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Porträt

04.11.2019

Wie eine Augsburgerin ihren Alltag als Kapitänin auf Tankern erlebt

Plus Martina Collins aus Augsburg ist in der Regel die einzige Frau an Bord und hat auch noch das Sagen. Männer in der Branche kommen damit nicht immer zurecht.

Sie ist klein und etwas mollig, hat dunkle Locken und rote Backen von der frischen Luft. Wenn man Martina Collins zum ersten Mal sieht, denkt man: Diese Frau arbeitet bestimmt in einem Naturkostladen oder in einer Gärtnerei. Ein Irrtum. Mit Natur hat Martina Collins zwar viel zu tun, aber eher mit Naturgewalten auf hoher See. Die Augsburgerin schippert als Kapitänin auf Tankschiffen über die Weltmeere.

Kapitänin Martina Collins spricht im Podcast über ihr Leben an Bord

Eine Frau als Kapitän zur See? Das war früher undenkbar und ist auch heute eine Seltenheit. Und tatsächlich hat sich Martina Collins lange nicht an diesen Männerberuf herangewagt. „Als Kind fand ich Schiffe schon toll“, erzählt sie. Im Vorschulalter durfte sie mit ihrer Familie zur See fahren und hat viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Ihr Vater war als Kapitän auf großen Frachtschiffen in der ganzen Welt unterwegs.

Doch als Schulkind war es für Martina Collins mit der Seefahrt erst einmal vorbei. Die gebürtige Bremerin zog mit ihrer Familie nach Augsburg und machte im Anna-Gymnasium Abitur. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Chemie-Laborantin. „Ein Männerberuf wie Kapitän stand damals nicht für mich zur Diskussion.“

Nun ist sie doch Kapitänin. Und das hat sie vielleicht einem kleinen Schwips im Alter von 25 Jahren zu verdanken. Damals feierte sie mit der Familie Weihnachten. Man saß abends zusammen und unterhielt sich. „Ich sagte, wenn ich ein Junge geworden wäre, wäre ich natürlich Kapitän geworden.“ Alle in der Familie schauten sie konsterniert an. Dann sagte ihr Vater: „Warum machst du das eigentlich nicht?“

Martina Collins und zwei ihrer Kollegen an Bord des Tankers Hafnia Henriette. Die Schifffahrt, sagt die 48-Jährige, ist für Frauen noch immer ein „schwieriges Geschäft“.
Bild: Martina Colins

Mit 25 begann die Augsburgerin Martina Collins beruflich bei Null

Also begann Martina Collins beruflich noch einmal bei Null. Sie wechselte von Bayern an die Nordsee und ging an die traditionsreiche Seefahrtschule Elsfleth. 2002 machte sie ihr Patent als Wachoffizier. Collins sagt: „Damals waren von zwölf Studenten in meinem Semester vier Frauen. Die einzigen von ihnen, die heute noch zur See fahren, sind meine Freundin und ich.“

Inzwischen ist die Augsburgerin als Kapitänin auf allen Weltmeeren unterwegs. Auf großen Tankern. Und man fragt sich schon, warum in aller Welt sich Collins ausgerechnet für solche sperrigen und wenig spektakulären Schiffe entschieden hat. Wäre es für eine Frau nicht viel schöner, in einer schicken weißen Kapitänsuniform auf einem Kreuzfahrtschiff das Kommando zu führen? So ähnlich wie auf dem Traumschiff im Fernsehen, nur in der Realität? Collins winkt ab und sagt lachend: „Sprechende Ladung ist nicht mein Fall.“ Sie geht auch davon aus, dass sie für einen Kreuzfahrtschiff-Kapitän wohl nicht das nötige Äußere hätte. „Bei der Auswahl spielte früher das Aussehen eine wichtige Rolle, da wäre ich zu dick gewesen.“

Heute ist die Augsburgerin 48 Jahre alt und der Meinung, die Schifffahrt sei für Frauen allgemein ein schwieriges Geschäft. Erste Erfahrungen in diese Richtung machte Collins, als sie noch im Dienstgrad eines Offiziers auf einem Containerschiff einer deutschen Reederei anheuerte. An Bord sei sie sexuell belästigt worden, erzählt sie. „Es ist nichts passiert, aber der Kapitän hat eine rote Linie überschritten.“

„Als Kind fand ich Schiffe schon toll.“ Martina Collins ist Kapitänin.
Bild: Silvio Wyszengrad

Den großen Tankern ist die Kapitänin bis heute treu geblieben

Für Collins war die Frage, wie sie mit diesem Problem umgehen sollte. Ein erfahrener Kollege gab ihr den Rat, im nächsten großen Hafen von Bord zu gehen. Das tat sie und kündigte, um sich woanders eine Stelle zu suchen. Die Schifffahrt boomte damals. Martina Collins rechnete sich gute Chancen auf einen neuen Job aus. „Als männlicher deutscher Seemann wurde man zu dieser Zeit nicht arbeitslos“, sagt sie. Dennoch bekam sie von einer deutschen Reederei nach der anderen Absagen.

