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Fecht-Unfall

13.06.2019

Die Suche eines Fechters nach der Vergebung für einen tödlichen Stich

Das Entsetzen sieht man ihm an: der Florettfechter Matthias Behr nach dem tragischen Unfall 1982 in Rom. Neun Tage später ist sein Gegner Wladimir Smirnow tot.
Bild: UPI, dpa

Plus Matthias Behr ist einer der weltbesten Fechter, als seine Klinge Olympiasieger Smirnow trifft. Eine bewegende Geschichte über Schuld und die Tage, die alles verändern.

Unerwartet weicht der Regen, die Sonne zaubert ein mattes Gold auf die wuchtige Fassade der Würzburger Residenz. Fast so, als meine es der Himmel gut mit dieser Begegnung. Emma Smirnowa aus Kiew mustert die mächtigen Mauern. Dann lächelt sie dem Mann zu, dessen Florett vor 37 Jahren ihren Mann Wladimir getötet hat. Und Matthias Behr, den dieser Tod so lange gequält hat, zeigt plötzlich dieses Lausbubenlächeln, das er sich auch mit 64 Jahren bewahrt hat.

Emma Smirnowa und Matthias Behr wissen beide um diesen besonderen Moment: Die Mauern, die sie für diese Begegnung im Frühsommer 2019 überwinden mussten, waren viel höher als die der Würzburger Residenz – aber nun stehen sie beide hier, die Ukrainerin und der Deutsche, angekommen nach einer langen Reise zu sich selbst.

Matthias Behr (links) und Emma Smirnowa mit deren Enkel Artimje und ihrem zweiten Mann Wladimir vor der Würzburger Residenz.
Bild: UPI, dpa

Matthias Behrs Klinge tötete Wladimir Smirnow

Während Emma und ihre Familie der russischen Fremdenführerin zuhören, wird Behr gefragt, wie er sich fühle. Der schließt die Augen, hört in sich hinein, sagt: „Es ist die Erfüllung eines weiteren Traums.“ So versöhnlich wirkt dieses Bild – im Gegensatz zu dem anderen, das auf ewig mit dem Namen des Ausnahmefechters verbunden ist: Wie der junge Topathlet mit ungläubig aufgerissenen Augen ins Leere starrt, vor 37 Jahren in der Fechthalle in Rom. Wie er hin und her läuft, das Gesicht im Handtuch vergraben will und dann doch wieder entsetzt und hilflos zu den Helfern schaut, die neben der Fechtbahn knien. Weltmeister Wladimir Smirnow, der Mann, den Behr nicht nur einen Gegner, sondern auch einen Freund nennt, liegt blutend am Boden.

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Behr wird später den Moment verfluchen, als sich die beiden Meister im Florett gegenüberstanden, im Viertelfinale der Weltmeisterschaft an jenem unseligen 19. Juli 1982. Zwei Topathleten kreuzen die Klingen, stürzen aufeinander los.

Auf der einen Seite der Planche: Behr, 27 Jahre alt, Olympiasieger 1976, Weltmeister 1977, Weltcupsieger 1978. Ihm gegenüber: Wladimir Smirnow, 28, Olympiasieger 1980, zweimaliger Weltmeister 1981. Noch viele Jahre später ist der Moment für Matthias Behr so präsent wie damals. Er trifft Smirnow im oberen Brustbereich. Die Klinge bricht ab, die Vorwärtsbewegung ist nicht mehr zu kontrollieren. „Ich habe gespürt“, sagt Behr, „wie die Waffe durch die Maske ging.“

Die Fechtwettbewerbe werden fortgesetzt. Ohne Behr, der sich quält, obwohl ihm viele versichern, dass ihn keine Schuld trifft. Die Deutschen verlieren. Die Sowjets werden Weltmeister. Neun Tage später stirbt Wladimir Smirnow im Spital in Rom.

Der Unfall verfolgt Fechter Behr wie ein Dämon

Dieser Moment, er fehlt bis heute in kaum einer Dokumentation über tragische Unfälle im Leistungssport. Er führt zu heftigen Diskussionen um die Sicherheit der Athleten und zu deutlichen Material-Verbesserungen bei Schutzwesten, Masken und Waffen. Das tröstete Behr zumindest ein wenig. „So war mein Unfall doch noch zu etwas nütze.“ Aber der Sportler, in dessen bärenhaftem Körper eine sensible Seele schlummert, bekommt die Szene nicht mehr aus dem Kopf. Sie verfolgt ihn wie ein Dämon.

