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Interview

22.02.2021

Historikerin über Corona: "Wir wissen nicht mehr, wie Zukunft aussieht"

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben den Zukunftshorizont der Menschen weltweit zusammenkrachen lassen, sagt die Münchner Historikerin.
Bild: Kirsty O'connor, PA Wire, dpa

Plus Wie bedeutend ist Corona für die Menschheitsgeschichte? Wird sie ein neues Zeitalter einläuten? Ein Gespräch mit der Augsburgerin Martina Steber, Historikerin am Institut für Zeitgeschichte.

Die einen sagen: "Mit Corona erleben wir Geschichte hautnah." Die anderen: "Von der Pandemie werden wir noch unseren Enkelkindern erzählen." Frau Steber, was halten Sie als Historikerin von solchen Aussagen?

Martina Steber: Es kommt nicht von ungefähr, dass wir das Gefühl haben, Zeugen eines historischen Ereignisses zu sein. Man kann ja zeitweise gar nicht mehr glauben, was alles passiert. Man denke allein an die Maßnahmen, die in einem Leben vor Corona unvorstellbar waren und mit denen wir jetzt jeden Tag konfrontiert sind. Sie sind so einschneidend, dass sie unseren Alltag dramatisch verändert haben. Wer hätte sich vorstellen können, dass Schulen über Monate geschlossen sind? Dass in Europa wieder Grenzkontrollen eingeführt werden? Wir sind plötzlich mit einem Massensterben konfrontiert und müssen – jeder für sich, aber auch die Gesellschaft als Ganzes – dazu erst wieder eine Haltung finden. Das alles zeigt uns: Wir befinden uns in einer tiefen Krise.

Martina Steber aus Augsburg, ist Stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte.
Bild: Steber


Für die Geschichtsschreibung wird die Pandemie also sehr bedeutend sein?

Steber: Dass wir es mit einem einschneidenden historischen Ereignis zu tun haben, das alle bekannten Gewissheiten infrage stellt, ist unbenommen. Was wir als Historikerinnen und Historiker heute aber noch nicht sagen können, ist, ob diese Krise nun tatsächlich einen Epochenbruch markiert.

Was meinen Sie damit?

Steber: Das bedeutet, dass wir noch nicht wissen, ob mit der Corona-Krise die Epoche, in der wir leben, zu Ende geht und ein neues Zeitalter angestoßen wird. Das wäre noch zu früh. Darüber werden sich Historiker in ein paar Jahrzehnten streiten.

In welcher Epoche befinden wir uns denn gerade?

Steber: Die Geschichtswissenschaft der vergangenen 15 Jahre hat sich zunehmend der Geschichte unserer Gegenwart zugewandt. Sie gibt sich nicht damit zufrieden, abgeschlossene Epochen zu durchdringen, sondern setzt sich mit der Geschichte auseinander, wie wir sie heute noch erfahren. Im Zentrum der Forschung stehen Entwicklungen, deren Ursprung in den 1970er-Jahren liegt. Einige Historiker argumentieren bereits, dass mit Corona diese Epoche an ihr Ende kommt.

Die historische Aufarbeitung der Pandemie hat bereits begonnen, sagt die Augsburger Historikerin. Auf der ganzen Welt, wie hier in Peru, wird bereits an die Corona-Toten gedacht.
Bild: Presidencia Peru, dpa

Also ist es vorstellbar, dass in 50 Jahren Schüler und Studenten das Kapitel "Die Corona-Krise und ihre Folgen für die Epoche" in der Schule oder in einem Seminar durchnehmen?

Steber: Nicht erst in 50 Jahren. Solche Kurse könnte man jetzt schon anbieten. Wie wir die Corona-Pandemie geschichtlich aufbereiten, darüber wird heute schon diskutiert.

Wie werden Historiker vorgehen, um die Pandemie für die Nachwelt aufzuarbeiten?

Steber: Historikerinnen und Historiker machen mehr, als nur Ereignisse nacherzählen. Es geht vielmehr um Einordnung und Interpretation. Sie erfüllen einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag, weil sie mithilfe des Wissens, das sie über die Vergangenheit haben, die Gegenwart deuten. Sie helfen uns, diese Pandemiesituation besser zu verstehen.

Wie genau geht das?

Steber: Einerseits ziehen sie Vergleiche mit früheren Krisen, zum Beispiel mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918/19. Historiker erklären, wie Staaten und Gesellschaften damals mit den Herausforderungen der Pandemie umgegangen sind. Sie legen Muster oder Handlungsstrukturen frei, die in der Vergangenheit wirksam waren, und vergleichen diese mit der Gegenwart.

Und andererseits?

Steber: Darüber hinaus versuchen Historikerinnen und Historiker bestimmte Phänomene, die uns umtreiben, und Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, in einen längeren historischen Kontext zu setzen. So erschließen sich oftmals verdeckte Sichtweisen. Es wird zum Beispiel diskutiert, wie sich die Corona-Krise in die Geschichte der Globalisierung einordnet und was sie über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik aussagt.

