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Porträt

25.06.2019

Stefanie Schlesinger: Als Bäsle ordinär, als Sängerin eine Wucht

Eine klare, eigenständige Stimme und dazu jede Menge Empathie, sich in die Musik einzufühlen und darzustellen – Stefanie Schlesinger gehört zu den interessantesten Vokalistinnen Deutschlands.
Bild: Herbert Heim

Stefanie Schlesinger kam als Studentin nach Augsburg und hatte nur Theater und Oper im Kopf. Dann traf sie auf  Augsburgs Jazzgröße Wolfgang Lackerschmid  und gab ihrem Weg eine komplette Wendung.

Eigentlich war es immer der Mann, der schöne, kluge, unerreichbare Frauen zur Inspiration brauchte. Sie sind Töchter der Macht, Helferinnen des göttlichen Genius, unerschöpfliche Quellen der Kunst, rein geistige Wesen – und in einer männlich gestimmten Geistesgeschichte immer nur weiblich. Was für ein langweiliger Bauplan für die große Kunst: Künstler ruft Muse, sie liefert den Kick, er wird berühmt.

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Von Stefanie Schlesinger hieß es zumeist, sie sei die Muse Wolfgang Lackerschmids. Eine schöne, kluge, keineswegs unerreichbare Frau, im wahren Leben auch noch Partnerin und Ehegespons, die den bekanntesten Jazzmusiker Augsburgs tagtäglich zu neuen kreativen Höchstleistungen anspornt. Klingt nach einem kongenialen Sidekick, nach einem unverzichtbaren Anhängsel des großen Meisters. „Aber eigentlich ist Wolfgang ja auch meine Inspiration“, lächelt Stefanie Schlesinger gegen die Vorurteile an. Gibt es eigentlich ein maskulines Äquivalent zu „Muse“? Muserich?

„Für ihn bin ich die Stimme, die er immer gesucht hat“

Höchste Zeit, die Karriere der 42-jährigen Sängerin einmal von dieser Perspektive aus zu betrachten. „Die Begegnung mit Wolfgang war mehr als eine glückliche Fügung für uns beide“, erzählt die gebürtige Bambergerin, die von der Stadt E. T. A. Hoffmanns in die Stadt Brechts kam, um dort zu studieren, und hier die Liebe und Muse ihres Lebens traf. „Für ihn bin ich die Stimme, die er immer gesucht hat, um seine Songs mit Texten zu bereichern. Denn ich verstehe sie wahrscheinlich am besten. Und er hat mir alle Türen zum Jazz und weit darüber hinaus in die Welt der Musik geöffnet.“ Wenn Schlesinger mit einer neuen Produktion an die Öffentlichkeit geht, dann liegen ihr regelmäßig Kritiker und Publikum zu Füßen. Sie überzeugt seit der Jahrtausendwende mit ihrer klaren, völlig eigenständigen, mitunter auch unorthodoxen, mal sensibel weichen, mal wilden Phrasierung und versteht sich längst darauf, eigentlich als instrumental gedachte Melodielinien in klingende Poesie zu verwandeln.

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„Jazzsängerin? So stelle ich mich häufig vor, damit die Leute das besser einordnen können. Aber eigentlich reicht das nicht mehr. Wenn ich denen erzählen würde, was ich noch so alles mache, gäbe es Probleme mit der Definition.“ Jüngstes Beispiel: „Mein Violoncellchen“ (Randvoll Records), die nunmehr auch auf CD prachtvoll vertonten Briefe von Wolfgang Amadeus Mozart an sein Augsburger „Bäsle“ Maria Anna Thekla Mozart. Ziemlich deftige Verbalerotik, manche nennen die Zeilen nicht ganz zu Unrecht auch Porno. „Das ist ein Zeitdokument“, verteidigt Stefanie Schlesinger die Texte, die sie zusammen mit Lackerschmid, einigen Jazzmusikern sowie Christel Peschke, Samira De Quassil und Sebastian Kochs nach dem Libretto von Peter Dempf aufnahm. Probleme, bestimmte Wörter in den Mund zu nehmen, hat sie jedenfalls keine: „Ich fühle mich total in diese Rolle ein!“

Womit die eigentliche Qualität der Stefanie Schlesinger bereits auf den Punkt gebracht ist: ihre enorme Empathie, mit der sie Rollen gesanglich interpretieren und mit neuem Leben erfüllen kann, und ihre Neugier. So etwas liegt ihr im Blut. „Eigentlich habe ich mich früher nur für Theater und Oper interessiert. Dann bin ich Wolfgang 1996 bei einem Gospel-Workshop begegnet und ich hatte das dringende Gefühl, dass ich nun eine komplett andere Richtung einschlagen muss.“ Die beiden eröffneten den inzwischen legendären Jazzklub „Traumraum“ am Hunoldsgraben. Nacht für Nacht konnte sie dort hautnah den Zauber dieser Musik des Augenblicks erleben, und dabei weltbekannte Künstler sowie deren Philosophien kennenlernen. Für das bekannte Enja-Label nahm Stefanie Platten mit Jazz-Größen wie Bob Degen, Slide Hampton, Hendrik Meurkens oder Mark Soskin auf („What Love Is“, „Angels Eyes“), gründete bald ihre eigene Plattenfirma und begann, sich ihren persönlichen Weg zu pflastern.

Mit der Augsburger Puppenkiste machte sie ein Suchtpräventionsstück

Auf diesem vertonte sie unter anderem Gedichte des Malers Markus Lüpertz („Herzschmerz“ 2015), machte sich die Figur der Brecht-Liebe Paula Banholzer („Jetzt ist er tot, der Hund“) zu eigen oder gab in „Sangesfieber“ eine junge Sängerin, die sich ihr Leben mit Konzertkritiken verdient. Für die Augsburger Puppenkiste gab Schlesinger der Titelfigur im Suchtpräventionsstück „Paula und die Kistenkobolde“ eine Stimme. „Das Projekt geht mittlerweile auch durch Kindergärten und Schulen in Finnland und Belgien. Darauf bin ich besonders stolz!“ Nicht zu vergessen ihr Talent als Komponistin, das die Kreativ-Liaison erst zutage schürfte. Und immer an ihrer Seite: Wolfgang Lackerschmid.

Die beiden leben in einem renovierten Doppelhaus in Oberhausen, das auch als Firmensitz des familieneigenen hipjazz-Labels dient. „Mittlerweile kümmere ich mich um jede CD-Produktion, begleite sie von der Idee bis ins Presswerk. Das ist etwas, was man im Studium nie gezeigt bekommt. Außerdem kümmere ich mich um Gema, Urheberrecht, Leistungsschutzrecht, eben alles, was zum Musikerleben dazugehört.“ Ein eigenständiges, bemerkenswertes Musikerleben, das ohne die Fuggerstadt kaum möglich gewesen wäre. „Augsburg ist mein Schicksal. Ich hadere mitunter ziemlich mit der Stadt. Aber sie hat mich definitiv zu dem gemacht, wer ich heute bin.“ Nämlich eine der interessantesten Vokalistinnen im deutschsprachigen Raum. Nicht nur im Jazz.

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