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Geschichte

03.03.2020

Plötzlich waren sie die Kinder des Feindes

Deutsch oder tschechisch? In welcher Sprache eine Familie lebte, wurde erst wichtig, als die Nationalisten das Regime übernahmen.
Bild: Marcus Merk

Plus Das Augsburger Bukowina-Institut arbeitet in einer historischen Ausstellung ein heikles Kapitel aus dem deutsch-tschechischen Zusammenleben vor und nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Kinder sprachen Deutsch oder Tschechisch. Und sie wussten nicht, was daran schlimm sein sollte. Doch plötzlich begannen die Erwachsenen in diesen gemischten Gebieten damit, ihnen ihre gewohnte Sprache austreiben, damit sie ins jetzt staatlich vorgegebene neue System der nationalen Eindeutigkeit passten. Denn sie waren „Kinder des Feindes“ geworden. So auch heißt die neue Ausstellung im Bukowina-Institut, die brisante Forschungsergebnisse von Michal Korhel präsentiert, der an der Uni Augsburg seine Doktorarbeit darüber schrieb.

Es ist ein leidvolles, kaum aufgearbeitetes Kapitel der neueren deutsch-tschechischen Geschichte. Und es betraf tausende von Kindern aus „gemischten“ Beziehungen. Erst betrieben die Nationalsozialisten nach der Annektierung des Protektorats Böhmen und Mähren (1938) die „Germanisierung“ der jungen Generation und duldeten keine nationale Mehrdeutigkeit. Und nach dem Zweiten Weltkrieg ächtete die neue sozialistische Tschechische Republik alles Deutsche. „Es ist nicht im Interesse der tschechischen Nation, sich mit den Abfällen der deutschen Nation zu ergänzen“, schrieb Josef Brecka , der Präsident des statistischen Amtes in Prag , 1946 in einem Memorandum. Indes versprach die tschechische Verfassung vom 9. Mai 1948 allen Kindern besonderen Schutz – unabhängig von ihrer Herkunft.

Der Milchmann ließ Jindrich Strauss im Laden stehen, "weil du deutsch bist"

Doch die Öffentlichkeit dachte anders. Jindrich Strauss , geboren 1939, ließ der Milchmann im Laden einfach stehen, „weil du deutsch bist“. Er war in einer deutschsprachigen Umgebung aufgewachsen und wollte bei der Evakuierung mit einer deutschen Familie mitgehen, doch die NS-Kommission wies ihn als Nichtdeutschen zurück. In der Dorfschule brachten ihm dann die tschechischen Kinder ihre Sprache bei – „von ihnen wurde ich nie drangsaliert“. Der Historiker Michal Kerhal sieht darin die unterschiedliche Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen. „Für sie war es einfacher, neue Freundschaften zu schließen und nationale Unterschiede zu überbrücken.“ Sie bemühten sich, möglichst schnell fließend tschechisch zu sprechen – und oft halfen ihnen dabei Mitschüler, Lehrer, Eltern und Nachbarn.

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Freilich gerieten diese Kinder auch in Schwierigkeiten, ihre Identität zu finden. „Es wurde bei uns zu Hause anders gesprochen als in der Schule. Daher haben wir als Kinder nicht gewusst, wo wir hingehören“, erzählt Hannelore Kaluska (*1943) in den Interviews zu der Ausstellung. Milan Kral (*1936) ergänzt: „Auch wenn wir uns mit Tschechen befreundeten, waren wir doch immer Deutsche.“ Pauli Luft (*1935) hatte keine Chance, ihren Traumberuf zu ergreifen. „Du bist Deutsche, da wirst nicht studieren!“, hörte sie von amtlicher Seite.

Eltern nahmen die Nazis ihre Kinder und gaben sie in deutsche Pflegefamilien

Die Nazis hatten sich ebenfalls nicht gescheut, massiven Druck auf die Kinder mit der missliebigen Sprache auszuüben. Sie durften nicht mehr tschechisch reden und wurden teilweise ihren Eltern weggenommen, um sie in deutschen Pflegefamilien oder Kinderheimen im deutschnationalen Geist umzuerziehen. Nach dem Krieg mussten sich wiederum ihre Eltern rechtfertigen, warum sie „gemischt“ geheiratet hatten. „Mit einem tschechischen Vater taten sich die Kinder leichter“, so Michal Korhel. Auch eine tschechische Kriegerwitwe wurde von den Behörden eher akzeptiert als eine deutsche Restfamilie. Herbert Böhm (*1934) musste das weiße Armband tragen und wurde zur Beseitigung von Kriegsschäden herangezogen: Er hatte in seinem Städtchen scharfe Blindgänger-Munition aufzusammeln.

Auch Kinder von widerspenstigen Bauern und Romas taten sich schwer

Doch die deutschsprachigen Kinder waren nicht die Einzigen, die sich in der neuen sozialistischen Republik schwertaten. Robert Besta (*1946) war ein tschechisches Besatzungskind mit dunkler Hautfarbe. „Im Kindergarten wurde ich ausgelacht, in der Schule beschimpft.“ Noch seine Kinder litten unter Diskriminierung. Marie Merkantova war ein „Kulakenkind“, also die Tochter eines Bauern, der bei der Kollektivierung der Landwirtschaft enteignet und vom Hof gejagt worden war. Sie sei noch in der Lehre als unzuverlässige Bürgerin mit schwerer Arbeit schikaniert worden, erzählt sie. Kvantse Tumova (*1950) kam als Roma-Kind im Rahmen der Umsiedlungen aus der Slowakei ins westliche Tschechien. „Sie ließen einen schon spüren, dass wir anders sind. Wenn jemand etwas verloren hat, sind sie gleich zu uns gegangen, oder wenn Läuse an der Schule gefunden wurden.“

Die sorgfältig gestaltete Ausstellung erfordert etwas Zeit, um sich in die Schilderung der Zeitzeugen einzulesen und einzuhören. Aus Geschichte werden auf diese Weise Gesichter und Schicksale. Schließlich stellt sich die aktuelle Frage, wie unser eigenes Verhältnis zu verschiedenartigen Mitbürgern ist.

Laufzeit bis 30. Juli, geöffnet Montag bis Donnerstag von 9-12.30 und 13-16 Uhr, Bukowina-Institut, Alter Postweg 97a im Toni-Park.

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