Behr will zur Beerdigung nach Kiew reisen. Doch er hat Angst, dass manche mit dem Finger auf ihn zeigen. Dass man ihn als Mörder beschimpft. Was ihn besonders quält: Der Gedanke, dass Smirnows Kinder – wie er selbst – ohne Vater aufwachsen müssen. Das hat den jungen Matthias Behr geprägt und zu dem Fechtchef Emil Beck getrieben, diesem autoritären Ersatzvater.

Emma ist damals 27 Jahre alt und schwanger. Behr schreibt der Witwe einen Brief nach Kiew – und erhält keine Antwort. Im Lauf der Jahre schreibt er viele weitere – und ahnt nicht, dass sie von sowjetischen Funktionären zurückgehalten werden, denen eine versöhnliche Geste nicht in den Kram passt. Behr, der Ausnahme-Sportler, will mit dem Fechten aufhören. Doch Beck, sein Übervater im Guten wie im Bösen, überzeugt ihn vom Gegenteil. Also macht er weiter, um eine Aufgabe zu haben, die ihm beim Vergessen hilft. Ein Jahr später wird Behr in Wien mit dem Team Weltmeister.

Das Konzentrieren auf das Fechten hilft. 16 Medaillen erkämpft er sich, wird Weltmeister und Olympiasieger. Es ist die große Zeit der „Goldschmiede“ von Tauberbischofsheim. Doch Behr geht der Unfall nicht aus dem Kopf. Das Leben zwingt ihm andere Gefechte auf, zuoberst die gnadenlose Erwartungshaltung Becks, der von seinen Zöglingen erwartet, alles andere dem Fechten unterzuordnen.

Und doch lässt ihn die Frage nicht los: Wie geht es Smirnows Familie?

Matthias Behr dachte über einen Suizid nach

Behr hadert mit sich, mit der Scheidung von seiner ersten Frau, dem plötzlichen Tod der Mutter, dem Zerwürfnis mit Beck, der enttäuscht ist, dass Behr auch andere Dinge wichtig nimmt. Und Emma Smirnowa? Die ahnt irgendwie, dass sich dieser lange Deutsche Vorwürfe macht wegen Wladimirs Tod – grundlos, denkt sie.

Lange ahnt keiner, dass Behr verzweifelt ist. Viele Jahre später schreibt er ehrlich in ein Buch: Er will sein Leben beenden. Er steht auf einer Autobahnbrücke, will schon springen, als ihn ein Gedanke durchzuckt: „Was, wenn ich durch meinen Sprung jemanden mit in den Tod reiße? Jemanden töte, obwohl ich das nicht will?“ Behr klettert zurück, sucht sich Hilfe – und findet sie. Und wieder versucht er, Smirnows Witwe zu finden.

Als er schon nicht mehr an den Erfolg glaubt, kommt 2017 der Anruf des Journalisten Michael Ditt-rich. Der recherchiert gerade für einen Dokumentarfilm über Behr. „Sitzt du?“, fragt er. „Ich habe die Telefonnummer von Emma Smirnowa. Sie will mit dir sprechen.“ Behr ist sprachlos, nur kurz. Wenige Tage später ruft er mithilfe einer Dolmetscherin Emma Smirnowa an. Er redet, sie redet. Wichtige Worte: „Ich möchte Ihnen sagen, dass wir nie der Ansicht waren, dass Sie eine Schuld trifft“, sagt sie. Er weint, sie weint. Sie lädt ihn nach Kiew ein.

Am 8. Juni 2017 steigt Behr in Frankfurt ins Flugzeug – ganz allein wie beim Fechten. Das muss er allein austragen, mit seinem Dämon und mit Emma. Worauf er hofft? Zumindest erklären zu dürfen, wie das alles kam. Dann steht der 1,95-Meter-Mann vor der einen Kopf kleineren Frau mit dem wissenden Lächeln im Gesicht. Sie redet nicht viel, kommt schnell auf den Punkt. Behr erntet viel mehr, als er erhofft hatte. Er lernt Smirnows Kinder kennen, Emmas neuen Mann und ein erstes Wort auf Ukrainisch: Sim’ya heißt Familie, ein wichtiges Wort in Emmas wie in Behrs Leben. An Wladimir Smirnows Grab, vor der pathetischen Büste des sowjetischen Sporthelden, sagt sie ihm noch einmal: „Matthias, du trägst keine Schuld!“

Die Witwe gibt ihm keine Schuld an dem Unfall

Dieser Satz „kam mir wie eine Erlösung vor“, sagt Behr nach seiner Rückkehr. Vier Tage verbrachte er bei Emmas Familie in der Ukraine, kein böses Wort fällt. Stattdessen werden Gemeinsamkeiten deutlich: Auch Emma litt auch an Depressionen nach dem Tod ihres Mannes.

