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Oberbayern

25.12.2014

Ein Familie führt ein Leben (fast) ohne Abfall - auch an Weihnachten

Wiederverwertung spielt eine zentrale Rolle bei der Müll-Diät: Hier häkelt Stefanie Kießling mit ihren Kindern Taschen aus zerschnittenen Leinentüchern.
Bild: Kießling

Gerade an Weihnachten fällt in vielen Haushalten eine große Menge an Verpackungsabfall an. Eine Familie aus Oberbayern will es anders machen – und hält Müll-Diät.

Ein Kindergeburtstag mit möglichst wenig Abfall – das war eine besondere Herausforderung bei der Müll-Diät. Doch die vierköpfige Familie Kießling aus der oberbayerischen Marktgemeinde Bruckmühl bei Rosenheim hatte im September beschlossen, zumindest ein Jahr lang die Verschwendung aus ihrem Leben zu verbannen. Und so kauften die Eltern ihrer Tochter Helena zum fünften Geburtstag Bücher ohne Kunststoffbeschichtung und verpackten diese in wiederverwendbaren Geschenktüten. Bei der Feier gab es richtiges Geschirr statt Wegwerfteller und Gummibärchen aus einer großen Tüte statt einzeln abgepackter Süßigkeiten. Am Ende waren die Eltern zufrieden – und Helena ebenfalls.

Stefanie und Daniel Kießling folgen zusammen mit der fünfjährigen Tochter und dem zweijährigen Sohn Maximilian der sogenannten Zero-Waste-Lebensweise. Übersetzt bedeutet das „kein Müll“ oder „keine Verschwendung“. Die Philosophie aus den USA hat das Ziel, überhaupt keinen Abfall mehr zu produzieren. „Doch das ist kaum erreichbar – uns geht es darum, ihn so weit wie möglich zu reduzieren“, sagt die 34-jährige Stefanie Kießling. Schließlich komme in Deutschland jedes Jahr ein Müllhaufen mit den Ausmaßen des Brockens zusammen, der mit über 1100 Metern Norddeutschlands höchster Berg ist. Der Familie gehe es aber nicht nur um Umweltschutz, sondern auch um Zeitersparnis und mehr Lebensqualität.

In einem Internet-Blog schildert die Familie ihre Erfahrungen

Die Erfahrungen bei der Müll-Diät schildert die Familie in ihrem Internet-Blog, um auch anderen Menschen Tipps zu geben. Sie berichtet hier, was sich seit September für sie verändert hat. Als Erstes sortierte sie überflüssigen Besitz aus. „Denn je mehr man hat, desto mehr muss man reparieren und pflegen“, sagt Kießling. Einiges ersetzte die Familie. Die Spielküche aus Plastik ist einer aus Holz gewichen. Die alte haben Menschen bekommen, die sich andernfalls eine im Laden gekauft hätten.

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Stefanie Kießling und ihr Mann akzeptieren, dass die Kinder nicht alle Plastik-Spielzeuge abgeben möchten. Insgesamt haben sich die Kleinen aber schnell an das Zero-Waste-Projekt gewöhnt. Auf die Frage nach ihren Wünschen für Weihnachten habe die fünfjährige Helena ihrer Großmutter geantwortet: „Nichts aus Plastik – außerdem habe ich ja schon alles.“

Für Stefanie Kießling ist das ein Beweis dafür, dass Umweltschutz und Müllvermeidung stark von der Erziehung abhängen. Außerdem gehe es hauptsächlich darum, Gewohnheiten zu durchbrechen. Das spiele gerade kurz vor Weihnachten eine wichtige Rolle. Geschenkpapier sei in Deutschland normal – aber eigentlich verzichtbar. Kießling rät dazu, die Gaben entweder überhaupt nicht zu verpacken oder in praktische Dinge wie Stofftaschen einzuwickeln. Diese lassen sich dann gleich beim Einkaufen verwenden. Familie Kießling verzichtet komplett auf Plastiktüten. Sie nimmt Beutel oder Körbe mit in die Läden und füllt diese vor allem mit losen Lebensmitteln. Milch kauft sie in Glasflaschen. So lässt sich viel Plastik vermeiden. Recycling und Wiederverwertung sind für die Familie wichtig. Außerdem hilft ihr Kompostieren bei der Müll-Diät. Sie hat sich einen sogenannten Bokashi-Kompost gekauft, der in der Wohnung steht. In diesen abgeschlossenen Behälter lassen sich alle Essensreste entsorgen. Bakterien zersetzen sie dann völlig geruchslos.

Umweltministerium bezeichnet das Projekt als vorbildlich

Bayerns Umweltministerium bezeichnet das Projekt der Familie als vorbildlich. Müllvermeidung in Haushalten sei allgemein wichtig – gleichzeitig müsse aber auch der Industrieabfall reduziert werden. Dafür unterstützt der Freistaat zum Beispiel bis 2016 mit einer Million Euro pro Jahr Wissenschaftler, die Recyclingmethoden entwickeln.

„Müllvermeidung ist nicht aufwendig, sobald man die Anfangszeit mit der vielen Recherche und den ganzen Umstellungen hinter sich hat“, sagt Stefanie Kießling. Doch manchmal stoße die Familie doch an ihre Grenzen. Auf ihr Auto kann sie auf dem Land nicht verzichten.

„Außerdem zeigen nicht alle Verständnis für unsere Lebensweise“, sagt Kießling. Die Kinder bekommen von Bekannten immer noch Plastik-Spielzeuge, die sie eigentlich gar nicht haben möchten. Und im Supermarkt verzogen die Verkäufer das Gesicht, als die Familie um mehr Milch in Glasflaschen im Sortiment bat. „Es gibt doch genug in anderen Verpackungen“, war die Antwort. Seitdem kauft die Familie die Milch direkt beim Bauern.

Verschwendung ist den Kießlings fremd

Doch insgesamt mache die Müll-Diät viel Spaß – und zeige Wirkung. „Im Vergleich zu früher verursachen wir nur einen Bruchteil des Abfalls“, sagt Kießling nach den ersten Monaten. Die Kosten hätten sich nicht verändert, gleichzeitig spare die Familie mittlerweile Zeit. Hilfreich sei dabei, dass sich über den Blog auch Kontakte zu anderen umweltbewussten Menschen entwickelt haben. Kießling ist sich schon jetzt sicher: „Nach diesem Jahr werden wir weiterhin sehr intensiv darauf achten, Abfall und Verschwendung zu vermeiden.“

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