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Rettenbach im Allgäu

14.08.2019

Drei Monate nach tödlicher Explosion: "Das Leben geht unerbittlich weiter"

Unter den Trümmern eines Hauses in Rettenbach finden Helfer die Leiche eines 42-jährigen Mannes und seiner Tochter (7). Die Mutter liegt nach drei Monaten noch im Krankenhaus.
Bild: Martina Diemand

Plus Knapp drei Monate nach einer verheerenden Gasexplosion spricht der Bürgermeister von Rettenbach über noch längst nicht verheilte Wunden und zwiespältige Gefühle.

Knapp drei Monate nach der verheerenden Gasexplosion sind die Wunden in Rettenbach am Auerberg noch lange nicht verheilt. Bei der Explosion war ein Wohnhaus völlig zerstört worden, ein 42-jähriger Familienvater und seine siebenjährige Tochter starben. Die lebensgefährlich verletzte Mutter liegt noch immer im Krankenhaus. Zwei Kinder überlebten körperlich unversehrt. Ein Gespräch mit Bürgermeister Reiner Friedl.

Wie haben Sie am 19. Mai den Moment der Explosion erlebt?

Reiner Friedl: An dem Sonntag saß ich mit meiner Familie gerade am Frühstückstisch, als es plötzlich einen unglaublichen Knall tat. Wir konnten das nicht gleich zuordnen, dachten vielleicht an einen Flugzeugabsturz. Sehr schnell danach heulte die Sirene. Also bin ich schnell losgefahren. An der Unglücksstelle sah ich dann, dass das Haus explodiert war. Es war einfach nicht mehr da. Ab dem Moment gab es nur noch eins: die Sorgen um die Bewohner. Was ist mit ihnen passiert?

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Sie waren dann 27 Stunden ununterbrochen auf den Beinen. Wie haben Sie diese Zeitspanne in Erinnerung?

Friedl: Man funktioniert in solchen Momenten einfach. Es gab so viel zu tun. Und ich habe einfach geholfen, wo Not am Mann war. Die Rettungskräfte brauchten Baupläne des Hauses und Pläne der Gasleitungen, wir mussten die Retter mit Getränken und Essen versorgen – also habe ich mitten in der Nacht Brote geschmiert. Wir mussten eine Unterkunft finden für die Bewohner des Nachbarhauses. Und dann waren da ja die zwei überlebenden Buben der Familie. Es gab so viele Dinge zu erledigen. Und zugleich waren die Gedanken immer bei den beiden Vermissten. Man hofft bis zur letzten Minute. Und man betet: Bitte, lass sie in dem zerstörten Haus eine Nische oder einen Hohlraum gefunden haben, lass sie am Leben sein...

Besonders tragisch ist, dass die Familie durch eine Gasexplosion zerstört wurde, obwohl sie ja für ihr Haus gar keinen Gasanschluss wollte ...

Friedl: Das hat mich auch sehr beschäftigt. Wie viele Umstände da zusammenkommen mussten, damit dieses Unglück überhaupt passieren konnte. Das führt einem vor Auge, wie nah Freud und Leid beisammenliegen. Es hilft dir nichts, gesund zu sein, du musst auch noch Glück haben im Leben.

Viele Menschen im ganzen Allgäu haben Anteil genommen an dem Schicksal der Familie. Und viele haben geholfen.

Friedl: Ja, die Spendenbereitschaft war enorm, dafür sind wir sehr dankbar. Bis jetzt gingen über 5000 Spenden ein. Vom Kind, das sein Sparschwein schlachtete und 1,28 Euro spendete, bis zur Großspende. Unser großes Ziel ist es, der Familie wieder ein Heim zu schaffen.

Das von der Explosion völlig zerstörte Haus wurde relativ schnell abgetragen. Wollten Sie einen Katastrophentourismus verhindern?

Friedl: Den Schutthaufen dort zu lassen, wäre keine Lösung gewesen. Solange Trümmerteile herumliegen, kommen auch die Neugierigen. Wir aber wollten Normalität herstellen.

Hat sich nach dem Unglück Ihre Rolle als Bürgermeister verändert?

Friedl: An das Amt des Bürgermeisters hatte ich von Anfang an eine konkrete Selbstanforderung: Wenn ich irgendwo helfen kann, dann helfe ich. Meine grundlegende Einstellung zu dem Amt hat sich nicht geändert – auch wenn mich die vergangenen Wochen öfter mal bis an den Rand der Erschöpfung gebracht haben.

Knapp drei Monate nach der verheerenden Explosion mit zwei Toten spricht der Rettenbacher Bürgermeister Reiner Friedl darüber, wie die Tragödie den Ort veränderte.
Bild: Dirk Ambrosch

Die Explosion war auch ein bundesweites Medienereignis. Wie sind Sie damit umgegangen?

Friedl: Die Rolle der Medien hat in mir zwiespältige Gefühle ausgelöst. Natürlich gibt es auf der einen Seite ein Recht auf Information. Andererseits mussten wir unglaubliche Vorgänge erleben: Da gab es Reporter, die mit Teleobjektiven schlimme Situationen fotografiert haben. Das halte ich für pietätlos.

Haben Sie sich selbst gestört gefühlt?

Friedl: Mir war schon bewusst, dass ich Informationen herausgeben muss. Wenn man aber ein Interview nach dem anderen geben soll, ist keine Zeit für Wichtigeres. Und dann gab es Momente, in denen ich selbst verzweifelt war – als zum Beispiel gerade das Mädchen tot geborgen worden war. Wenn dann einer kommt und dir das Mikrofon unter die Nase hält – ja, dann ist das heftig.

Was hat das Unglück mit Rettenbach gemacht? Ist es noch derselbe Ort?

Friedl: Auch in Rettenbach geht das Leben unerbittlich weiter – aber vergessen können wir das Unglück natürlich nicht. Was sich mir eingeprägt hat: Wie die Dorfgemeinschaft nach der Explosion geholfen hat, war vorbildlich. Das ist eine Stärke von Rettenbach. Zusammenhalten, wenn es drauf ankommt. So eine tiefe Gemeinschaft ist einmalig.

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