel sind die Fotografien von jüdischen Ritualbädern in Schwaben ergänzend zur Ausstellung. Bei weitem erreichen sie nicht den Stimmungsgehalt, dokumentieren immerhin aber einen Bestand, der sich oft ziemlich im Verborgenen erhalten hat.

der Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber (Ulmer Straße 228) bis 26. Juli, geöffnet Mi., Do., Fr., So. von 13 bis 17 Uhr, Katalog 15 ¤

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren