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Freilichtbühne

16.08.2020

Modular trifft Mozartfest - eine Frischzellenkur fürs Hören

Auf der regennassen Freilichtbühne geben Brandt Brauer Frick ein Konzert der besonderen Art.
Bild: Mercan Fröhlich

Plus Brandt Brauer Frick gehören seit einem Jahrzehnt zu den vielseitigsten Formationen der elektronischen Musik. Ihr Spaß am Spiel überträgt sich aufs Publikum.

Es regnet doch, allen Wetterprognosen zum Trotz. Sommerlicher Niederschlag in seiner unangenehmsten Form. Wie aus einer Sprühflasche. Immer wieder beschleicht einen der Gedanke: Man könnte jetzt auch wo anders sein. Vielleicht zuhause vor dem Fernseher, wo die Bayern gerade in einer nicht minder kunstvollen Form Barcelona in alle Einzelteile zerlegen. Stattdessen pflichtschuldig auf den Rängen der Freilichtbühne am Roten Tor in Augsburg, vergraben hinter zwei Regenschirmen mit einem Guckschlitz auf die Bühne. Wenigstens hier erweist sich die Abstandsregel als Vorteil: Kaum auszudenken, wenn das Open-Air-Event bis auf den letzten Platz besetzt wäre.

In anderen Zeiten hätte dies durchaus der Fall sein können. Aber auch so trotzen erstaunlich viele der witterungsbedingten Unbill. Vielleicht hatten sich einige von der Kulturdiät ausgehungerte Augsburger auch verirrt und das gemeinsame Konzert des Mozartfestes und des Modular-Festivals als Fingerzeig auf eine moderne Klassik-Crossover-Performance verstanden. Ein Irrtum, wie sich rasch herausstellt. Das Berliner Trio Brandt Brauer Frick (BBF), seit mehr als einem Jahrzehnt die vielseitigste und unberechenbarste Formation im elektronischen Musikgeschäft, bedient ausschließlich die Sehnsüchte nach (gehobener und anspruchsvoller) Live-Clubmusik.

Aera Tiret zeigt, wo Rave und Techno gerade stehen

Schon die junge Augsburger Formation Aera Tiret gibt als Vorband einen in jeder Hinsicht gelungenen Einblick darauf, für was Rave und Techno zu Beginn der 2020er Jahre stehen. Ihre Musik wirkt zwar konzeptionell nach wie vor wie ein DJ-Set, aber die einzelnen Zutaten kommen ausschließlich von analogen Instrumenten. So verstehen sich Dominik Scherer (Schlagzeug, Trompete), Silvan Lackerschmid (Gitarre), Felix Renner (Bass), Johannes Kandels (Sound) und Dina Wiedemann (Dramaturgie) im klassischen Sinn als Band, die mit Titeln, die den Namen von Städten wie „Kapstadt“, „Stockholm“, „Koepenick“ und – logisch – „Augsburg“ tragen, hochinteressante Wege gehen. Manches erinnert ein wenig an Steely Dan, anderes wiederum ist feiner, alles andere als dumpfer, tanzbarer Electro.

Bei Aera Tiret wie auch beim Hauptact wird schnell klar, welch entscheidende Rolle dem Schlagzeuger in einem solchen Bandkonzept zufällt. Es müssen keine Haudrauf-Typen sein, die hinter der Schießbude herumzappeln, sondern topfitte, musikalisch versierte Polyrhythmiker, die weitaus mehr können, als nur mit dem Fußpedal die Basstrommel wummern zu lassen. Bei BBF obliegt diese Rolle Daniel Brandt. Er fungiert als eine Art Scharnier zwischen seinen Partnern Jan Brauer und Paul Frick (beide Synthesizer, Keyboard, Piano), verbindet und überlagert deren kreative Outputs auf ebenso fantasievolle wie dynamisch-tanzbare Weise.

Brandt Brauer Frick sind hoch motivierte Erzmusiker

Mit diesem Konzept traten die drei aus der Hauptstadt ziemlich erfolgreich in die Fußstapfen der einstigen Krautrock-Pioniere Kraftwerk und Tangerine Dream. Und was noch viel mehr bedeutet: Sie befreiten das Genre aus dem grauenvollen Vorurteil des stumpfsinnigen Ecstasy-Kopfgewackels à la Scooter, gelten als ebenso vielseitig wie spontan.

Echte Trendsetter also, auch wenn dieser Trend ein wenig in die Jahre gekommen ist. Aber für Brandt Brauer Frick bedeutet dies: mehr Musikalität als zu ihren Anfangszeiten, mehr Raum, um ihre Stücke zu entwickeln. Die drei hangeln sich über Kadenzen und überraschende Wendungen zu einem Ziel, das am Anfang noch niemand kennt. Dabei erweisen sie sich als hoch motivierte Erzmusiker mit wahlweise regennassen oder verschwitzten Hemden.

Woher sie ihre Bezüge nehmen, offenbart sich rasch. Eine Prise Minimal Music der Marke Steve Reich und Philip Glas mit ihren faszinierenden repetitiven, soghaften Momenten und dem Sound präparierter Klaviere, dazu der improvisatorische Impetus des (modernen) Jazz, Bezüge zur zeitgenössischen Neoklassik, jede Menge eingängige, aber nie simple Harmonien und ein subtil anschwellender, unwiderstehlicher Groove. Was für eine Mischung, was für Wendungen! Die Tunes besitzen die erzählerische Kraft eines Soundtracks, für den man eigens einen Film drehen müsste. Wie wäre es zum Beispiel mit „Lola rennt 2.0“?

Der Spaß am Spiel mit den Möglichkeiten elektroakustischer Kombinationen überträgt sich nahtlos auf das Publikum, das irgendwann nur noch stehend tanzt, und sogar auf den Himmel, der scheinbar nicht mehr weinen mag. Dabei wollen Brandt Brauer Frick im Prinzip gar keine Klänge zur Zerstreuung der Leute erschaffen, sondern eher einen Gegenpol zu der verwirrenden, irritierenden Vielfalt der musikalischen Gegenwart setzen. Musik am Puls einer Zeit, die sich selbst ein Rätsel geworden ist. Eine neugierige Frischzellenkur für konditionierte Hörreflexe. Und schlicht ein geiles Konzert!

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