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Wohnen

26.09.2019

Wie sich Augsburger günstige Mietwohnungen schaffen wollen

Wohnungen, vor allem bezahlbare, sind begehrt in Augsburg. Genossenschaften möchten helfen. Sie tun sich allerdings oft schwer, bezahlbare Grundstücke in der Stadt zu finden.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Genossenschaften besitzen um die 6800 Wohnungen. Das Wohnen dort ist meist günstiger als auf dem freien Markt. Jetzt startet eine neue Genossenschaft.

Hilde Strobl und ihre Mitstreiter haben einen Traum: Sie wollen ein Mehrfamilienhaus in Augsburg bauen, in dem man für acht Euro pro Quadratmeter und Monat wohnen kann. Für eine Neubauwohnung in Augsburg sind aktuell eher mehr als zwölf Euro angesagt. Funktionieren soll das über eine neu gegründete Genossenschaft mit dem Namen „Wogenau“. „Die Aussicht, lebenslang günstig wohnen zu können, ist toll. Und man hat die Möglichkeit, selbst etwas mitzubestimmen und auf die Beine zu stellen“, sagt Mitstreiter Volker Bogatzki.

Das Modell der Genossenschaften hat in Augsburg Tradition und wird politisch wieder stärker als Möglichkeit diskutiert, günstigen Wohnraum zu schaffen. Die Stadt hat bereits signalisiert, Genossenschaften beim Finden von Grundstücken stärker helfen zu wollen.

Genossenschaftswohnungen in Augsburg sind begehrt

Denn die Genossenschaften sind eine unterschätzte Größe auf dem Wohnungsmarkt: Unter den gut 150.000 Wohnungen in Augsburg sind 6800 im Eigentum der zehn eingetragenen Genossenschaften. Wer dort wohnen will, kauft einen Genossenschaftsanteil und zahlt zudem eine Nutzungsgebühr. Weil die Genossenschaften keine hohe Rendite erwirtschaften wollen, kommt man in der Regel deutlich günstiger weg als auf dem Mietmarkt.

Allerdings sind diese Wohnungen begehrt. Auf die bei der Siedlungsgenossenschaft Firnhaberau 50 pro Jahr frei werdende Plätze kommen 1000 Bewerber, sagt Rainer Beyer, geschäftsführender Vorstand. Mit knapp 900 Wohnungen ist die Genossenschaft eine der mittelgroßen in Augsburg. Beyer würde – wie auch der Großteil der anderen Genossenschaften – den Wohnungsbestand gerne erweitern.

Hier sollen bis zu 150 neue Wohnungen in Augsburg entstehen

Auf Ackerflächen ganz im Norden der Firnhaberau zur Autobahn hin sollen je nach Größe 130 bis 150 neue Wohnungen entstehen. Bei Anwohnern sind die Pläne umstritten. Sie fürchten eine Verdichtung, den Verlust von Grün und Verkehr. Beyer sagt, dass die Ackerflächen der Genossenschaft bereits gehören und grundsätzlich als Bauland genehmigt sind. Momentan an ein anderes Grundstück heranzukommen, sei schwierig. „Mit den Preisen, die Bauträger auf dem freien Markt für Boden hinlegen, können wir Genossenschaften nicht mithalten.“

Die für Grundstücke zuständige Bürgermeisterin Eva Weber (CSU) sagt, dass man im Gespräch mit Genossenschaften sei. Ziel sei, ihnen im Rahmen von Konzeptvergaben den Grundstückskauf zu ermöglichen. Bei solchen Konzeptvergaben wird nicht zuerst auf den Kaufpreis fürs Grundstück oder die Architektur geschaut, sondern auf das inhaltliche Konzept. Projekte wie Genossenschaften können dann den Zuschlag bekommen. Geplant ist das Vorgehen im Neubaugebiet Sheridan-Nord. Auch im neuen Viertel Haunstetten Südwest sollen Genossenschaften so zum Zug kommen. Aktuell hat die Stadt allen Genossenschaften – auch der Wogenau – ein Grundstück auf dem Flak-Areal angeboten, nahe der Uniklinik.

