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Augsburg

12.12.2019

Zwangsräumung: Müssen diese Seniorinnen ins Obdachlosenheim?

Die Schwestern Ellen (links) und Irmtraud Urbach sind verzweifelt: Sie müssen ihre Wohnung verlassen und haben bislang keine neue Bleibe gefunden.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Ellen und Irmtraud Urbach wird das Mietverhältnis gekündigt. Die Schwestern sind verzweifelt. Sie finden keine Wohnung. Bald steht die Zwangsräumung an.

Ein weißes Deckchen mit gestickten Blumen ziert den Couchtisch. Auf dem roten Sofa sind säuberlich Zeitschriften und TV-Programme zu einem kleinen Stapel zusammen gelegt. Das Reiheneckhaus in Lechhausen mit seinen vielen Bildern an den Wänden verströmt Behaglichkeit. Hier herrscht allerdings keine Idylle, sondern pure Verzweiflung. Die Schwestern Ellen (64) und Irmtraud Urbach (72) stehen zusammen mit einer Tochter vor der Zwangsräumung. Bislang hat das Trio keine neue Wohnung gefunden. Den Frauen droht die Obdachlosigkeit.

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Sie leben in Lechhausen unter einem Dach

Das Zusammenleben der Urbachs ist so außergewöhnlich wie bemerkenswert. Ihr Leben lang schon wohnen die Schwestern unter einem Dach. Früher zusammen mit den Eltern. Jahrelang pflegten sie die Mutter, bis diese starb. Längst haben Ellen Urbach und ihre ältere Schwester Irmtraud nur noch sich – und natürlich Ellen Urbachs Tochter. Sie lebt seit Jahrzehnten bei Mutter und Tante. Die drei Frauen werfen das Geld in eine Haushaltskasse. Sie sorgen füreinander.

In der Familie hat man schon immer gegenseitig Verantwortung übernommen. Schicksalsschläge, wie der Jobverlust der Tochter bei einer Bank vor einigen Monaten verbunden mit einem Burnout, schweißt die Familie zusätzlich zusammen. Doch es kommt viel schlimmer. Am 7. Januar 2020 steht bei den Frauen die Zwangsräumung an.

Die Augsburger Schwestern sind mit ihren Nerven am Ende

„Wir sind nervlich am Ende“, sagen die Seniorinnen. Ellen Urbach bricht beim Erzählen immer wieder in Tränen aus. Die Vorgeschichte beginnt im Mai 2018. Zu dem Zeitpunkt wohnt das Frauentrio seit rund vier Jahren zur Miete in dem beschaulichen Reiheneckhaus in Lechhausen. Eines Tages kündigt ihnen der Vermieter. Er meldet Eigenbedarf an. Er und seine Frau wollen offenbar das Haus beziehen, darin auch eine Art Musikschule errichten. So sei es ihnen mitgeteilt worden, erzählen die Mieterinnen. Zum 30. Juni 2018 sollten sie ausziehen. Sie finden allerdings so schnell keine neue Wohnung. Wie auch nach dem Termin nicht.

 

Es kommt zu einem außergerichtlichen Vergleich. Die Schwestern erzählen, sie seien hierbei schlecht beraten worden. Sie hätten bei diesem Vergleich den Räumungsschutz aufgegeben. Ihnen wird nun Aufschub bis Jahresende gewährt. „Wir suchten wie die Verrückten nach einer Wohnung“, erzählt Ellen Urbach. Das Schicksal schlug weiter zu. Die ältere Schwester wird herzkrank. Sie kommt ins Krankenhaus. Ellen Urbach kümmert sich seitdem um sie, pflegt sie. „Sie hat jetzt Pflegegrad zwei.“

Ihre Tochter, die nach dem Burnout auf Reha war, werde gerade zur Steuerfachangestellten umgeschult. Dann noch die zusätzliche Wohnungssuche. „Alles lastet auf mir.“ Die 64-Jährige weint wieder. Sie scheint mit den Nerven am Ende. Im Mai 2019 kommt es zur Gerichtsverhandlung mit dem Ergebnis: Das Trio muss nach einem weiteren zeitlichen Aufschub ausziehen. Immer noch wird keine neue Wohnung gefunden. Die Lage eskaliert. Mitte November erhalten Urbachs den Bescheid für die Zwangsräumung. Die Seniorinnen wissen jetzt nicht mehr weiter.

