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Holocaust

22.09.2020

Alles für die kleine Gabi: Martin Krick radelt 1300 Kilometer vom Allgäu nach Auschwitz

Martin Krick radelte von Stiefenhofen 1300 Kilometer nach Auschwitz. Er fuhr im Gedenken an Gabi Schwarz, die dort ermordet wurde.
Bild: Stefanie Gronostay

Plus Gabriele Schwarz aus dem Allgäu wird 1943 von den Nazis ermordet – mit nur fünf Jahren. Darüber sprechen will keiner. Doch zwei Männer geben keine Ruhe.

Neun Minuten dauert der Weg von der Rampe des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum Krematorium II. Es geht über die Gleise, entlang des meterhohen Stacheldrahtzauns, vorbei an Holzbaracken. Was mag die fünfjährige Gabriele Schwarz gesehen haben, als sie am Abend des 16. März 1943 dort ankam? Schreiende SS-Soldaten, ausgemergelte Häftlinge und den Rauch, der aus den großen Schornsteinen stieg? Was mag sie in ihren letzten neun Minuten erlebt haben, bevor sie zu dem Ort getrieben wurde, an dem sie sterben musste? Gabi, das Mädchen mit den blonden Haaren und blauen Augen, wurde noch am selben Abend ermordet.

Zwölf Tage lang trug Martin Krick aus Babenhausen im Unterallgäu Gabis Foto bei sich. Das Mädchen war auf seiner Radreise ins polnische Oswiecim, Auschwitz zu Deutsch, immer bei ihm: in einem Kinderkoffer auf dem Gepäckträger des 69-Jährigen. Etwa fünf Kilo wog der Inhalt mit Erinnerungsstücken an Gabi und weitere Opfer der Nationalsozialisten. „Das emotionale Gewicht wog viel mehr“, sagt Krick. 1300 Kilometer weit radelte er von Stiefenhofen (Westallgäu) nach Auschwitz. Es war nicht seine anstrengendste Reise, aber seine schwerste, sagt der Extremradler, der mit seiner Aktion ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen möchte.

„Nie wieder“ heißt seine Radtour, die Krick in Gedenken an Gabi machte – ein Mädchen, das katholisch getauft und erzogen bei einer Pflegefamilie in Stiefenhofen aufwuchs. Ein Mädchen, das sterben musste, weil es nach den Gesetzen der Nationalsozialisten als Jüdin galt. Als Krick bei seinen Reisevorbereitungen auf die Geschichte stieß, war klar: Gabi soll zum Gesicht der Tour werden. Krick kontaktierte den Kaufbeurer Autor und Regisseur Leo Hiemer, der sich mit dem Schicksal des Mädchens beschäftigt hat wie kein anderer.

Autor Leo Hiemer: Gabi soll als Mensch gesehen werden

Gabi begleitet Hiemer schon sein halbes Leben lang. „Seit 33 Jahren trage ich sie in meinem Kopf und in meinem Herzen“, sagt der 66-Jährige. Das kleine Mädchen mit dem verschmitzten Lächeln nimmt viel Raum im Leben des zweifachen Familienvaters ein. Ordnerweise stapeln sich die Unterlagen im Haus der Hiemers. Dokumente, Briefe, Zeitungsartikel und dazwischen immer wieder die Bilder von Gabi – lachend beim Schlittenfahren, übers ganze Gesicht strahlend beim Hühnerfüttern. „Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit ihr spreche. Für mich ist sie zur realen Person geworden“, sagt Hiemer. Genau dies sei auch sein Ziel: Gabi soll nicht zuerst als Opfer, sondern als Mensch gesehen werden. „Denn Opfer werden stets von anderen Menschen zu Opfern gemacht.“

Das erste Mal hörte Hiemer 1987 von dem Mädchen aus Stiefenhofen, das in Auschwitz ermordet wurde. Hiemer, der im etwa zehn Kilometer entfernten Maierhöfen zur Welt kam, verbindet mit Stiefenhofen seine schönsten Kindheitserinnerungen: Seine Mutter wuchs dort auf, Oma und Opa lebten dort. „Als ich meine Mutter nach Gabi fragte, antwortete sie: Natürlich kannte ich sie.“ Seine Mutter konnte sich noch gut an Gabis schöne Locken erinnern. In diesem Moment habe es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Warum hatte seine Mutter ihm nie von Gabi erzählt? „Ihre Antwort war: Die Leute wollen nichts mehr davon hören“, sagt Hiemer, dem die Geschichte keine Ruhe ließ.

Warum musste Gabi in Auschwitz sterben?

