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Suizid

12.06.2018

Als Papa beschloss zu sterben

Am Anfang ging Jutta mit ihren Kindern fast täglich ans Grab des Vaters. 
Bild: Thomas Obermeier

Mario gibt eine Geburtstagsparty für seine Frau. Dann bringt er sich um. Zwei Jahre später reden Jutta und die Kinder über den Tag, der alles verändert hat.

Vier bunte Herzen. Zwei große umrahmen zwei kleine. „Papa“ steht im größten. Und in krakeliger Kinderschrift darüber: „Liber Papa. Wir fermisen dich ser aber jezt hast du keine Schdimbrobleme. Du bist ein Engel der uns beschüzt und der Geist der bei uns ist ...“ Das knitterige Blatt zittert in Juttas Hand, die unbeholfenen Buchstaben verschwimmen. Zwei Jahre ist der Brief alt, ihre Tochter Anna hat ihn im Juni 2016 geschrieben. Wenige Tage, nachdem ihr Vater sich umgebracht hatte.

Anna war damals sieben, ihr Bruder Julian neun. Jutta hatte gerade ihren 40. Geburtstag gefeiert. Es war ein rauschend-fröhliches Fest im Vereinsheim, organisiert von ihrem Mann. Bilder zeigen Mario tanzend, im Kreis von Freunden, Arm in Arm mit Jutta. Ein glücklicher Abend, rundum gelungen. Bis zum Ende, bis zum Aufräumen. Plötzlich brach Mario zusammen, weinte, beschimpfte sich selbst voller Wut und Hass. „So kannte ich meinen Mann überhaupt nicht“, sagt Jutta. 17 Jahre waren sie ein Paar, aggressiv sei er niemals gewesen. Das nächtliche Ausrasten kam völlig überraschend.

Wie soll man das den Kindern erklären: Der Papa ist tot

Einzelne Fragmente vom Morgen des 12. Juni 2016 haben sich eingebrannt: Das komische Gefühl beim Beseitigen der letzten Partyspuren, das leere Bett bei ihrer Heimkehr, die Suche nach Mario. Dann die Nachricht der Polizei: „Ihr Mann hat sich das Leben genommen.“ Worte, die nicht zu begreifen sind. Schreien. Der Impuls wegzulaufen. Hilflosigkeit. Rettungskräfte überall. An ihrer Seite saß der Pfarrer, daran erinnert sich Jutta. Er war da, gab wertvollen Halt. Ruhe. „Aber ich wusste die ganze Zeit, wir müssen das noch den Kindern sagen.“ Das, was nicht zu beschreiben ist: Der Papa ist tot.

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Jutta erzählt schnell. Fast minutengenau rekapituliert sie den Morgen nach ihrem 40. Geburtstag, wie unzählige Male zuvor, in Gedanken, mit Therapeuten oder Seelsorgern. Sie sitzt mit ihrer Schwiegermutter am Esstisch, im Garten zwitschern Vögel. In der Ecke, über einem Sessel, steht Marios Bild. Ein Porträtfoto, umrahmt von Karten, selbst gebastelten Papiertieren und Schnappschüssen beim Strandurlaub oder unterm Weihnachtsbaum. Fröhliche Bilder, ein warmes Zuhause. „Er hat immer gesagt, er wäre der glücklichste Mensch, wenn er keine Stimmprobleme hätte“, erinnert sich Jutta. Wenn.

Am Anfang hat sie sich Vorwürfe gemacht

Die Angst, seine Stimme zu verlieren, hat Mario jahrelang verfolgt. In der Phoniatrie der Uniklinik Würzburg war er in Behandlung, ein Knoten am Stimmband wurde gefunden, operiert. Die Narbe verursachte chronische Heiserkeit. Und Zweifel: Wie würde es weitergehen? Wie sollte er ein Vater, ein Fußballtrainer, ein „Macher“ ohne Stimme sein? „Damit ist er überhaupt nicht zurechtgekommen“, sagt Jutta. Ein Jobwechsel setzte ihn zusätzlich unter Druck, nachts begann er, heimlich Stimmübungen zu machen. „Das hat ihn wahnsinnig beschäftigt.“ Belasten wollte Mario seine Familie mit seiner Verzweiflung aber nicht. „Er konnte das gut verstecken.“ Vor seiner Frau, den Kindern und vor sich selbst. Dass er krank war, sei ihm wahrscheinlich nicht bewusst gewesen. Die Psychologen gehen heute von einer versteckten Depression aus, so Jutta.

Am Anfang habe sie sich Vorwürfe gemacht. Das „Warum?“ zermürbte. Die Antwort, die ihr half, gab eine Therapeutin: Es war nicht zu verhindern. Mario hat sich das Leben genommen, weil er sehr krank war. „Manche Leute meinen, sie spenden Trost, wenn sie fragen, warum hat er euch das angetan“, sagt ihre Schwiegermutter leise. „Nur er hat uns überhaupt nichts angetan. Er fehlt uns allen jeden Tag und das ist ein großer Verlust.“ Ihre Stimme bricht. „Er war ein toller Sohn, ein liebenswerter Mensch.“ Engagiert im Fußballverein und in mehreren Gemeinschaften im Dorf. Bekannt und beliebt.

Als Knochenmarkspender hat er sogar ein Leben gerettet. Scheinbar ein Mann, der mitten im Leben stand. „Genauso war es – darum war der Schock so groß“, sagt Jutta. Für die Familie, die Freunde, den ganzen Ort. In der Woche bis zur Beerdigung fing die Familie Jutta und die Kinder auf. Bekannte kamen regelmäßig vorbei, eine Freundin ging einfach in die Küche und kochte am ersten Abend Spaghetti für alle, ungefragt und hochschwanger. „Es waren immer Menschen da und das war schön“, erzählt Jutta. Ab und an aber brach auch sie zusammen, suchte Zuflucht oben, allein, im Schlafzimmer. „Ich habe gedacht, das ist jetzt nicht wahr, das kann nicht sein, dieses unfassbare...“ Sie verstummt. Aus dem Ehebett baute sie ein Lager für sich und die Kinder, einen Rückzugsort, um Kraft zu sammeln. Für die Beerdigung.

„Können wir irgendwann wieder lachen?“, fragen die Kinder

„Was bleibt, sind die wertvollen Erinnerungen und deine unendliche Liebe“ steht auf dem Sterbebild. Es zeigt einen von Marios Lieblings-Angelplätzen. Nicht in schwarz-weiß, sondern bewusst in Farbe. „Ich habe immer gesagt, wir trauern positiv“, betont Jutta. So nahmen sie auf ihre eigene Art Abschied, schufen aus dem schlichten Holzsarg ein Kunstwerk voller Erinnerungen. Mit Herzen und einem Weg aus Sand und Gartenerde, mit Fotos von Urlauben, einem Weihnachtsengel, wie ihn die Familie jedes Jahr gebastelt hat und mit kleinen Botschaften für den Papa. „Wir haben uns mit aller Liebe von ihm verabschiedet.“ Bis heute tragen Anna und Julian eine Kette mit einem Anhänger. Ein Kleeblatt und ein Delfin, mit dem Fingerabdruck ihres Vaters. Beide nehmen sie nie ab.

Zur Beerdigung kamen über 1000 Menschen. Das ganze Dorf, ein kleiner Ort im Kreis Würzburg, nahm Anteil. „Das habe ich kaum wahrgenommen“, sagt Jutta. Es zählten nur die Kinder und sie, Hand in Hand, „zu dritt waren wir so stark“. Als Abschlusslied erklang Andreas Gabaliers „Amoi seg’ ma uns wieder“. Ein Lied, in dem der Musiker die Trauer um seinen Vater und seine Schwester verarbeitete, die sich beide das Leben genommen hatten. „Die Kinder haben gesagt: ,Der ist ja wieder ganz fröhlich. Können wir auch irgendwann wieder lachen?’“ Jutta blinzelt. „Und ich habe geantwortet: ,Ja, bestimmt.’“

Sie hat nicht gelogen. „Es muss niemand so machen wie wir. Aber offen mit dem Thema umzugehen hilft. Kinder halten das aus.“ Anna und ihr Bruder Julian wissen alles, sie sprechen ohne Hemmungen über den Suizid ihres Vaters. „Das ist bestimmt außergewöhnlich“, gibt ihre Großmutter zu. Aber erleichternd. Weder in der Familie, noch bei Freunden oder in der Schule ist oder war der Suizid ein Tabu. Es wurde ganz bewusst nichts verschwiegen oder vertuscht. Sondern darüber geredet, im positiven Sinn, nicht getratscht. Und geholfen.

Da sein, zuhören, den Schmerz aushalten - das ist das Wichtigste

Jutta und die Kinder wurden von Anfang an psychologisch betreut. Mit ihrer Schwiegermutter hat sie Seminare zur Bewältigung besucht, unzählige Fachbücher über Depressionen gelesen. „Es war unendlich hart“, sagt ihre Schwiegermutter. „Was mich am allermeisten bewegt hat, waren die Kinder und ihre Angst. Wie sie so an dir hingen.“ Stille Tränen in den Augen. Sie fürchteten, nach dem Vater auch ihre Mutter zu verlieren.

Ein dreiviertel Jahr lang wollten sie Jutta nicht aus den Augen lassen, folgten ihr überallhin. Was half, waren die Menschen.

Die Lehrer besuchten Anna und Julian zu Hause, die Schulpsychologin sprach mit den Klassen. Freunde kamen nach wie vor zu Besuch. Wo Erwachsene Berührungsängste zeigten, waren die Kinder unbefangen, spielten und tobten wie zuvor. Ein Spendenkonto wurde für die Familie eingerichtet. Weihnachten stand „die komplette Treppe voll mit Geschenken und ein Christbaum vor der Tür“, erzählt Jutta. Arbeitskollegen, Nachbarn, Leute aus dem Ort unterstützten.

