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Ostallgäu

20.05.2019

Vater und Tochter sterben bei Explosion durch defekte Gasleitung

Vom Wohnhaus der Familie in Rettenbach ist nach der verheerenden Explosion nur ein Trümmerhaufen geblieben.

Bei der Explosion im Allgäu starben Vater und Tochter. Obwohl das Haus keinen Gasanschluss hatte, hat wohl Gas das Unglück verursacht. Wie kann das sein?

„Wir sind geschockt und einfach nur traurig“, sagt Bürgermeister Reiner Friedl. Auch 24 Stunden nach dem Unglück findet Rettenbachs Gemeindeoberhaupt nur schwer Worte für das, was sich in den vergangenen Stunden in dem 900-Einwohner-Ort abgespielt hat. Müde und in sich zusammengesunken sitzt Friedl auf einer Bank, ein paar Meter von der Unglücksstelle entfernt, wo das Haus explodierte.

Die Nacht hindurch hatte er an der Unglücksstelle ausgeharrt und die Rettungskräfte auf der Suche nach den Vermissten unterstützt. „Doch nun haben wir die traurige Gewissheit, dass Vater und Tochter leider nicht überlebt haben“, sagt Friedl. Die Gemeinde befinde sich im Schockzustand. „In der Schule und im Kindergarten ist ein Krisenteam, das den Kindern hilft, mit der Situation zurechtzukommen“, sagt Friedl.

Am Tag nach der verheerenden Explosion eines Wohnhauses in Rettenbach am Auerberg (Ostallgäu) sind die schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit geworden: Unter den Trümmern haben Rettungskräfte in der Nacht auf Montag einen toten Mann und gegen 7.15 Uhr in der Früh ein totes Mädchen gefunden. Bei den Opfern handelt es sich um den Familienvater, 42, und seine siebenjährige Tochter. Beide seien nach Angaben des Notarztes aufgrund der schweren Verletzungen vermutlich sofort tot gewesen.

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Explosion im Allgäu: Die Mutter ist immer noch in Lebensgefahr

Die Mutter der fünfköpfigen Familie war nach dem Zusammensturz des Hauses aus dem Keller geborgen und mit lebensbedrohlichen Brandverletzungen in eine Klinik geflogen worden. Die beiden Söhne der Familie waren zur Zeit des Unglücks nicht zu Hause, sondern spielten in der Nachbarschaft. Sie werden psychologisch betreut.

Nachdem die Leichen geborgen worden waren, konzentrierte sich die Arbeit vor Ort auf die Suche nach der Ursache für das Unglück. Erst am späten Montagnachmittag gab es ein vorläufiges Ergebnis – und das gibt Anlass zur Sorge: Die Spekulationen über eine defekte Gasleitung haben sich bestätigt – obwohl das Haus der Familie gar nicht an die Gasleitung angeschlossen war. Auf dem Grundstück des zerstörten Gebäudes befindet sich aber eine Flüssiggasleitung. Nachdem ein Bagger die Gasleitung vorsichtig freigelegt hatte, stellten zwei Physiker des Landeskriminalamtes fest, dass dieses Rohr eine Beschädigung aufwies. Dadurch war wohl über einen längeren Zeitraum Flüssiggas ausgetreten, das dann explodierte. Wie diese Beschädigung verursacht wurde und wie das Flüssiggas in das Haus gelangte, ist noch nicht abschließend geklärt.

Die Nachbarn hatten einen Schutzengel

Manchmal liegen Schicksal und Glück ganz nah beinander. Hier ein Trümmerfeld, dort nicht einmal Spuren eines Schadens. Das vielleicht fünf Meter oberhalb der Unglücksstelle liegende Nachbarhaus blieb völlig unbeschädigt. „Wir hatten wirklich einen Schutzengel. Nicht mal ein Gartenstuhl ist bei uns umgefallen“, sagt der Hausbesitzer. Dagegen ist das Gebäude gegenüber der Explosionsstelle stark beschädigt. Und das hangabwärts liegende Nachbargebäude sieht aus, „als wäre es mit einem Panzer beschossen worden“, sagt der Nachbar. Er vermutet, dass sich die Druckwelle der Detonation fächerförmig bergab verbreitete. Nach ersten Schätzungen der Kriminalpolizei beläuft sich der Sachschaden auf mindestens 1,5 Millionen Euro. Eine Baufirma hat am Montag begonnen, mit einem Bagger das eingestürzte Dach abzutragen und die Trümmer zu beseitigen.

