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Studie

06.08.2020

Was Bertolt Brecht am Herzen lag

Bertolt Brecht vor seinem Augsburger Elternhaus.
Bild: Staats- und Stadtbibliothek

Der ehemalige Augsburger Dramaturg Lenz Prütting untersucht die nichtmarxistischen Einflüssen auf B.B.s Werk.

Nicht nur der Marxismus, auch andere philosophischen und religiösen Positionen haben Bertolt Brechts Werk mitgeprägt. Nach Meinung von Lenz Prütting haben sie in der Forschung bislang eine zu geringe Berücksichtigung gefunden. Der promovierte Theaterwissenschaftler, ehemals Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dann Dramaturg u. a. an den Schauspielbühnen in Ingolstadt und Augsburg, hat sich in seiner späteren Lebensphase wieder der wissenschaftlichen Arbeit zugewandt.

Der gebürtige Forchheimer, heute auf einem Bauernhof in der Holledau beheimatet, wirft in seiner bewundernswert kenntnis- und detailreichen Studie sowohl der „bürgerlichen“ wie der „marxistischen“ Brecht-Forschung vor, speziell den renommierten Biografen Werner Mittenzwei und Jan Knopf, sie hätten zum Beispiel wesentliche psychoanalytische Aspekte zu Brechts Leben ignoriert.

Ausführlich widmet sich Prütting dem Thema Herz, das im Leben des großen Dramatikers eine eigentümliche Rolle spielt, angefangen beim Konfirmationsspruch aus Hebräer 13, den die pietistisch angehauchte Mutter aussuchte, wo es heißt, es sei „ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde“, bis zu Brechts Verfügung, nach seinem Tod die Herzschlagader zu öffnen aus Angst, lebendig begraben zu werden. Typisch auch, dass Brecht laut Eintrag in seinem Tagebuch auf den Aufstand vom 17. Juni 1953 mit einer Herzneurose reagierte, üblich wohl bei ihm angesichts psychischer Herausforderungen.

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Der Philosoph des ethischen Egoismus wurde sein Mentor

Akribisch spürt Prütting Brechts Metamorphosen nach auf den Spuren des Jesus der Evangelien, des Götzen Baal aus der hebräischen Bibel, von Lenin und Laotse, dem legendären buddhistischen Denker. Was die Behauptung der „engen Anlehnung des jungen Brecht“ an Max Stirner betrifft, den Hegel-Schüler und Philosophen des ethischen Egoismus, so nimmt der Autor für sich in Anspruch, er stehe mit diesem „energischen Hinweis“ in der Brecht-Forschung „offensichtlich allein auf weitem Feld“, um gleichzeitig zu bekennen: „Wer von all diesen genannten der wahre, alles beherrschende Mentor Brechts gewesen sei, wage ich nicht zu sagen, und genauso wenig, wer der wahre Brecht gewesen sei.“

Prüttings Arbeit besticht durch Informationsfülle und angenehme Lesbarkeit. Zur Unterhaltsamkeit mag die eine oder andere steile These beitragen, etwa die kuriose Behauptung im Zusammenhang mit einem Hörerlebnis des 16-jährigen Brechts, Bachs Matthäus-Passion habe „die totale Zerknirschung des gläubigen Zuhörers zum Ziel“. Beklemmend indessen erscheinen erneut die Ausführungen über die ambivalente Haltung des Dichters zum Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953. Öffentlich folgte Brecht der SED-Version von einem Anschlag des Klassenfeinds und ließ in der Schublade die Zeilen mit dem sarkastischen Vorschlag, die Regierung solle sich ein anderes Volk wählen.

Wie auch immer Brechts wahre Haltung gewesen sein mag: Keinesfalls wollte er sich die Chance verderben, für sein 1949 gegründetes Berliner Ensemble das ersehnte eigene Haus zu bekommen. 1954 durfte er endlich das Theater am Schiffbauerdamm beziehen, gewiss damit auch für sein Wohlverhalten belohnt von den DDR-Stalinisten. Zwei Jahre später starb er, trotz allem einer der ganz Großen der deutschen Literatur, – an Herzversagen.

Lenz Prütting: Brechts Metamorphosen – Von Jesus zu Stirner, Lenin und Laotse. Verlag Karl Alber, 632 S., 49 €.

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