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Wohnen im Wandel

24.10.2020

75 Jahre nach dem Krieg wohnen wir wieder beengt - diesmal aber freiwillig

Wer sich weder Einfamilienhaus noch Bungalow leisten konnte, aber dennoch vom Traum des eigenen Hauses nicht lassen mochte, für den erfand die Bauwirtschaft in den 1960er Jahren das Reihenhaus.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

An nichts lässt sich der Wandel unserer Wohngewohnheiten so gut ablesen wie am Reihenhaus. In den 1960ern offerierte es die Freiheit des Eigenheims, heute sind andere Wohnformen gefragt.

Damals, als die Augsburger Allgemeine noch jung war, da wohnten die meisten von uns sehr beengt. Die Kriegerwitwe mit ihren Kindern, die junge Familie kam bei den Großeltern unter, zwei Schlafkammern, kleine Wohnküche, ein Klo für alle. Für die Flüchtlinge und  Heimatvertriebenen hatten manche Gemeinden hölzerne Baracken hergerichtet, oder man wies ihnen dieses eine feuchte Loch im Haus zu,  in dem sonst niemand hausen konnte. Um Küchen- und Klo-Benutzung mussten sie bitten, zum Baden ins  öffentliche "Tröpferlbad" gehen. Spielzimmer für die Kinder? Das war die Straße; die Eltern schickten ihre Kleinen bei jedem Wetter hinaus, um sie aus  dem Weg zu haben. Und die Männer gingen gern und oft ins Wirtshaus, um der häuslichen Enge zu entkommen; Fernseher gab's ja eh noch keinen.

Im Krieg waren fast 20 Prozent der Wohnungen in Deutschland zerstört worden, es herrschte bedrückende Wohnungsnot, und die Betroffenen waren dankbar, überhaupt ein Dach überm Kopf zu haben. Dann kam bekanntlich das Wirtschaftswunder, und mit ihm die staatliche Wohnbauförderung. Die deutschen Städte wurden in den 1950er Jahren erstaunlich schnell wieder aufgebaut, drei Millionen öffentlich geförderte Wohnungen entstanden im Nachkriegs-Bauboom. Jeder sollte und wollte wieder eine anständige Wohnung haben, möglichst  mit Bad und Einbauküche, oder - wenn die Träume ganz hoch flogen - ein eigenes Haus, in dem man für sich sein konnte. Das Einfamilienhaus steht bis heute ganz oben auf der Wunschliste, auch wenn Stadtplaner und Umweltschützer es wegen Flächenverbrauch und Zersiedelung der Landschaft kritisieren. Damals kam noch eine besondere Form des Einfamilienhauses in Mode: der Bungalow, ebenerdig und deswegen mit noch mehr Flächenverbrauch, offen nach allen Seiten ins Grüne, eine luxuriöse Wohnform nach amerikanischem Vorbild.

Ein Haus, ein eigenes Haus!

Wer sich weder Einfamilienhaus noch Bungalow leisten konnte, aber dennoch vom Traum des eigenen Hauses nicht lassen mochte, für den erfand die Bauwirtschaft in den 1960er Jahren das Reihenhaus. Besser: Sie machte es wieder attraktiv, denn erfunden worden war es schon viel früher, in England, und mit der Gartenstadt-Bewegung schwappte es Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland herüber. Die endlosen Reihenhauszeilen englischer Städte wurden in Deutschland von Architekten wie Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius oder dem Augsburger Sebastian Buchegger zu durchgrünten, luftigen Siedlungen. Ein halbes Jahrhundert später machte das Reihenhaus dann richtig Karriere als gebauter Kompromiss  - ein eigenes Heim, aber auf kleinerem Grundstück und mit geringeren Herstellungskosten durch Verwendung baugleicher Typen, mit Heizkosten-Ersparnis durch weniger Außenwände. Freilich war die individuelle Freiheit geringer als im frei stehenden Haus - man war viel näher am Nachbarn dran, auch war die Wohnfläche meist eher bescheiden. Aber immerhin: ein Haus, ein eigenes Haus!

1966 galt der Wiederaufbau Westdeutschlands offiziell als abgeschlossen, die durch den Krieg bedingte Wohnungsnot war beendet. Aber wie der Mensch so ist: Wer hat, der will mehr. Mit der Rebellion der Studenten um 1968 zogen viele junge Leute weg von daheim, sie suchten sich gern große Altbauwohnungen, gründeten darin Wohngemeinschaften, und sie wurden zu Trendsettern: Selbstverwirklichung durch großzügiges Wohnen und Besonderes Design  war angesagt. 150 Quadratmeter im renovierten Gründerzeithaus,  später dann ein Loft im rauen Industrie-Schick, vielleicht dazu noch das Wochenend-Domizil im alten Bauernhaus und in der Berghütte, oder die Zweit- und Drittwohnung in der Großstadt - die Begehrlichkeit nach immer mehr Wohnraum erscheint bis heute ungebrochen.

Seit den 90er Jahren ist erneut eine Wohnungsnot entstanden

Wenn so viel Wohnraum verbraucht wird, nimmt es kaum Wunder, dass seit den 1990er Jahren erneut eine Wohnungsnot entstand, diesmal allerdings zum Teil eine "Luxus-Not" durch Wohlstand und gewachsene Bedürfnisse. Hinzu kommt freilich die neue Landflucht, der Zuzug in die Städte, die Spekulation von Investoren, der Rückzug des Bundes aus dem sozialen Wohnungsbau - alles zusammen  macht es für weniger betuchte Familien schwer, eine bezahlbare Wohnungen zu finden, gerade in den Ballungsräumen. Mancher, der da bequem in seinem  großzügigen Altbau sitzt, bekommt ein regelrecht schlechtes Gewissen, wenn er sieht, dass Familien mit kleinen Kindern sich mit drei Zimmerchen ohne Balkon begnügen müssen, dass Geflüchtete auf engstem Raum in Unterkünften leben müssen. Aber abgeben will doch keiner.

Oder doch? Nicht wenige der vier Millionen Menschen, die in unserer gealterten Gesellschaft allein auf über 80 Quadratmetern leben, suchen nach Alternativen. Der Architekt Daniel Fuhrhop  ("Verbietet das Bauen!")  empfiehlt, Untermieter aufzunehmen, gern auch kostenlos ("Wohnen für Hilfe" bedeutet: ein junger Mensch zieht bei einem alten ein, wohnt gratis, hilft dafür in Haus und Garten), oder auch Umzüge in kleinere Wohnungen finanziell zu fördern, und er nennt das "unsichtbaren Wohnraum entdecken". Und dann gibt es da noch die Bewegung der "tiny houses", die beweisen will: Man braucht gar nicht so viel Wohnraum. Ein Häuschen in der Größe eines Wohnmobils, gern als Bausatz und selber errichtet, das reiche für Studenten oder andere "urbane Nomaden" vollkommen aus. Nach 75 Jahren wohnt man also wieder beengt, diesmal aber freiwillig.

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