Vergessen kann auch Martin Krick nicht. Am Wochenende ist er in Auschwitz angekommen. Die Bilder von Gabi sind allgegenwärtig. Er sieht sie zwischen den Kinderschuhen, die sich in der Gedenkstätte hinter der Glasscheibe stapeln. Er sieht sie in den Zeichnungen, die deportierte Kinder angefertigt haben. „Als ich das erste Mal von Gabi gehört habe, hat mich die Geschichte unheimlich berührt“, sagt Krick. Dieses Mädchen stehe für all den Irrsinn, den die Nationalsozialisten verbrochen haben. „Dass die Nazis Angst vor einer Fünfjährigen hatten, zeigt wie krank das System war.“ Krick beschäftigt vor allem die Frage nach dem Warum. Warum wurde Gabi deportiert? Warum musste sie sterben?

In den Achtzigerjahren kannten nicht viele Gabis Geschichte. Gernot Römer, ehemaliger Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, hatte 1984 in seinem Buch „Für die Vergessenen“ dem Mädchen ein Kapitel gewidmet. Auf Römers Recherchen baute Leo Hiemer auf. Er machte sich auf den Weg nach Stiefenhofen, wo der Fall Gabi mittlerweile zum Politikum geworden war. 1985 hatten sich vier Männer aus umliegenden Orten an den damaligen Dorfpfarrer Herbert Mader gewandt. Sie hatten sich zum „Erinnerungskreis Gabriele“ zusammengeschlossen.

Ihr Anliegen war eine Gedenktafel für Gabi, die sich an der Pfarrkirche gut machen würde, wie sie fanden. Doch der Vorschlag stieß auf taube Ohren. „Die Stiefenhofener empfanden das als eine Einmischung von außen“, sagt Hiemer. Man fürchtete, an den Pranger gestellt zu werden. Das Dorf hatte Angst, in einem schlechten Licht darzustehen. Nach einer langen Diskussion war 1987 klar: Eine Tafel an der Kirche ist nicht erwünscht. In Stiefenhofen fand man wiederum eine andere Form des Gedenkens: In der Pestkapelle wurde ein Fensterbild gestaltet. Es zeigt ein Mädchen mit Judenstern neben einem KZ-Häftling vor Stacheldraht. Bei der Einweihung 1989 wurde der Name Gabi jedoch kein einziges Mal erwähnt. Der Erinnerungskreis zog sich enttäuscht aus Stiefenhofen zurück, während Hiemer mit seinen Recherchen gerade erst begann.

Als Hiemer nach Stiefenhofen kam, war die Reaktion überall dieselbe: „Wir wissen nichts, wir sagen nichts.“ Hiemer fragte Zeitzeugen. „Das Problem war, dass sie kein Interesse hatten, dass diese Geschichte ans Tageslicht kommt.“ Mithilfe seiner Mutter Anni brachte Hiemer die Menschen doch um Reden. Zunächst sprach man über unverfängliche Dinge von früher. „Dann gab’s Kaffee und irgendwann wurden die Fotos von Gabi vom Dachboden geholt.“

Natürlich wusste man über das Kind Bescheid, das 1937 in Marktoberdorf geboren wurde. In Hiemers Besitz befindet sich das erste Foto, das von Gabi erhalten ist: Es zeigt sie im Arm ihrer Mutter Lotte Eckart, geborene Schwarz. Die junge Frau sitzt auf einer Gartenbank. Sie lächelt. Ein paar Tage ist es auf dem Bild erst her, dass sie ihre Tochter zur Pflege auf den Bauernhof der Aicheles nach Stiefenhofen gegeben hat. Lotte Eckart ist jüdischer Herkunft. Auch ihre Tochter zählt zur „jüdischen Rasse“, die von den Nazis seit der Machtergreifung 1933 auch im Allgäu verfolgt wird. „Heil Hitler“-Rufe in einer vermeintlich heilen Welt. Über eine Bekannte kam der Kontakt nach Stiefenhofen zustande. In dem 785-Seelen-Dorf wähnt Eckart ihre Gabi in Sicherheit.

Lotte Eckart versucht, ihre Tochter in Stiefenhofen vor den Nazis zu schützen

Die Mutter plant, auszuwandern. Sie bekommt Unterstützung von dem Münchner Kardinal Michael von Faulhaber, der Eckart eine Empfehlung für Amerika ausstellt. Doch vergebens: 1941 wird Gabis Mutter ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und vergast. Ein Jahr später kommt der Befehl aus Berlin: Die fünfjährige Gabi muss ihrer Mutter in den Tod folgen. Pflegevater Josef Aichele packt ihr einen Kinderkoffer zum Abschied: mit Gabis Klamotten, ihren Lieblingsspielsachen, einem Teller, einem Becher und einem Löffel. Dazu legt er ein Familienfoto. „Zum Andenken von Pappa und Mamma, Anna und Resi“ schreibt er auf die Rückseite. Drei Tage, nachdem Gabi fort musste, kommt der Koffer zurück. „Juden dürfen von Ariern nichts besitzen“, heißt es.

