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Darts

11.03.2019

Von der Kneipe drängt Darts auf die große Bühne

Andreas Mors, Schriftführer bei den Clochard Darters Augsburg, konzentriert sich bei seinem Wurf auf die Scheibe. Die Sportart wird immer populärer, kämpft aber weiterhin gegen das Image, ein „Kneipensport“ zu sein.
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Andreas Mors, Schriftführer bei den Clochard Darters Augsburg, konzentriert sich bei seinem Wurf auf die Scheibe. Die Sportart wird immer populärer, kämpft aber weiterhin gegen das Image, ein „Kneipensport“ zu sein.
Bild: Annette Zoepf

Das Pfeilwerfen begeistert die Massen. Auch die Augsburger Vereine profitieren vom Boom der Sportart. Dass dazu viel Show gehört, gefällt nicht allen.

Kurz taxiert Aleksandar Spoljarevic das winzige grüne Feld am äußersten Rand der Dartscheibe. Spoljarevic, der in der Darts–Bundesliga spielt, trägt ein buntes Hemd, auf dem Rücken steht in großen Buchstaben sein Name. Er muss dieses Feld treffen, um sein Auftaktspiel bei der bayerischen Dartsmeisterschaft zu gewinnen. Der Pfeil schnellt aus seiner Hand, landet exakt in dem wenige Millimeter großen Abschnitt der Scheibe. Er reckt die Faust. Trotz dieser überzeugenden Leistung im ersten Spiel scheidet Spoljarevic bei der Meisterschaft am vergangenen Samstag in der Bobinger Singoldhalle früh aus. „Es war einfach ein schlechter Tag,“ resümiert er resigniert. Über 200 Frauen und Männer spielten mit, mehrere Dutzend Dartscheiben waren in der Halle aneinandergereiht. So viele Teilnehmer gab es noch nie, Darts in Deutschland boomt.

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Das im Kern so banale Spiel, Pfeile auf eine Scheibe zu werfen, hat sich als Fernseh-Event neu erfunden. Die Einschaltquoten der übertragenden TV-Sender sind enorm. Im Januar verfolgten 1,5 Millionen Zuschauer das Finale der Weltmeisterschaft. Dabei ist Deutschland im Gegensatz zu England keine traditionelle Darts-Nation, dort ist das professionelle Pfeilwerfen schon lange ein Volkssport.

Dumpfes Ploppen der Stahlspitzen

Ein Donnerstagabend im Bismarck-Bistro, eine Kneipe im Augsburger Bismarckviertel. Zwei Dartscheiben hängen an der Wand, in regelmäßigen Abständen hört man das dumpfe Ploppen der Stahlspitzen, die sich in die Scheibe bohren. Hier treffen sich einmal in der Woche die Clochard Darter Augsburg, der älteste Dartsverein der Stadt.

Von der Kneipe drängt Darts auf die große Bühne

Seit 33 Jahren gibt es den Verein, eine der Gründerinnen ist Carola Wüstner, sie erinnert sich an die Anfänge: „Der Wirt unserer Stammkneipe hat eine Dartscheibe aufgehängt, wir haben gar nicht gewusst, was man mit dem runden Ding macht.“ Sie fingen an zu spielen und gründeten kurze Zeit später den Verein. Seit der Gründung ist Adrian Seidl der Vorsitzende des Klubs. Schon länger beobachtet er ein zunehmendes Interesse an Darts. Begonnen habe es mit den Fernsehübertragungen der Turniere. „Da haben wir gesagt, auf den Zug müssen wir aufspringen.“ Und es gelang. „Vor allem seit zwei Jahren haben wir einen wahnsinnigen Zulauf“, stellt Seidl fest. In den vergangenen Jahren wurde das deutsche Darts immer professioneller. Seit 2010 ist Darts Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund. Der deutsche Darts-Verband bildet Trainer aus, seit dem vergangenen Jahr gibt es einen hauptamtlichen Sportdirektor: den ehemaligen Manager des FC Augsburg Jürgen Rollmann. „Das ist jetzt der große Umbruch“, ist sich Seidl sicher. Man müsse jetzt umdenken, weg vom Dreiklang „Kneipe, Darts und Bier“, hin zum Leistungssport. „Klar wird es Darts als Kneipensport immer geben,“ sagt er. „Aber in der Spitze wird es als Sport gesehen.“

Das Kneipen-Image wird Darts so schnell nicht los, ist sich Andreas Mors sicher. Seit drei Jahren spielt der 32-Jährige für die Clochard Darter. „Das Bild von vielen ist schon noch, dass man betrunken Pfeile an die Wand schmeißt,“ bedauert er. Mors steht jetzt ruhig vor der Scheibe. Er visiert das Board an, der Pfeil schnellt aus seinen Fingern und trifft in das fixierte Feld. Erleichtert läuft er zur Scheibe und zieht seine Pfeile aus den Sisalfasern. Mit „betrunken Pfeile an die Wand schmeißen“ hat das nichts zu tun. Viel mehr mit einer ruhigen Hand, die unabdingbar ist, um auf hohem Niveau zu spielen. Die Spieler brauchen eine hohe Konzentration, um die Pfeile millimetergenau zu platzieren. Und sie müssen etwas perfekt beherrschen, woran man im ersten Moment nicht denkt – Kopfrechnen. Die zwei Spieler versuchen, mit möglichst wenigen Würfen, genau 501 Punkte zu erzielen – gezählt wird abwärts bis Null, da ist blitzschnelles Kopfrechnen gefragt.

Irrwitzige Kostüme und Ballermann-Hits

Auf Profi-Ebene wird der Kneipensport längst als großes Event inszeniert, dazu tragen vor allem die Zuschauer bei den Turnieren bei. Die Fans zwängen sich in irrwitzige Kostüme und grölen Ballermann-Hits. Es wirkt wie eine Mischung aus Karneval und Oktoberfest, die Grenzen zwischen Wettkampf und Party sind fließend.

Die Show gehört zum Marketingkonzept, die Stars der Szene müssen auch Unterhalter sein. Für die Augsburger Dartsspieler ein notwendiges Übel, um die Sportart zu fördern. „Die Show ist das Einzige, was mir nicht gefällt,“ sagt Seidl kopfschüttelnd. „Das ist nicht meine Welt, wenn sich die Leute da zum Kasper machen.“ Carola Wüstner fügt hinzu: „Das ist etwas ganz anderes, als das, was wir machen.“ Es scheint beinahe unmöglich, wenige Meter entfernt von tausenden brüllenden Fans diesen Präzisions- und Konzentrationssport auszuüben. „Grundsätzlich gilt: Je ruhiger die Atmosphäre, umso besser spielt man,“ erklärt Mors. Die Show, Kostüme und das Gegröle der Zuschauer wirken wie ein Magnet, erklärt er: „Im Fernsehen macht das natürlich was her.“

Zum endgültigen Durchbruch von Darts in Deutschland bräuchte es wahrscheinlich einen heimischen Weltmeister. Der dürfte jedoch noch eine Weile auf sich warten lassen. Der beste deutsche Spieler Max Hopp steht im Moment auf Platz 29 der Weltrangliste.

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