Die Stadt bietet Genossenschaften ein Grundstück im Flak-Areal an. Auch die neue Wogenau überlegt, ob sie dort bauen soll.
Bild: Michael Hochgemuth

Eine Entscheidung, ob die Wogenau zugreift, ist noch nicht gefallen. Man sei aktuell dabei, den eigenen Flächenbedarf mit dem Grundstück abzugleichen, sagt Strobl. Die Musterkalkulation für eine 80-Quadratmeter-Wohnung lautet bei Wogenau aktuell: Man muss für 50.000 Euro Anteile kaufen und kann später für acht Euro pro Quadratmeter und Monat die Wohnung nutzen. „Angesichts der aktuellen Bodenpreise jetzt so ein Projekt zu entwickeln, ist schwieriger als vor zehn Jahren. Aber es ist auch nötiger.“ Strobl, die als Architekturhistorikerin tätig ist, verweist darauf, dass der Staat vor 100 Jahren, als Genossenschaften boomten, viel unterstützt habe, um den Wohnungsbau anzukurbeln.

Teilen ist Trend

Unter 25 Wohnungen sei ein Genossenschaftsprojekt, in dem die Bewohner nicht nur nebeneinander wohnen, sondern sich auch Gemeinschaftsflächen teilen, schwierig. Neu gegründete Genossenschaften verfolgen neben günstigen Wohnpreisen meist auch noch einen gemeinschaftlichen Ansatz. Die Wohnungen sind etwas kleiner, die Gemeinschaftsflächen und -räume größer. „Das Bedürfnis nach sozialem Austausch spielt eine Rolle. Es ist gerade im Trend, Dinge zu teilen. Nicht umsonst boomt das Carsharing gerade“, sagt Tina Bühner, die auch in der Genossenschaft aktiv ist.

Unter den 27 Genossenschaftlern sind drei Architekten, was die Kosten senken soll. „Das Projekt lebt auch von Eigenengagement“, sagt Strobl. Ohne dass vorher groß Werbung gemacht wurde, kamen zur Gründung 50 Interessenten von der jungen Familie bis zu Seniorinnen. „Das Bedürfnis nach einer solchen Wohnform ist da“, so Strobl. Man suche weitere Mitstreiter. Gleichwohl sei man sich voll bewusst, dass man eine große Verantwortung auf sich nehme, speziell ab dem Moment, wo die Genossenschaftseigner Geld investieren. „Unsere Kalkulationen müssen einer externen Prüfung standhalten“, so Strobl. Vor einigen Jahren geriet die Genossenschaft „Neue Wege“, die ein Projekt im Prinz-Karl-Viertel auf die Beine stellte, ins Schleudern, weil viele Mitglieder aussteigen wollten.

Bayernweit gibt es viele Neugründungen

Bayernweit, sagt Genossenschafts-Chef Beyer aus der Firnhaberau, gebe es aktuell viele Neugründungen. „Das Modell wird neu entdeckt.“ Auch er verweist auf den Trend zum Teilen. Speziell in München, wo der Druck auf dem Wohnungsmarkt immens ist, wächst die Zahl der Genossenschaften. Dort, erzählt Strobl, kauften Eltern ihren Kindern mitunter Genossenschaftsanteile. „Das sorgt bei Teenagern als Geburtstagsgeschenk nicht immer für die Riesenbegeisterung, aber wenn sie später mal eine Wohnung brauchen, stehen sie auf der Bewerberliste weiter oben.“

Lesen Sie auch: Wohnungen für 800 Menschen: So soll es auf dem Cema-Areal mal aussehen (Plus+)

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26.09.2019

>> Man muss für 50.000 Euro Anteile kaufen und kann später für acht Euro pro Quadratmeter und Monat die Wohnung nutzen. <<

Genossenschaft verbindet die Nachteile von Eigentum und Miete?

Man ist so "flexibel" wie ein Eigentümer und profitiert an Wertsteigerungen so wenig wie ein Mieter.

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