2004 klappte es endlich bei einem zypriotischen Unternehmen mit deutschen Wurzeln. Und der neue Arbeitgeber schickte sie dann auch gleich auf ihren ersten Tanker. Gewicht: rund 50.000 Tonnen, Länge 183 Meter, Breite 32 Meter. Ein Gigant, den man manövrieren können muss, auch wenn es noch weitaus größere Tanker gibt. „Allein zum Bremsen braucht das Schiff ohne Notfall zwei Meilen“, sagt Collins. Auf viel befahrenen Wasserstraßen wie der Singapurstraße sei ihr Adrenalinspiegel schon sehr hoch. Normalerweise wird jedoch nicht mehr per Hand, sondern per Autopilot gesteuert.

Den Tankern ist die Augsburgerin bis heute treu geblieben. Auch wenn das Leben an Bord anstrengend und alles andere als romantisch ist. Für eine Reederei in Singapur fährt Martina Collins flüssige Frachten durch alle Welt – auch durch die Karibik, an der südamerikanischen Küste vorbei oder entlang der Golfküste. Manchmal dauert es Tage bis zum nächsten Hafen, manchmal Wochen. Und immer wieder gibt es diese Momente auf See, die sie liebt: „Die Weite ist befreiend und die Natur so schön, und wenn es dann auch noch mit der Mannschaft läuft, ist das für mich am wichtigsten.“

Ein Blick in die Kommandozentrale des Tankers Hafina Henriette.
Bild: Martina Colins

Der Alltag an Bord ist oft anstrengend

Alltag an Bord: Da weht der Kapitänin nicht nur frische Luft um die Nase. Die Schiffsmotoren machen Lärm. Und es gibt viel zu tun – Ladevorgänge überwachen, Zollformalien erfüllen, Vorschriften zur Sicherheit und zum Umweltschutz kontrollieren, Ersatzteile besorgen, und, und, und... Collins fährt mit einer 20-köpfigen Mannschaft, vor allem Matrosen von den Philippinen. Sie ist die einzige Frau, und dann hat sie auch noch das Kommando. „Man muss alles genau kontrollieren, damit es funktioniert“, sagt sie. Denn auf einem Riesenschiff gibt es potenziell einiges, was mal nicht läuft, wie gewünscht. Selbst wenn es nur darum gehen sollte, dass zu wenig Klopapier für eine längere Reise auf See eingekauft wurde.

Normalerweise laufe der Betrieb an Bord gut, sagt Martina Collins. Doch sie hatte sie auch schon mit kritischen und gefährlichen Situationen zu tun. Das eine Mal wäre die Kapitänin mit ihrem Schiff vor der Küste Somalias fast unter Beschuss von Piraten geraten. Nur weil ein anderes Schiff sie warnte, konnte der Tanker abdrehen. Auch in einem Fall waren starke Nerven und ein kühler Kopf gefragt. Kurz vor der texanischen Küste fiel plötzlich eine Ruderanlage des Öltankers aus. Das Schiff hatte zwar noch ein zweites Ruder, aber kurzzeitig große Probleme beim Manövrieren. „Das war mein kritischster Moment“, sagt Collins. Bislang sei aber immer alles gut ausgegangen.

Aktuell hat Collins Landurlaub. Weihnachten wird sie in Augsburg verbringen – mit ihrem Mann, der ebenfalls Kapitän ist. Wie es für sie selbst im neuen Jahr beruflich weitergehen wird, lässt sie offen. Nach ihren bisherigen Erfahrungen sagt die 48-Jährige, die Seefahrt sei nach wie vor eine Männergesellschaft. Frauen in gehobenen Positionen werde wenig Respekt entgegengebracht. „Damit habe ich nicht gerechnet, ich dachte, es geht auch als Frau, wenn man sich etabliert hat.“

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