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Geschichte

24.05.2019

Wer sind Pontos-Griechen?

Konstantinos Paraskevopoulos

In Augsburg leben Nachfahren der Christen, die einst von Türken verfolgt wurden. Was ihnen wichtig ist

Augsburg hat eine Erinnerungswerkstatt, eine Kommission und eine halbe Stelle für Erinnerungskultur im Kulturreferat. Für die Aufarbeitung des Holocausts. Doch auch Einwanderer bringen vergleichbare Erinnerungen mit. Zum Beispiel die syrisch-orthodoxen und pontos-griechischen Christen. Sie kamen mit der Gastarbeitermigration und danach aus der Türkei und Griechenland nach Augsburg.

Ihre Groß- und Urgroßeltern erlebten noch das Osmanische Reich. Dort stellten sie zusammen mit der armenischen Minderheit zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch etwa ein Viertel der osmanischen Bevölkerung. Während das Reich in Einzelstaaten zerfiel, verfolgten, ermordeten und deportierten die Jungtürken bis 1923 mit etwa 1,9 Millionen Menschen fast die gesamte christliche Bevölkerung, darunter etwa 360000 Pontos-Griechen. Für diesen systematischen „Säuberungen“ prägte der Bundestag 2016 einvernehmlich den Begriff „Völkermord“.

Nachfahren der Pontos-Griechen in Augsburg wuchsen mit den Erzählungen über diese Vernichtung und Vertreibung auf. Einer von ihnen ist Konstantinos Paraskevopoulos (79). 1922 war es, als seine Eltern – sein Vater war 22, die Mutter 14 Jahre alt – als Überlebende der Massaker vom türkischen Trabzon nach Mazedonien in Griechenland deportiert wurden. Erzählt haben sie kaum etwas, die Stimmung war düster, erinnert sich Paraskevopoulos. Aber sie brachten ihre Tänze, die Küche und vor allem das aus dem Altgriechischen stammende Pontos-Griechisch vom Schwarzen Meer mit. Das mazedonische Dorf, in dem sie sich 1923 niederlassen mussten, war arm und die Heimat vieler deportierter Pontos-Griechen. Paraskevopoulos selbst wurde dort 1941 geboren. Von seiner Großmutter, ebenfalls eine Überlebende, erhielt er die Warnung: „Ein Türke kann kein Freund sein.“

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Es sind grausame Berichte von Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Erschießungen, Todesmärschen und Vernichtung durch Zwangsarbeit, die zeitgenössische amerikanische, deutsche und österreichische Botschaftskorps archiviert haben, und die in den Familien tradiert werden. In Griechenland waren die „Neuen“ bei der örtlichen Bevölkerung nicht willkommen, erzählt Paraskevopoulos. Dort war er der Pontos-Grieche. In Deutschland ist er auch anders, nämlich der Grieche. Er kam 1960, hatte das Abitur in der Tasche und plante zu studieren. Er besuchte die Sprachschule in München, begann dann jedoch in Schongau beim Strumpfkönig Belinda zu arbeiten.

In Augsburg kümmerte sich Paraskevopoulos um die griechischen Gastarbeiter, dolmetschte und war der Kontaktmann zwischen dem griechischen Konsulat und den Schulen, die die griechischen Nationalklassen beherbergten. Er kündigte bei Belinda, lernte Sozialarbeiter und machte die Betreuung der Griechen zum Hauptberuf. 1981 gründete er das Lyzeum, ein griechisch-staatliches Gymnasium, das bis 2012 in der Philippine-Welser-Straße Schüler unterrichtete. Georgios Tentsaglidis machte dort als einer der Letzten Abitur. Sein Wirtschaftsstudium absolvierte er in Griechenland und kehrte wieder zurück nach Augsburg.

Er ist Pontos-Grieche, spricht die Sprache, war aber noch nie in der Heimat seiner Urgroßeltern. Der Verein der Griechen aus Pontos in Augsburg und Umgebung, den Paraskevopoulos 1990 gegründet hat, ist für ihn jetzt zur zweiten Heimat geworden. Er ist Schriftführer und Öffentlichkeitsarbeiter. Vorsitzender des Vereins, der sich in der Kirche der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Kriegshaber trifft, ist Alexandros Myriounis. Er ist Bauingenieur und kam währen der Griechenland-Krise 2008 nach Augsburg. Er arbeitet in Pasing und hat die Tanzabteilungen des Vereins aufgebaut. Den beiden jungen Männern sind die Erinnerung, die Pflege der Sprache und die authentischen, maßgeschneiderten Trachten für die komplexen Reihentänze der Pontos-Griechen wichtig. Nach einem stark umjubelten Tanzauftritt beim Frühlingsfest der Alevitischen Gemeinde wollen sie, dass die Öffentlichkeit mehr von ihnen erfährt.

Am Freitag, 24. Mai, wird um 19.30 Uhr in der Kirche des Hl. Panteleimon, Max-von-Laue-Straße 15, der Film „Die Band“ aus dem Jahr 2018 gezeigt. Der Film dauert 64 Minuten, ist auf Griechisch mit deutschen Untertiteln. Inhalt: 13 pontos-griechische und drei türkische Musiker werden 1919 gezwungen, Massaker der türkischen Soldaten mit Marschmusik zu begleiten. Regisseur Nikos Aslanidis wird da sein.

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