Der Kaufbeurer Autor und Regisseur Leo Hiemer hat sich mit dem Schicksal von Gabi beschäftigt wie kein anderer.
Bild: Ingrid Grohe

Nun, über 77 Jahre später, ist ein Kinderkoffer in Auschwitz angekommen. „So einen ähnlichen muss Gabi besessen haben“, sagt Martin Krick, der ihn bei seiner Ankunft in Polen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz übergab. Immer wieder war Krick während seiner Radtour gedanklich bei Gabi. Was musste sie auf dem Transport nach Auschwitz durchmachen? „Ich erlebte den Luxus den Donauradwegs, während sie eingepfercht in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert wurde.“ Dass der Koffer nun sein Ziel erreicht hat, erleichtert Krick. Er gibt Gabi etwas zurück – ihren Koffer mit all den Erinnerungen an sie.

In der Radiosendung „Niemand will davon hören“ ließ Leo Hiemer 1989 Zeitzeugen aus Gabis Leben zu Wort kommen. 1993 produzierte er den international preisgekrönten Spielfilm „Leni muss fort“, der auf der Geschichte der kleinen Gabi basiert. „Der Film war ein Riesenerfolg“, sagt Hiemer. Doch von dem Stiefenhofener Pfarrer Mader kam harsche Kritik. Er beschwerte sich sogar beim Intendanten des, das über den Film und auch den Streit im Dorf berichtet hatte. Im März 1994 führte Hiemer sein Werk in der Turnhalle Stiefenhofen vor. „Um acht Uhr sollte der Film beginnen. Pfarrer Mader ließ meine Einladung unbeantwortet. Dafür ließ er in der Kirche nebenan erst einmal fünf Minuten die Glocken läuten“, erinnert sich Hiemer.

In all den Jahren hat der Regisseur vieles über Gabi in Erfahrung gebracht und doch bleibt manches noch unklar. „Auf die spannende Frage nach Gabis Vater gibt es bis heute keine eindeutige Antwort“, sagt Hiemer. Lotte Eckart hat seinen Namen nie genannt. Hiemer vermutet, dass es sich um einen Nicht-Juden handelt. Im Jahr 2008 kam erneut Bewegung in den Fall Gabi. Albert Eichmeier, damals Lehrer in Kempten, legte Hiemer bislang unbekanntes Material vor. Hiemer stürzte sich erneut in die Recherche. 2019 veröffentlichte er all seine Ergebnisse in dem Buch „Gabi (1937-1943): Geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“.

Endlich: Eine Gedanktafel für Gabi in Stiefenhofen

Hiemer erinnert sich noch gut an ein Gespräch mit seiner Frau kurz nach der Buchvorstellung. „Meine Frau sagte zu mir: Jetzt ist es endlich vorbei. Ich antwortete ihr: Nein, jetzt geht’s erst richtig los. Jetzt haben wir eine Basis, auf der wir aufbauen können.“ Im selben Jahr noch konzipierte er mit der Kuratorin Regina Gropper die Wanderausstellung „Geliebte Gabi“, die an vielen Stationen im Allgäu Halt machte. Durch sie kam der Autor mit dem jetzigen Stiefenhofener Pfarrer Johann Mair in Kontakt.

Hiemer brachte eine Gedenktafel für Gabi wieder ins Gespräch. Mit Erfolg: „Es war gar keine Frage, dass die Tafel nach Stiefenhofen gehört“, sagt Pfarrer Mair. Vor wenigen Wochen war es soweit: Die Tafel wurde an der östlichen Kirchenmauer befestigt. Der ideale Ort, wie Pfarrer Mair findet. „Es ist ein schönes Gefühl, etwas zu vollenden, was vier Männer vor 35 Jahren angestoßen haben“, sagt Hiemer. Auch in Marktoberdorf, dem Geburtsort von Gabi, soll ein Gedenkort entstehen. Auf dem Friedhof der St.-Martins-Kirche wird das Denkmal für verstorbene Kriegsgefangene erneuert. Im Zuge dessen soll auch Gabi ihren Platz bekommen. „Der Stadtrat hat zugestimmt – ohne Wenn und Aber“, sagt Bürgermeister Wolfgang Hell. Als Student habe er den Film „Leni muss fort“ gesehen. „Diese Geschichte kann man nicht vergessen. Sie zeigt die Komplexität und Grausamkeit des Systems der ethnischen Säuberung.“

In Block 5 der Gedenkstätte in Auschwitz liegen Beweise für diese Grausamkeit. Tausende Kilogramm Haare, Brillen und Koffer türmen sich auf. „An diesem Ort habe ich die größte Verbindung zu Gabi gespürt“, wird Martin Krick wenig später sagen. Doch hier, in diesem Raum, reichen Worte nicht aus. Losgelassen hat Krick Gabi an diesem Vormittag noch nicht. Sie ist immer noch da – begleitet ihn auf dem Weg über die Gleise, entlang des meterhohen Stacheldrahtzauns, vorbei an Holzbaracken zum Krematorium II, von dem heute nur noch Trümmer übrig sind. „Nie wieder“, sagt Krick bei diesem Anblick. „Nie wieder darf so etwas passieren.“

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