Seniorinnen nehmen Kontakt mit städtischem Wohnbüro auf

„Wir haben alles versucht, um für uns eine Wohnung zu finden“, beteuert Ellen Urbach. „Aber zu Besichtigungen wurden wir erst gar nicht eingeladen. Bei Wohnungsbaugesellschaften hieß es, dass die Wartelisten so lang seien.“ Es ist nicht ungewöhnlich, dass Familien ein bis zwei Jahre suchen, bis sie in Augsburg bezahlbaren Wohnraum finden, bestätigt Ursula Fusco, Leiterin des städtischen Wohnbüros. Die Einrichtung unterstützt seit über einem Jahr Augsburger, die von Wohnungsnot betroffen und in ihrer Situation oft hilflos sind. Vor wenigen Tagen erst, sagt Fusco, habe sie von dem Schicksal der drei Frauen erfahren.

„Leider kamen die Damen zu spät zu uns, der Prozess ist bereits verloren.“ Fusco befürchtet, dass die Familie rechtlich nicht gut beraten wurde. Sie handelt schnell und formuliert für die Seniorinnen einen Antrag auf Aussetzung der Zwangsräumung aus. Nun unterstützt sie die Frauen bei der Suche, nutzt dazu Kontakte. Als Vermittler steht das Wohnbüro nämlich in Verbindung mit Privatvermietern und Immobilienfirmen. Fusco und ihr Team konnten bereits einigen Wohnungssuchenden helfen. Aktuell betreuen sie 513 Bürger. Insgesamt hatten sie bislang 945 Menschen beraten. Bei den Urbachs drängt die Zeit massiv.

Leiterin: Die Eigenbedarfskündigungen nehmen in Augsburg zu

Fusco sagt, sie habe derzeit nur eine einzige Wohnung, die infrage kommen könnte. Nächste Woche ist der Besichtigungstermin mit dem Eigentümer vereinbart. Die Leiterin des Wohnbüros beobachtet, dass Eigenbedarfskündigungen zunehmen. „Es trifft überwiegend ältere Menschen, die schon jahrzehntelang denselben Mietvertrag haben.“

In manchen Fällen hege Fusco den Verdacht, dass der Eigenbedarf nur vorgeschoben werde. Inwieweit die Schwestern Urbach alle Möglichkeiten bei der Wohnungssuche ausgeschöpft haben, will die Wohnbüro-Leiterin nicht bewerten. Aber ihre Erfahrung zeige, dass fast alle Suchenden Fehler machten. Für Fusco ist der Fall der Schwestern extrem.

„Ich bin regelmäßig mit traumatischen Notfällen konfrontiert, aber hier leide ich mit den Damen richtig mit.“ Diese hätten sich nichts vorzuwerfen. „Sie haben ihre Miete immer gezahlt“, betont sie. Fusco sorgt sich. Wird so schnell keine Wohnung gefunden und kommt es Anfang Januar tatsächlich zur Zwangsräumung, seien die Frauen ein Fall für die Obdachlosenunterbringung. Das wissen auch die Urbach-Damen. Bei diesem Gedanken packt die Schwestern, die früher in München mehrere Gastronomien betrieben, die blanke Angst. „Was passiert dann mit unseren Sachen, mit unseren Möbeln?“ Die Tränen fließen wieder in dem eigentlich so behaglichen Reiheneckhaus.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Der Mietmarkt der Stadt kann brutal sein

Städtisches Wohnbüro: Jakobsstift, Mittlerer Lech, 86150 Augsburg, Telefon 0821/324-34638 oder: www.augsburg.de/wohnbuero.

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12.12.2019

Wie kann man als Vermieter so kalt sein? Natürlich haben die Vermieter ein Recht selbst einzuziehen, aber doch erst dann, wenn die Mieter wieder ordentlich untergebracht sind!
Ich kann dem Trio nachfühlen hatte selber schon einen Rauswurf wegen Eigenbedarf, die Wohnung wurde aber nach einiger Zeit teurer neu vermietet.

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12.12.2019

Der Vermieter wird ein berechtigtes Interesse haben sein Eigentum selbst zu nutzen im Normalfall. So ist das nun mal wenn man eine Wohnung mietet. Da muss man damit rechnen irgendwann auch ausziehen zu müssen. Hart für die Betroffenen sicherlich aber so ist das eben.

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