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Augsburg

23.02.2015

Wenn trotz Mindestlohn weniger Geld bleibt 

Brigitte Wiedenmanns Mitarbeiterinnen haben ihre Arbeitszeit schon immer aufgezeichnet. Doch ihr kleiner Waschsalon läuft so schlecht, dass sie den Mindestlohn kaum zahlen kann.
Bild: Annette Zoepf

Arbeitnehmer verdienen jetzt mindestens 8,50 Euro pro Stunde. Viele Firmen streichen dafür jedoch oder erhöhen ihre Preise. Und einer Textilreinigermeisterin bleiben nur 3,20.

Weil Brigitte und Günther Wiedenmann alles richtig machen wollen, verdienen sie nur noch 3,20 Euro brutto in der Stunde. Ihren Mitarbeiterinnen im Waschsalon zahlen sie seit 1. Januar den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Vorher verdienten die drei Frauen zwischen sechs und sieben Euro. Weil das Geschäft an der Neuburger Straße nach der Weltbild-Pleite schlecht läuft, der Waschsalon aber über zehn Stunden am Tag offen hat, sind die Wiedenmanns praktisch im Dauereinsatz. „Ich selber habe keinen Mindestlohn“, sagt die Textilreinigermeisterin. „Ich komme auf etwa 3,20 Euro.“ Sie hat deshalb ihre Krankenversicherung zurückgefahren und die Mitarbeiterinnen arbeiten weniger Stunden.

6100 Vollzeitbeschäftigte in Augsburg haben laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) ein Bruttomonatseinkommen unter 1500 Euro. Sie profitieren vom neuen Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde. Bei Teilzeitbeschäftigten und den 38 000 Minijobbern dürfte der Anteil noch größer sein. Für manche kleine Unternehmer bringt der Mindestlohn aber Probleme. Auch das Taxigewerbe tut sich schwer, setzt in umsatzschwachen Phasen weniger Fahrer ein. Die Taxigenossenschaft hat bei der Stadt einen Antrag gestellt, die Tarife zu erhöhen. Die Entscheidung fällt laut Ordnungsreferent Dirk Wurm voraussichtlich im April.

Der Wirt Leo Dietz hat vorgesorgt. Schon vor Weihnachten erhöhte er in seiner Cocktailbar Peaches den Bierpreis um 40 Cent. In seiner Funktion als Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes sagt er: „Sicher müssen die steigenden Kosten auf die Preise umgelegt werden.“ Wirte laufen bundesweit Sturm gegen Mindestlohn und Aufzeichnungspflicht der Arbeitszeit. Dietz, der in mehreren Lokalen 100 Mitarbeiter beschäftigt, kann eine Liste von Gründen aufzählen: Dass Mitarbeiter auf 450-Euro-Basis jetzt weniger Stunden arbeiten dürfen und man zusätzliche Leute suchen muss. Dass Wirtschaften zum Beispiel bei Hochzeiten von Mittag bis spät in die Nacht offen haben und nicht das Personal durchwechseln können. Dass Wirte sogar kontrollieren müssen, ob ihre Putzfirma die Reinigungskräfte korrekt entlohnt. Und dass auch Mitarbeiter nicht glücklich seien. In Discos etwa erhielten sie früher nach Mitternacht einen steuerfreien Zuschlag von 40 Prozent auf den Grundlohn und kamen so auf fast 10 Euro. Jetzt, so Dietz, müsse er den Zuschlag auf den Stundenlohn umlegen. Warum er ihn nicht auf die 8,50 drauflegt? „Dann müssen Sie für Ihren Cocktail 17 Euro zahlen.“

Das Beispiel eines Lkw-Fahrers

Dass Zuschläge – für Nacht- oder Sonntagsarbeit, Urlaubs- und Weihnachtsgeld – umgelegt, gekürzt oder gestrichen werden, ist in mehreren Branchen der Fall, bestätigen die Gewerkschaften Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Dienstleistungen (Verdi). Verdi-Sekretär Rudi Kleiber nennt das Beispiel eines Lkw-Fahrers: Er bekam einen neuen Vertrag und verdient nun rund 150 Euro monatlich mehr. Doch die freiwillige steuerfreie Aufwandsentschädigung für längere Abwesenheiten in Höhe von 200 Euro monatlich fällt weg. Auch um die Bezahlung von Bereitschaftszeiten, zum Beispiel in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, gebe es Ärger. Tim Lubecki (NGG) berichtet von einem Mann, der fast zehn Stunden am Tag allein in einem Imbiss arbeitet. Ihm werde nun bis zu eine Stunde Pause täglich abgezogen, obwohl er die gar nicht nehmen kann. Lubecki sagt: „Es traut sich keiner, den Mindestlohn nicht zu zahlen. Die Auseinandersetzung geht ums Arbeitszeitgesetz.“

Laut Wolfgang Peitzsch vom DGB versuchen Firmen auch, Mitarbeiter in Naturalien, von Wurst bis zu Essensgutscheinen, auszuzahlen. Bei der bundesweiten DGB-Hotline (0391/4088003) seien 6800 Anrufe eingegangen. Teilweise bekämen Angestellte neue Verträge vorgelegt. Die Arbeitszeit sei vermindert, doch es würden unbezahlte Überstunden vorausgesetzt. Alle Gewerkschafter betonen: „Für den Mindestlohn sind keine neuen Verträge nötig. Nichts unterschreiben!“

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