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Serie "Junge Künstler"

26.02.2021

Warum Ezgi Zengin jetzt auch über die Angst schreibt

Die Augsburger Poetry Slammerin Ezgi Zengin.
Foto: Doris Lappberger

Sie ist 25 Jahre alt, hat ihr Studium gerade abgeschlossen. Vor dem Referendariat als Grundschullehrerin möchte sie sich aber weiter ihrer Kunst widmen: eigenen Texten, die sie auf Poetry Slams vorträgt.

Wen auch immer man wählt, an was auch immer man glaubt, am Ende des Tages ist jeder einfach ein Mensch. Ein Homo sapiens, ein verstehender, verständiger Mensch. Doch um auch wirklich von Verstand zu zeugen, muss der Mensch nachdenken und sich hinterfragen. Die Augsburger Poetin und Slammerin Ezgi Zengin ist Vieldenkerin und bringt ihre Gedanken in rhythmischen, treibenden Texten zu Papier. Ihre Gedanken kreisten erst um Fragen, die einen jeden jungen Menschen auf der holprigen Straße ins Erwachsensein umtreiben, sie kreisten um geliebte Menschen, um den Sinn des menschlichen Strebens, den Verlust der kindlichen Naivität und die Frage: "Wer bin ich eigentlich?"

Ezgi Zengin hat schon zahlreiche Bühnen bespielt

Die Antwort auf diese einfach klingende, aber unglaublich komplizierte Frage gibt das lyrische Ich in dem Text "Zwei Herzen in einem". Wer den Unterschied zwischen einem klassischen Gedicht und einem Slam-Text nicht kennt, bekommt hier die Blaupause: ein aufgebrochenes, freies Reimschema wird durch einen Rap-artigen Flow zusammengehalten, Dynamik und Geschwindigkeit verändern sich ständig und der Kehrreim "Ich bin, was ihr seid, ihr seid, was ich bin, was ich bin, bin ich nur durch euch" wird durch ein Klopfen auf die Stelle des Körpers unterstrichen, wo das Herz schlägt.

Als sie diesen Text ins Programm nimmt, hat sie schon zahlreiche Bühnen des deutschsprachigen Raums bespielt, in der Heimatstadt Augsburg, in der Hansestadt Hamburg, im Kanton Bern. Auf diese Bühnen stieg sie im Prinzip direkt aus dem Publikum heraus. Beim Finale der deutschen Slam-Meisterschaften 2015 im Kongress am Park erlebt sie zum ersten Mal das, was die Szene noch heute für sie bedeutet: "Poetry Slam lebt vom Publikum, von der Spannung, der Lebendigkeit und Atmosphäre vor und hinter der Bühne."

Auf die politische Entwicklung im Land reagiert Zengin mit ihren Texten

Sie holt sich Rat bei Slammer Maximilian Humpert, knüpft Kontakte und trifft schließlich bei einer Modularveranstaltung auf die graue Eminenz der Augsburger Slamszene, Horst Thieme. Bühnenerfahrung sammelte sie schon beim Jungen Team Theater des Stadttheaters; auf dem Weg von der Campus-Kunstbühne bis kopfüber hinein in die vitale Slamszene formt die Roy-Nominierte nach einer langen Phase des Ausprobierens ihren eigenen Stil – und wird politisch. Zwangsweise.

Denn da reagiert sie auf die politische Entwicklung im Land, das Erstarken einer Partei wie der AfD mit ihrer aggressiveren politischen Rhetorik. Für Zengin waren die rassistischen Morde in Hanau dann auch mehr als eine erschreckende Zeitungsmeldung. Sie bedrohen Menschen, für die "Angst in greifbare Nähe rückt, weil es zeigt, dass es nicht schützt, hier geboren zu sein", wie Ezgi Zengin sagt. Angst, selbst direkt oder indirekt betroffen zu sein. Wegen einer Äußerlichkeit oder eines Namens.

Nach dem Staatsexamen will sich Zengin erst einmal der Kunst widmen

So lässt die Atemlosigkeit, die Dringlichkeit des Texts "Welche Farbe hat Angst" keinen Platz für Reime und sprachliche Volten. Es geht darum, für die Zuhörenden den "Fokus auf Perspektiven zu legen, die nicht jedem, der bestimmte Erfahrungen nicht gemacht hat, eröffnet wurden". Wenn sie zum Beispiel kurz vor einer Prüfung vom Uniprofessor als Einzige im Raum auf die Herkunft ihres Namens angesprochen wird. Wenn die korrekte Antwort auf die Frage, woher sie komme, Augsburg heißt und diese mit einem sinngemäßen "Ne, ne, Sie wissen schon, was ich meine…" abserviert wird.

Das Staatsexamen für Grundschullehramt ist trotzdem geschafft, das Referendariat jedoch muss noch warten. Denn zuerst möchte sich die 25-Jährige weiter ihrer Kunst widmen, auftreten, neue Texte schreiben. Denn diese zeigen Wirkung, das durfte sie schon erleben. Ihre Worte bringen das Publikum dazu, sich zu hinterfragen, vom Homo sapiens sozusagen zum Homo cogitans zu werden – so wie diese Dame, die nach der Darbietung des Textes "Mein Name ist…" auf Zengin zukam und ihr eröffnete, dass sie wohl nicht alles nachvollziehen konnte, aber darüber nachdenken wolle.

Eine Szene, die Hoffnung macht, denn "ohne Hoffnung wäre nicht mehr viel da, worüber man sich freuen könnte. Es ist ja nicht jeder Mensch schlecht, und daran muss und kann man sich festhalten". Ezgi Zengins Zeilen wollen daran erinnern, sich die Menschlichkeit zu bewahren, denn wie es weiter im Text heißt: "Achte nicht auf die Unterschiede, sondern sieh, was wir gemeinsam haben."

Hier kommen Sie zu den anderen Folgen der Serie:

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