Trotzdem gab es die dunklen Momente, „Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte, geweint habe, verzweifelt war“. Schwierige Situationen wie das erste Vorsingen von Anna oder Julians Ministranten-Fußballturnier. Andere Eltern verstummten plötzlich, wenn Jutta dazukam. „Mir hat es gutgetan, den Leuten zu sagen, wir gehen ganz offen damit um.“ Nicht jeder konnte das verstehen. Nicht jeder richtig reagieren. Was ist schon richtig, wenn sich ein 38-jähriger Vater das Leben nimmt?

Ein Kleeblatt und ein Delfin, darin der Fingerabdruck des Vaters: So tragen Anna und Julian ihren Vater immer bei sich. 
Bild: Thomas Obermeier

„Das Wichtigste ist: Da sein, zuhören und diesen Schmerz mit aushalten“, sagt Jutta. Machen. Mit kleinen Gesten helfen, kochen, einkaufen, notfalls zeigen, wie unsicher man dabei ist. Aber nicht vor der Trauer zurückzucken. Und keine Angst vor Offenheit haben.

Sie spricht offen über Suizid - und über Depressionen

„Jeder darf es sagen, wenn er einen Arm gebrochen, wenn er Schnupfen oder Krebs hat – aber wenn man seelenkrank ist, das ist ein absolutes Tabuthema“, sagt Jutta. Eines, das ihr den Mann genommen hat – und über das sie seitdem spricht. „Wir wollen uns mit unserer Geschichte nicht in den Mittelpunkt stellen“, erklärt die 42-Jährige. Ihrer Familie geht es nicht um Aufmerksamkeit und schon gar nicht um Mitleid. Sondern darum, offen mit Sorgen umzugehen und sie auszusprechen. Sich Menschen zum Reden zu suchen. Und Hilfe anzunehmen, so wie sie und ihre Kinder es gelernt haben. Nach und nach.

„Anfangs waren wir täglich am Grab. Der Esstisch wurde immer für vier gedeckt. Ich saß oft hier und habe Marios Bild angeschaut“, sagt Jutta. „Aber die Trauer wandelt sich und das ist auch gut so.“ Bald will sie das Wohnzimmer neu gestalten, die Fotowand verkleinern. „Die Trauerarbeit hat ihren Sinn gehabt und es geht aufwärts.“ An diesem Nachmittag sind Anna und Julian mit ihrem Opa in einem Freizeitpark. Ohne die Mama. Ohne Furcht, verlassen zu werden. Und ja, bestätigt Jutta, sie können sich jetzt wieder auf solch einen Ausflug freuen. Wieder lachen. Aber nicht vergessen.

„Mario war ein ganz besonderer Mensch. Würde ich ihn heute noch einmal kennenlernen und würde ich das Ende wissen, ich würde ihn wieder nehmen“, sagt Jutta. Zum ersten Mal erreicht das Lächeln ihre Augen. „Wir haben so viele schöne Sachen zusammen erlebt, die Liebe ist stärker.“ Stärker als die Trauer. Marios Tod hat die Familie nicht zerstört. „Du bist der Beste Papa der gansen grosen weiten Welt“, hat Anna in ihrem Brief geschrieben. Die vier bunten Herzen sind kaum verblasst. Darunter steht, fast verblasst, die Frage, die bleibt: „Warum mustest du Schderben?“

Anna hat ihrem Vater einen Abschiedsbrief geschrieben. „Du bist der Beste Papa der gansen grosen weiten Welt“, steht da.
Bild: Thomas Obermeier

Hier finden Menschen Hilfe, die nach einem Suizid zurückbleiben

In Deutschland sterben nach Angaben des Vereins AGUS (Angehörige um Suizid) jährlich etwa 10.000 Menschen durch Selbsttötung – das sind mehr als doppelte so viele, wie durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen. AGUS hat bundesweit ein Netz von Selbsthilfegruppen für Suizidhinterbliebene aufgebaut.

Augsburg Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeweils am zweiten Mittwoch im Monat im Haus Tobias (Stenglinstraße 7) nahe des Zentralklinikums. Weitere Infos: www.agus-augsburg.de

Kempten Die Gruppe trifft sich ein Mal monatlich am St.-Mang-Platz 1. Infos gibt es bei Lucia Schleich (Tel 0831/68115) oder Gabi Sager (Tel. 0831/97746).

Memmingen Immer am letzten Mittwoch im Monat in der Pfarrei St. Josef (Josef-Schmid-Weg 29) um 18.30 Uhr, Kontakt: Angelika und Franz Kudela, Tel. 08394/9257141, a-fkudela@t-online.de

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