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Aufführungskritik

19.11.2019

Schönheit, Schmerz und Surreales im Sinfoniekonzert

Solist im Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg: Linus Roth.
2 Bilder
Solist im Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg: Linus Roth.
Foto: Dan Carabas

Plus Was Domonkos Héja, die Augsburger Philharmoniker und der Geiger Linus Roth in Werken von Weinberg und Mahler entdecken.

In diesem Jahr, in welches das 300. Jubiläum des Violinlehrers Leopold Mozart fällt, wird man in seiner Geburtsstadt Augsburg geradezu verwöhnt mit herausragenden Geigenvirtuosen. Letzte Woche war Christian Tetzlaff da, im Frühsommer schaute Isabelle Faust vorbei, und Anfang dieser Woche nun war Linus Roth Solist beim Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker. Und wie Tetzlaff das Joachim-Konzert, hatte auch Roth im Kongress am Park ein konzertantes Opus im Gepäck, das bis dato den wenigsten Klassikfreunden live untergekommen sein dürfte, das Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg. Dass Roth dieses Stück des langsam, aber beharrlich ins Publikumsbewusstsein rückenden polnisch-russischen Komponisten aufführte, war in Augsburg nachgerade überfällig, darf´doch der Geiger, der neben seinen Konzertverpflichtungen Professor am hiesigen Leopold Mozart Zentrum ist, als einer der aktuell eifrigsten Sachwalter der Violinmusik Weinbergs und insbesondere des g-Moll-Konzerts gelten.

Als wäre die Violine auf der Flucht

In Weinbergs Musik siegeln sich, vergleichbar derjenigen seines Freundes Schostakowitsch, die extremen, gewaltdurchtränkten Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Horizont, den Linus Roth in seiner Interpretation markant herausarbeitet. Scharfkantig reißt er das Thema des ersten der vier Sätze an, um dann mit eisig exekutierten Bogenstrichen weiterzujagen, als sei die Solostimme auf der Flucht vor dem ebenso unbarmherzig nachsetzenden Orchester. Doch schon in diesem ersten Satz gibt es Momente der Besinnung, in denen Roth Schmelz und Süße entfaltet, dabei aber nie ins Schwärmerische versinkt, sondern den brüchigen Boden in Erinnerung hält – bis die musikalische Hatz auch tatsächlich wieder einsetzt. Ruhiger gehalten ist das folgende Allegretto, vollends das Adagio: ein Gesang von illusionsloser Intensität, ein Zusammenfließen von Schönheit und Trauer, das Roth mit faszinierenden, alle Grade des Seelenschmerzes durchdeklinierender Klangfarben darzustellen vermag. Jubel und einige Bravos für den Solisten, der als Zugabe mit Bach (aus der d-Moll-Partita) die einzig richtige Wahl nach solch einem Konzertstück traf.

Sergei Prokofjew hatte sich einst Haydn zum Vorbild für seine 1. Sinfonie genommen, und diese traf am Montagabend das Haydn-Schicksal des Einspielstücks. So quicklebendig Domonkos Héja und die Philharmoniker Prokofjews „Symphonie classique“ auch hinlegten, wurde sie doch erdrückt von dem Weinberg-Massiv und vollends von der 1. Sinfonie Gustav Mahlers.

Augsburgs Generalmusikdirektor Domonkos Héja.
Foto: Ulrich Wagner

Wobei, so massiv Mahler ein Orchester auch zu entfesseln vermag, so bedächtig hebt sein sinfonischer Erstling an. Héja lässt die Naturstimmung, die in der Einleitung des ersten Satzes geschildert ist, zauberhaft zur Entfaltung kommen: das hohe Flageolett-Sirren der Violinen, in das sich, Vogelrufen gleich, die Holzbläser mischen sowie fanfarenhaft die von fern heranwehenden (und tatsächlich hinter der Bühne postierten) Trompeten.

Ein starkes Finale

Doch so exakt Héja das alles ausmusizieren lässt: Seiner Interpretation wohnt doch eine allzu heile, biedermeierlich getönte Romantik inne. Eine Festlegung, der Mahler mit seinen komponierten Verfremdungen entgegenzusteuern versuchte, was wiederum Héja zumindest im Kopfsatz der Sinfonie nicht plastisch genug herausmodelliert. Plausibler gelingt das im nachfolgenden Scherzo, das sich nicht nur energisch herbeidreht, sondern auch jenen Hauch des Grobianischen besitzt, der ein genuiner Bestandteil der Klangsprache Mahlers ist. Im dritten Satz schraubt Héja die Kontrastschärfe erneut zurück. Das tönende Geschehen ist ihm hier weniger grotesker Trauermarsch als vielmehr surreale Traumerscheinung – manches hätte man sich auftrumpfender, greller gewünscht, etwa den hereinplatzenden böhmischen Musikantenzug. Stark hingegen das Finale: Straff führt Héja die Zügel am chaotischen Beginn, um dann die Sehnsucht auf Besserung aufschwellen zu lassen, der letztlich, nach seelenvoller Rückschau auf die bisherige Sinfonie-Motivik, im bombastisch-finalen Durchbruch stattgegeben wird.

Und das Orchester? Einmal mehr verstehen sich die Philharmoniker auf Tutti-Wucht genauso wie auf die feine Lasur. Wobei bei Mahler das Ensemble immer auch solistisch gefordert ist, was von den Augsburgern freudigst angenommen wird. Pars pro toto: herrlich greinend die Trompeten und sichelspitz Oboe und Klarinette im dritten Satz. Schön wär’s, wenn Héja und die Philharmoniker von Mahlers Sinfonien noch nicht genug hätten.

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