 

Mal angenommen, die Pandemie wäre tatsächlich das Ende einer Epoche. Kann man daraus auch den Schluss ziehen, dass sich durch Corona die Zukunft maßgeblich verändern wird?

Steber: Historiker sind keine Experten für die Zukunft, aber sie sind Experten für Umbrüche, für Wandel, für Zeitlichkeit. Insofern denken sie immer darüber nach, wann bestimmte Dinge an ihr Ende kommen und was daraus Neues entsteht. Ich denke, dass die jetzige Krise so groß ist, dass sie eine katalytische Wirkung hat. Dass bestimmte Entwicklungen beschleunigt werden, dass manche Strömungen an in ihr Ende kommen und tatsächlich Neues entsteht. Jacob Burckhardt, ein Historiker des 19. Jahrhunderts, hat Krisen als Entwicklungsknoten bezeichnet. Das ist ein gutes Bild.

Als Knoten?

Steber: Man kann sich das bildlich so vorstellen: Gesellschaftliche oder politische Entwicklungen sind wie Seile, die mal enger, mal weniger eng miteinander verbunden sind. Wenn es zu einer Krise kommt, dann verknoten sich die Seile miteinander, oftmals in unvorhergesehener Weise – und am Ende entsteht daraus etwas Neues. Die Seile können einzeln wieder hervorgehen, in dem Knoten aufgehen, sich mit einem anderen Seil vereinigen oder komplett in dem Wirrwarr verschwinden. Ob aus dem Corona-Knoten eine neue Epoche hervorgeht und wie tief greifend die Veränderungen sein werden, können wir noch nicht sagen. Aber dass sich etwas verändern wird und dass wir aus dieser Krise verändert herausgehen, das ist sicher.

Was macht das mit den Menschen?

Steber: Diese Ungewissheit ist ein wichtiges Merkmal für eine Krise: Plötzlich können wir auf die Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, nicht mehr vertrauen. Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass es so weitergeht wie bisher. Der Zukunftshorizont ist zusammengeschnurrt. Im März konnte man nicht einmal mehr abschätzen, wie der Juli aussehen wird. Wir konnten und können auch jetzt nicht mehr planen, weil wir nicht mehr wissen, wie Zukunft aussieht. Die Zeithorizonte sind völlig zusammengekracht.

Man lebt mehr in der Gegenwart.

Steber: Genau. Aber um noch mal auf den Knoten zurückzukommen: Jetzt sitzen wir selber mittendrin in dem ganzen Durcheinander. Wir können nur versuchen, mithilfe unserer wissenschaftlichen Methodik ein bisschen Distanz zu bekommen. Aber den Knoten ganz sehen und lösen, werden Historiker erst in mehreren Jahrzehnten – wenn Entwicklungen an ihr Ende gekommen sind und der volle Zugang zu den Quellen gewährleistet ist. Dann werden sie die Seile auseinanderdröseln und versuchen, einzelne Entwicklungen zu bestimmen oder in längere geschichtliche Kontexte einzuordnen. Dann werden sie die Corona-Krise erst ganz begreifen können.

Und so funktioniert die geschichtliche Aufarbeitung der Corona-Pandemie?

Steber: So nähert sich die Wissenschaft der Pandemie. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat aber viele weitere Facetten. So werden jetzt schon Dinge bewusst gesammelt, um sie späteren Generationen zur Verfügung zu stellen, damit sie mithilfe dieser Gegenstände unsere Zeit begreifen und verstehen können. Es gibt zum Beispiel das Projekt "coronarchiv", wo jede und jeder aufgerufen wird, die eigenen Erinnerungen und Fotos aus Pandemiezeiten hinzuschicken, um sie für die Nachwelt festzuhalten.

Die historische Aufarbeitung der Pandemie hat bereits begonnen, sagt die Augsburger Historikerin. Auf der ganzen Welt, wie hier in den USA, wird bereits an die Corona-Toten gedacht.
Bild: Alex Brandon, AP, dpa

Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag?

Steber: Ganz bestimmt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass es bereits Diskussionen darüber gibt, wie wir an die Opfer der Pandemie erinnern können. Es gibt Städte, die schon Denkmäler errichtet haben. Man versucht, eine kollektive Form der Erinnerung zu schaffen. Das zeigt, dass wir alle ein Bewusstsein dafür haben, dass wir etwas Historisches erleben, das unser eigenes Leben stark prägen wird.

Also trägt jeder Einzelne dazu bei, die Pandemie für die Nachwelt aufzuarbeiten und festzuhalten?

Steber: Zunächst vor allem für sich selbst. Zum Beispiel dann, wenn man ganz bewusst Maskenfotos macht, damit man sich in 30 Jahren noch an die Situation im Jahr 2021 erinnern kann, als die Welt auf den Kopf gestellt schien. Nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler historisieren, auch die Gesellschaft und jeder Einzelne schaffen Erinnerungen. Dazu gehört auch, dass man persönlich auf das vergangene Jahr zurückschaut und sich klar macht, was eigentlich passiert ist. Das ist ein Weg, um sich selbst Geschichte zu erschließen. Das ist ein Grundbedürfnis des Menschen.

Zur Person: Martina Steber aus Augsburg, ist Stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte.

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