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Brechtfestival

23.02.2019

Das Berliner Ensemble fragt, warum wir Armut zulassen

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2 Bilder
Das Berliner Ensemble ist im Martinipark mit "Auf der Straße" zu sehen, einem Dokumentartheaterstück über Obdachlose in Berlin.
Bild: Julia Röder

Plus Zum Auftakt präsentiert das Brechtfestival 2019 ein Gastspiel des Berliner Ensembles. In "Auf der Straße" bekommen die Obdachlosen Berlins eine Stimme.

Aufgepasst: Es geht am Auftaktabend des Brechtfestivals mit dem Berliner Ensemble „Auf die Straße“. Auf der Drehbühne im Martinipark sind Bänke angebracht, Bänke, die sonst draußen im öffentlichen Raum stehen, in Parks, auf Plätzen. Auf dem Karussell haben fünf Menschen Platz genommen haben. Zwei Schauspieler des Berliner Ensembles und drei Menschen, die jeden Tag am eigenen Leib erfahren,was Armut ist.

Für diese Produktion, die im September 2018 am Berliner Ensemble uraufgeführt wurde, hat die Regisseurin Karen Breece in Berlin recherchiert. Rund 8000 Menschen in der Hauptstadt sind obachlos, mehr als 50000 Menschen haben keine eigene Bleibe und sind in Übergangsheimen, Frauenhäusern und Kriseneinrichtungen untergebracht. Erschreckende Zahlen, die in diesem Dokumentartheaterstück nicht eine Ziffer bleiben, sondern ein Gesicht bekommen, eine Geschichte werden, unter die Haut gehen.

Die Fahrradkette immer in Griffweite

Zum Beispiel die Geschichte von René Wallner, der oben auf der Bühne erklärt, wie er sein Lager baut. Er ist einer der drei Performer von der Straße. Erst kommt die dünne Glitzermatte, dann die richtige Isomatte, dann zwei Ikea-Decken, eine unten für die Hüfte, damit es ein bisschen weicher ist, eine zusammengerollt als Kopfkissen. Für den Winter hat er einen dicken Schlafsack, für den Sommer einen leichteren. Geschlafen wird auf der Seite, immer so, dass er gleich reagieren kann. Also nicht auf dem Rücken. Und Wallner sagt, dass nicht der Winter und die Kälte, sondern der Sommer und die Menschen, die Streit suchen, gefährlich sind. Vor dem Sommer hat er viel mehr Angst, deshalb hat er immer eine schwere Fahrradkette in Griffweite. Die Fahrradkette braucht er auch, wenn jemand anders auf seinem Platz liegt. „Ich kann mir nicht jeden Abend einen neuen Ort suchen.“

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Zum Beispiel Alexandra Zipperer, auch eine Performerin des Abends. Sie lebt nicht auf der Straße, sondern in einer 51 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Genau einen Quadratmeter zu groß, hat ihre Hartz-4-Sachbearbeiterin in einem jahrelang ausgetragenen Streit vor allem mit Briefen ihr immer wieder vorgeworfen und harte Sanktionen angedroht. Sie müsse untervermieten oder sich etwas kleineres suchen. Nur 50 Quadratmeter stünden ihr zu. Zipperer bekommt mit Grundsicherung und Rente 873 Euro pro Monat, aber wenn sie davon alle Fixkosten abzieht, bleiben ihr 70,68 Euro zum Leben. Von diesem Geld muss sie sich nicht nur ernähren, sie soll damit auch noch Rücklagen bilden, falls der Staubsauger oder der Herd den Geist aufgeben. Also geht Zipperer mittags zur Tafel, reiht sich dort in die Schlange ein.

Eine Pflegefamilie? Nicht mit Psy

Zum Beispiel Psy Chris, der dritte Performer, dessen Leidensgeschichte in der Kindheit beginnt. Die Lebensgefährten der Mutter wechselten schnell. Ein paar mochte Psy, dann kam sie an einen, für den Erziehung schlagen hieß, mit dem Rohrstock, so brutal er nur konnte. Mit sechs kam Psy ins Heim, dort wurde nicht geschlagen, dafür aber umso mehr psychischer Druck aufgebaut. Mit 14 sollte Psy zu einer Pflegefamilie. Pflegefamilie? Nicht mit ihm. Mit 14 landete Psy auf der Straße und hat sich dort alle Drogen reingepfiffen, die er bekommen konnte - nur nicht Heroin. Heute ist Psy 25 Jahre alt, hat drei Kinder, sein ältester Sohn lebt bei einem schwulen Paar, und das Berliner Ensemble hat ihm im Lauf der Produktion eine Stelle angeboten.

Zum Beispiel die Menschen, die die beiden Schauspieler Bettina Hoppe und Nico Holonics im Lauf der eindreiviertel Stunden darstellen, etwa Kai Schellenbeck, Leiter des Hygienezentrums an der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Er hilft den Obdachlosen, vor denen sich alle anderen nur noch ekeln, die aus ihren Kleidern geschnitten werden müssen, damit er ihnen beim Waschen helfen kann. Oder die alleinerziehende Mutter, die nach ihrem Studium nie einen Job bekommen hat. Als Lektorin würde sie gern arbeiten. Aber allein mit einem Kind – keine Chance, vor allem nicht nach zehn Jahren Arbeitslosigkeit. Sie spricht vom Geruch der Armut, wenn sie an der Tafel in der Schlange steht, diesem Geruch, mit dem sie nichts zu tun haben will. Sie will dort von niemandem angesprochen werden. Deshalb geht sie nur in ihrem Tafel-Kostüm dorthin. Nur eines versteht sie nicht: Warum das alles in einem der reichsten Länder der Welt? Warum gibt es hier Armut?

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Die ersten Eindrücke des Brechtfestivals 2019
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Je länger dieser Abend dauert, desto quälender wird diese Frage. Ja warum? Da spannt Reece einen weiten Bogen, in dem sie am Anfang und Ende Solon zitiert. Der Staatsmann lebte im sechsten Jahrhundert vor Christus, der Zeit, als in den griechischen Stadtstaaten das Münzgeld gerade eingeführt wurde. Auch deshalb findet man bei ihm diese großen mahnenden Worte: „Es sind sie selbst, die Bürger, die aus Unverstand die große Stadt vernichten wollen, weil sie auf des Geldes Stimme hören“. Der dunklen Seite der neu eingeführten Münzen setzt Solon die „Wohlgesetzlichkeit“ entgegen. Damit endet dieses intensive Gastspiel: „Das Werk der Spaltung in arm und reich schafft sie aus der Welt und setzt ein Ende dem aufgestauten Hass in diesem harten Kampf, denn unter ihr ist bei den Menschen alles, wie es sich gehört“. 2500 Jahre alte und zeitlos gültige Sätze.

Jubel und langer Applaus für diesen packenden Beginn!

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