Behr wirkt wie umgewandelt, fröhlich statt verbissen mit sich und seiner Umwelt hadernd, wie man ihn zuletzt als Leiter des Olympiastützpunktes Fechten erlebt hatte. Er genießt die wiederkehrende Wertschätzung, als die Medien die Geschichte dieser Odyssee zwischen Ost und West aufgreifen. Plötzlich sind Emma Smirnowa und er ein Beispiel dafür, wie Gräben überwunden werden können.

Es tut dem zuletzt Geschmähten gut am Ende seiner Karriere, mit solchen Schlagzeilen die Tür zu dem Teil seines Lebens hinter sich schließen zu können – nach den unschönen Schlagzeilen im Jahr 2017. Der Olympiastützpunkt Tauberbischofsheim war ins Gerede gekommen. Sportlerinnen hatten behauptet, jahrelang von einem Trainer sexuell belästigt worden zu sein. Behr hat Verwicklungen stets dementiert. Manche reden von einer Intrige, in die man ihn hineinziehen wollte.

Emmas Gegenbesuch nun macht die Geschichte perfekt. Sie will das Fechtzentrum sehen, um das sich Behrs Leben so lange gedreht hat. Er führt sie entlang der „Wall of Fame“, der Ruhmeswand, die an die großen Erfolge von Tauberbischofsheim erinnert. Hier hat er im vorigen Jahr still seinen Schreibtisch geräumt, hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Auf eine große Abschiedsgala hat er verzichtet, verlogene Komplimente wollte er sich sparen. Nun ist er nur noch Besucher – mit Emma, ihrem Mann und ihrem 13-jährigen Enkel Artimje.

„Am Anfang war das alles etwas schwierig“, erzählt Emma von den ersten Telefongesprächen mit Dolmetscher. Aber sie ahnte: „Irgendwo auf der Welt lebt da ein Mensch, der sich wegen Wladimirs Tod bittere Vorwürfe macht.“ Als nach über drei Jahrzehnten plötzlich der Kontakt zustande kam, sei sie sehr erleichtert gewesen, sagt Emma, die inzwischen eine kleine Berühmtheit ist: Die Welt hat über das Duo geschrieben, die Bunte und viele mehr. Markus Lanz hat sie eigens nach Hamburg zu seiner Sendung einfliegen lassen. Das war nett, aber wirklich gespannt ist Emma Smirnowa auf Behrs Familie.

In Würzburg lernt die Witwe Behrs Familie kennen

Fast zwei Jahre nach der ersten Begegnung in Kiew ist es nun so weit: Behr liegt erkennbar daran, Emma die Tür zu seinem Leben zu öffnen, zu seiner Familie und seiner Heimat – so, wie sie, die Witwe des Fechters, es für ihn in Kiew gemacht hatte. Dass der Besuch auf Emmas 65. Geburtstag fällt, macht es noch schöner. Voller Stolz zeigt Behr ihr Würzburg und seine Heimatstadt Tauberbischofsheim. Es gibt Bierkrüge für Emmas zweiten Mann in einer Brauerei, einen Händedruck vom Bürgermeister und ein paar schöne Bilder im Fernsehen. Emma schaut sich das alles an, hellwach, interessiert – und leise amüsiert, als die Stadtführerin im Ornat eines Nachtwächters erscheint.

Es gibt aber auch diesen einen, sehr privaten Moment – ohne Zeugen und Kameras: Beim Abendessen mit Behrs Frau, der ehemaligen Fecht-Olympiasiegerin Zita Funkenhauser, und den Zwillingstöchtern Leandra und Greta hält Emma eine kurze Rede. Der Kernsatz lautet: „Du hast hier eine wundervolle Familie, aber du bist jetzt auch ein Teil unserer Familie.“ Noch Tage später ist Behr ergriffen davon. Er steht auf dem Schlossplatz seiner Heimatstadt und ringt nach Worten, die irgendwie die Magie dieses Momentes wiedergeben, ohne hohl und pathetisch zu klingen. Vielleicht so: Dieser ewige Strafprozess, den er in seinem Innern seit Smirnows tragischem Tod 1982 mit sich selbst führte, ist zu Ende – mit einem Freispruch. Gott sei Dank, sagt Behr, wie Emma gläubiger Katholik.

Am nächsten Tag kommt vom Flughafen noch eine SMS: „Lieber Matthias, ich bin unendlich dankbar für einen so herzlichen Empfang, für deine und Zitas Aufmerksamkeit.“ Dann fliegen Emma und ihre Familie heim, in ihr Leben in Kiew. „Das ist nicht das Ende“, sagt Behr mit einem Lächeln, es gibt ja Internet, WhatsApp, Skype. „Das ist erst der Anfang von etwas, das ich weiter pflegen möchte.“ Ein wichtiges Wort in ukrainischer Sprache kennt Behr ja nun schon: Sim’ya.

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