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Bad Grönenbach

09.07.2019

Allgäuer Tierskandal: Landrat wehrt sich und droht mit Anzeige

Bilder wie dieses zählen noch zu den harmlosen, die der Verein „Soko Tierschutz“ veröffentlichte und dem Stall in Bad Grönenbach zuschreibt.
Bild: Soko Tierschutz

Plus Die Augsburger Tierschützer, die den mutmaßlichen Unterallgäuer Milchvieh-Skandal aufdeckten, üben deutliche Kritik an den Behörden. Der Landrat wehrt sich.

Dieser Betrieb ist außergewöhnlich in jeder Hinsicht. Etwa 1800 Kühe hält der Landwirt aus Bad Grönenbach (Landkreis Unterallgäu), dazu sollen nach Schätzungen von Insidern noch mindestens 1000 Jungtiere kommen. Im gesamten Freistaat gibt es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums nur fünf Betriebe mit mehr als 500 Kühen. Und selbst bundesweit zählt er wohl mit zu den größten.

Bei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz droht eine Freiheitsstrafe

Jetzt ist der Bad Grönenbacher Landwirt aber nicht wegen solcher Zahlen, sondern wegen eines mutmaßlichen Tierskandals in die Schlagzeilen geraten. In einem Video, das die "Soko Tierschutz" in Umlauf gebracht hat, sind grausverstörende Bilder zu sehen. Friedrich Mülln als Vertreter des 2012 in Augsburg gegründeten Vereins spricht von einer "besonderen Rohheit und Brutalität der Hof-Mitarbeiter". Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Unterallgäuer Großbauern aufgenommen. Bei der Behörde sei eine Anzeige eingegangen, sagte Oberstaatsanwalt Johann-Peter Dischinger. Die Staatsanwaltschaft überprüft nun, ob Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vorliegen. In so einem Fall seien Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren theoretisch möglich, erklärte Dischinger.

Der Landwirt, gegen den jetzt ermittelt wird, wollte sich am Dienstag im Gespräch mit unserer Redaktion nicht zu den Vorwürfen äußern. Dafür sprach ein früherer Berufskollege, der den Unterallgäuer Landwirt schon seit vielen Jahren kennt. Er hat mitbekommen, wie der Betrieb in den vergangen 20 Jahren gewachsen ist und inzwischen mehrere Standorte umfasst. Und er war bei dem Großbauern auch schon zu Besuch. "Da hatte ich den Eindruck, dass er die Kühe gut behandelt. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass auf dem Hof möglicherweise gegen Tierrecht verstoßen wird", sagte der Mann.

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Tiere werden geschlagen, getreten und geschleift

Auf dem Video, das unserer Redaktion vorliegt, ist zu sehen, wie Tiere mit Eisenstangen geschlagen, einem spitzen Gegenstand gestochen, getreten, an den Ohren gezogen, mit einer an einem Traktor befestigten Klammer durch die Gegend geschleift werden. Auf den Aufnahmen, die über mehrere Wochen hinweg entstanden sein sollen, sieht man außerdem "Kühe, die nicht mehr gehen können, sich selbst überlassen sind, kein Wasser und Futter bekommen und keine medizinische Versorgung – bis zu neun Tage lang", berichtete Tierschützer Mülln. Eine präzise Antwort darauf, wie sein Verein an diese Aufnahmen gekommen ist, gab er nicht: "Das haben wir von anonymen Quellen erhalten und anschließend überprüft."

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) forderte am Dienstag "eine schnelle und lückenlose Aufklärung. Für nachgewiesene Straftaten fordere ich harte Strafen, die auch abschreckend wirken sollen – Tierschutzverstöße sind nun mal keine Kavaliersdelikte." Sie wehre sich allerdings dagegen, dass "solche Fälle zum Anlass genommen werden, alle Tierhalter zu verunglimpfen". Das räumt auch Tierschützer Mülln ein: "Ich kenne mittlerweile viele Milchviehbetriebe. Es kommt in vielen Ställen mal vor, dass einer Kuh mal der Schwanz umgedreht wird oder dass mal mit einem Knüppel zugeschlagen wird. Aber solche Zustände wie in dem Stall in Bad Grönenbach habe ich vorher noch nicht gesehen", sagt er – und äußert deutliche Krtitik an den hiesigen Behörden.

Landrat wehrt sich gegen Unterstellungen

Am Tag nach einer ersten anonymen Anzeige beim Veterinäramt des Landkreises Unterallgäu habe dieses Kontrollen durchgeführt, dabei aber offenbar kaum Missstände entdeckt. Möglicherweise auch, weil laut Mülln am Morgen auf dem Betrieb "auffällig gründlich aufgeräumt" worden sei. Am Tag nach der Kontrolle seien die Misshandlungen "nahtlos weitergegangen". Das werfe "kein gutes Licht auf die Schlagkraft der örtlichen Behörde", sagte Mülln am Dienstagvormittag unserer Redaktion.

Am Dienstagabend holte der Unterallgäuer Landrat Hans-Joachim Weirather zum Gegenschlag aus. Gegen Behauptungen, Mitarbeiter des Landratsamtes würden vor Kontrollbesuchen Vorwarnungen herausgeben, werde er "mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln vorgehen".

Lesen Sie dazu auch den Kommentar Tierskandal im Allgäu: Bloß kein Generalverdacht!

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Die Diskussion ist geschlossen.

10.07.2019

Wer im Tierschutz sich engagiert wird immer wieder solche Erfahrungen machen, dass nach Anzeigen beim Veterinäramt keine nennenswerten Verstöße festgestellt werden. Sicher gibt es auch Ausnahmen bei den Mitarbeitern. Aber im Großen und Ganzen stellt sich einfach das Gefühl ein, dass die Mitarbeiter nicht wirklich daran interessiert sind eine Aufklärung zu betreiben. Es ist ja mit einem erheblichen Aufwand verbunden, denn nach den Auflagen müssen ja Nachkontrollen erfolgen, und nicht nach Vorankündigung sondern überraschend. Danach müssen rechtliche Schritte eingeleitet werden, wenn sich an dem Zustand nichts ändert. Die Aussage des Landrats ist deswegen total unverständlich. Sicher sollte sich in der Regel ein "Chef" vor seine Mitarbeiter stellen, aber vorher sollte er schon die Anschuldigungen überprüfen und nicht pauschal sofort mit allen rechtlichen Schritten drohen. Aber ganau in der Landwirtschaft wird viel vertuscht, verharmlost usw. Sicher ist nicht in jedem Betrieb vieles im Argen. Aber wie überall, wird eben dann von der Bevölkerung pauschalisiert. Und solche Vorstöße wie vom Landrat tragen bestimmt nicht dazu bei, dass sich das ändert.

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09.07.2019

Ich würde dem Landrat empfehlen diesen Skandal eher aufzuarbeiten , bevor man hier mit dem Anwalt droht ! Das hier soetwas passieren kann ist unglaublich .Seine Behörde hat da was nicht im Griff .Gute Arbeit der Soko Tieschutz , danke das es solche Menschen gibt , machte weiter so !

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09.07.2019

Es wäre besser intern zu untersuchen, ob der Bauer einen Tip bekommen hat, als das der Landrat pauschal allen seinen Angestellten Absolution zu erteilen.

Die Frage bleibt im Raum, wieso wurde vor der Kontrolle so gründlich aufgeräumt und wieso fand nur eine Kontrolle statt.

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09.07.2019

Der Landrat Hans-Joachim Weirather sollte lieber seine Kontrollen optimieren, als zum Gegenschlag auszuholen...

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