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Allgäu
15.11.2016

Wo ist der Wolf? Eine Spurensuche im Allgäu

Im Allgäu wurde wieder ein Wolf entdeckt.
Foto: bürk-privat

Im Allgäu wurde wieder ein Wolf entdeckt. In einer Gegend, in der viel mehr Menschen leben. Die Aufregung dürfte groß sein – oder etwa nicht?

Es ist ein bisschen wie Topfschlagen. Man weiß, da ist was. Die Frage ist nur: wo?

Landkreis Unterallgäu, so viel ist sicher. Eine Hauptfigur soll ein Jäger sein. Unsere Recherchen ergeben: Er hat vor geraumer Zeit eine Wildkamera in seinem Waldstück aufgestellt, weil er wissen wollte, wie viele Wildschweine sich dort aufhalten.

Aber wo genau? Irgendwo südlich von Memmingen, lautet die offizielle Version. Und genauer? Da beginnt das Problem. Vielmehr: das kleine Staatsgeheimnis. Das gehütet wird wie die englischen Kronjuwelen, seit vergangene Woche Dienstag die automatische Kamera kein Wildschwein aufgenommen hat, sondern einen Wolf.

Südlich von Memmingen also. Erster Stopp: Bad Grönenbach, 5500 Einwohner. Sanfte Hügel, Kopfsteinpflaster, enge Straßen, der Parkplatz im Ortszentrum ist voll, vor allem mit Autos von Besuchern. Sie kommen zum Wandern und für Kneippkuren. Die Kennzeichen weisen auf Städte wie Aachen oder Biberach hin. Vor dem Rathaus stehen ein paar Einheimische beisammen. Sie stellen rund um den Marktplatz Tannenbäumchen auf.

Die Nachricht, dass irgendwo in der Nähe ein Wolf gesichtet worden ist, hat sie schon erreicht. „Ich habe es in der Zeitung gelesen“, sagt eine grauhaarige Frau. Ein junger Mann neben ihr zuckt mit den Schultern. Von einem Wolf, sagt er, höre er das erste Mal. Ein Gesprächsthema scheint der Wolf bei ihnen jedenfalls nicht zu sein. Und sonst im Ort? Die Dame empfiehlt, dem Café Kohlenschieber einen Besuch abzustatten. Wenn in der Marktgemeinde irgendwo Nachrichten ausgetauscht würden, dann dort.

"Jungwölfe haben einen riesigen Aktionsradius"

Es ist ja nicht der erste Wolf, der unsere Region besucht. Jenes Exemplar im Mai 2014, das ein Jäger in der Nähe von Oberstdorf vor die Kamera bekam – das war eine kleine Sensation. Ein Wolf in diesen Breitengraden, erstmals nach fast 200 Jahren – was für ein Ding!

Auf der unscharfen Aufnahme zeichneten sich ab: lange Beine, gerader Rücken, die dunkle Spitze der Rute, markante Schnauze, die dreieckigen, leicht abgerundeten Ohren. Eine DNA-Auswertung erbrachte den Beweis. Der Rüde war wohl aus dem benachbarten Vorarlberg herübergewandert und stammte ursprünglich aus dem Piemont in Italien; das konnte man aus dem Genmaterial „herauslesen“.

Der Biologe Henning Werth wundert sich darüber nicht. „Gerade Jungwölfe haben einen riesigen Aktionsradius“, sagte der Betreuer des Naturschutzgebietes Allgäuer Hochalpen erst vor ein paar Monaten unserer Redaktion. 50 Kilometer am Tag sind für so ein Tier kein Problem.

Der Experte ging trotzdem davon aus, dass der Wolf, der dann im Dezember 2014 ebenfalls bei Oberstdorf von einer automatischen Wildkamera fotografiert wurde, identisch mit dem ersten war. Zwar hinterließ dieses Tier keine DNA-Spuren. Das Landesamt für Umwelt in Augsburg war aber davon überzeugt, dass die Proportionen für einen Wolf sprachen.

Wer ist Wolfsfreund, wer Wolfsfeind?

Werth sagte damals, dass dies jederzeit wieder geschehen kann, ja dass sich der Wolf sogar dauerhaft in der Region ansiedelt – vorausgesetzt, er werde hier akzeptiert. Nun also der dritte Fall in zweieinhalb Jahren. Nur diesmal nicht in den Bergen, sondern ein Stück nördlicher in einem viel stärker besiedelten Gebiet. Was wiederum nicht so unüblich ist – es gab auch Fälle nahe Erding im April 2014 oder bei Ebersberg (beide Oberbayern) im Mai 2015.

Das Unterallgäuer Tier hat offenkundig ein Reh gerissen; Spezialisten haben an dem toten Tier eine Speichelprobe sichergestellt. Erste Ergebnisse einer genetischen Auswertung sollen in etwa zwei Wochen vorliegen.

Das Café Kohlenschieber also. Es ist Mittagszeit und der Gastraum voll besetzt. Der Besitzer läuft zwischen den Tischen hin und her, nimmt Bestellungen auf, trägt Getränke hinaus. In der Küche schnibbelt seine Frau Gemüse. Hinter der Theke steht eine junge Frau. Ihren Namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen, trotzdem will sie etwas sagen. „Ich habe heute Morgen im Radio vom Wolf gehört und mich sehr gefreut“, erzählt sie. Sie habe schon mit einem befreundeten Jäger gesprochen, ob er denn wisse, wo genau das Tier gesehen worden ist und ob man sich Sorgen machen muss. Er habe sie beruhigt. Wo genau das Foto gemacht wurde, wusste er angeblich auch nicht.

„Dass der Ort nicht verraten wird, finde ich gut“, sagt die Frau und lässt einen Cappuccino in eine Tasse laufen. Man wisse ja nie, wer Wolfsfreund sei und wer Wolfsfeind. „Die Menschen sollen sich nicht so anstellen und die Tiere in Ruhe lassen. Es ist doch bekannt, dass sie sich langsam wieder in Deutschland ausbreiten. Da braucht man keine Angst haben“, findet sie und serviert einem Gast den Kaffee.

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