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Gast der Redaktion

03.06.2012

Kriminologe Pfeiffer warnt: Buben als Verlierer

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen war Gast der Redaktion.
Bild: Ulrich Wagner

Der Kriminologe Christian Pfeiffer fordert Ganztagsschulen und moderne Väter, die Gefühle zeigen. Für ihn ist die Leistungskrise der Buben unübersehbar.

Die rote Wind-und-Wetter-Jacke zieht er erst gar nicht aus. Professor Christian Pfeiffer macht nur kurz Halt auf seiner Radtour durch Deutschland. Am Abend vorher gab es einen Empfang im Augsburger Rathaus und einen Vortrag, Freitagvormittag das Gespräch mit unserer Zeitung. Und dann wird der Rucksack wieder geschultert, der Radhelm festgezurrt und weiter geht es nach Fürstenfeldbruck. Der 68-Jährige ist topfit. Der Lieblings-Kriminologe der Medien, vielfacher Talkshow-Gast, ist unterwegs in einer Mission: Seit Ende April besucht er die Bürgerstiftungen im Land, wirbt für sie und zeigt ihre Möglichkeiten auf. Die Idee, die 1996 in seinem Wohnzimmer in Hannover geboren wurde, hat sich über die Jahre zu einer echten Bewegung entwickelt.

Nachhilfestunden organisieren und Instrumente sammeln

Der Stiftung geht es um Chancengerechtigkeit. So werden Nachhilfestunden für benachteiligte Kinder organisiert oder Instrumente gesammelt. Durch ein Nachhilfe-Projekt beispielsweise sei es in Hannover gelungen, die Übertrittsquote der jungen Türken aufs Gymnasium so anzuheben, dass inzwischen 70 Prozent von ihnen Abitur machen – in Bayern sind es nur 25 Prozent, sagt Pfeiffer. „Und glauben Sie nicht, wir hätten in Hannover die schlaueren Türken als Sie in Bayern“, sagt er schmunzelnd. Nein. Bayern habe durch die Schullaufbahnempfehlung nach der vierten Klasse eine „Bildungs- und Integrationsbremse“ eingezogen, die verhindere, das „Begabungspotenzial“ von Kindern auszuschöpfen, denen es an der Unterstützung aus dem elterlichen Haushalt fehle.

„Wie retten wir unsere Söhne“ lautete das Thema von Pfeiffers Augsburger Vortrag. Die Leistungskrise der Buben sei unübersehbar: Von 100 Abiturienten sind nur noch 44 männlich. 67 Prozent der Medizinstudenten im ersten Semester sind Frauen. Dagegen sind die Buben mit zehn zu eins führend bei der Internetsucht. Für die exzessive Spielleidenschaft gibt es nach Pfeiffers Ansicht mehrere Erklärungsmöglichkeiten. Eine davon ist: Die Buben flüchten in eine virtuelle Machowelt, in der sie scheinbar Macht über Leben und Tod haben.

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Väter sind keine geeigneten Vorbilder mehr

Was fasziniert Buben an Gewaltspielen? Die Ursache sieht Pfeiffer dafür in der Erziehung der Jungen. Bei einer seiner Untersuchungen gaben nur 32,8 Prozent der befragten 16- bis 20-Jährigen an, einen Vater zu haben, der sie auch mal in den Arm genommen, geknuddelt und getröstet habe. Die anderen wurden mit lieblosen Sprüchen wie „stell dich nicht so an“ oder „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ abgespeist. Diese Väter seien keine geeigneten Vorbilder. Sie verkörpern nicht den modernen Mann, sagt Pfeiffer. Ihre Söhne stauten wie sie ihre Emotionen auf. In den Spielen könnten sie sie dann entladen. Außerdem schadeten Gewaltspiele der Konzentrationsfähigkeit.

Die Spiele seien zudem Zeiträuber. Jeder sechste Bub sitze täglich viereinhalb Stunden am Computer, sagt der Forscher. Daher ist er ein Befürworter der Ganztagsschule. Wenn die Jungen mehr Sport machen würden und weniger Zeit zum Computerspielen hätten, könnten sie sich besser auf die Schule konzentrieren und könnten mit entsprechenden Lehrern sogar „Leidenschaft“ fürs Leben entwickeln. Die rhythmisierte Ganztagsschule wäre ein Gewinn für die Buben.

An seinem eigenen Sohn habe er das beobachten können. Mit 16 Jahren sei der Junge für ein Jahr nach Neuseeland gegangen. Dort habe er sich von einem mittelmäßigen Schüler und Stubenhocker zu einem Gitarre spielenden Volleyball-Spieler entwickelt. Dass seine Noten dabei auch noch besser geworden seien, war Pfeiffer dabei gar nicht so wichtig. Wegen seiner Hobbys habe der Junge jetzt gar keine Zeit mehr für die üblichen Computerspiele.

Mädchen kommunizieren in sozialen Netzwerken

Was den Buben nutzt, kann auch den Mädchen nicht schaden. Auch sie verbringen inzwischen immer mehr Zeit am Computer. Ihre Spiele seien aber eher gewaltlos, wie beispielsweise die „Sims“. Sie kommunizierten aber mehr in sozialen Netzwerken wie „Facebook“.

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