Zeitweise waren 350 Kräfte der Polizei, Feuerwehr, des Technischem Hilfswerk und Roten Kreuzes, der Bergwacht und des Kriseninterventionsdienstes im Einsatz. Unter anderem ist mithilfe von mehr als zehn Spürhunden nach den beiden Vermissten gesucht worden. Auch ein Erdbebenexperte aus München wurde angefordert. Um die Retter bei ihrer Arbeit nicht zu gefährden, mussten die zusammengebrochenen Geschoßdecken mit Stützpfeilern gesichert werden. An manchen Stellen konnten die Einsatzkräfte die Trümmer nur per Hand beseitigen.

Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in Rettenbach ist riesig

In Rettenbach ist die Betroffenheit riesig. Die Familie war ein fester Bestandteil der Gemeinde. Bürgermeister Friedl steckt der Schock in den Gliedern: „Die Detonation konnte man im ganzen Ort hören und spüren. Die Druckwelle war gewaltig“, sagt er. Fenster zerbarsten, Autoscheiben sprangen in Stücke und Schuttteile wurden meterweit geschleudert. 15 Menschen hatten ihre Wohnungen in der Umgebung verlassen müssen.

Die Hilfsbereitschaft im Dorf sei aber großartig gewesen, berichtet Friedl: „Alle Betroffenen wurden von Mitbürgern im Ort aufgenommen. An Angeboten mangelte es nicht.“ Auch der Dorfladen öffnete extra am Sonntag und versorgte die Rettungskräfte mit Essen und Getränken. „Es wurde alles mobilisiert, was möglich war“, sagt Friedl, der selbst bis vier Uhr morgens Brötchen schmierte.

Kraft und Halt finden die Rettenbacher im Gebet. Bereits Sonntagabend wurde eine Andacht organisiert, sagt Messner Rupert Büchele. Eine WhatsApp-Einladung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Anteilnahme war riesig. „Die Kirche war voll“, sagt Büchele und holt einen Flyer aus seiner Tasche. „Auch an diesem Abend wollen wir für die Familie beten“, sagt er. Ein großes schwarzes Bild ist auf der Einladung zu sehen – Dunkelheit, die nur durch eine leuchtende Kerze erhellt wird. „Die Hoffnung, dass es der Mutter bald wieder besser geht“, sagt Friedl.

Der Allgäuer Hilfsfonds unter Federführung der Ostallgäuer Landrätin Maria Rita Zinnecker bittet um Spenden für die betroffenen Familien.

Spenden unter dem Verwendungszweck „Rettenbach“ werden auf folgenden Konten entgegengenommen: Sparkasse Allgäu, DE94 7335 0000 0000 0028 57 oder Raiffeisenbank Kempten Oberallgäu, DE04 7336 9920 0000 8848 80.

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21.05.2019

Ich verneige mich tief vor den Opfern dieses Unglücks! Ich wünsche den Hinterbliebenen viel Kraft und Glauben in der kommenden schweren Zeit! Die Tücke am Gas ist das lange, ungeregelte ausströmen, ohne dass es jemand bemerkt. Jeder Murks und Pfusch bei der Neuinstallation oder Reparatur hat dann leider fatale Folgen. Irgendwo im Bereich des eingestürzten Hauses muss ja wohl ein überirdischer Tank gestanden haben. Dieser hat dann vermutlich über sein defektes Rohrleitungssystem unbemerkt über einen längeren Zeitraum einen Gassee unter das Haus gepumpt. Ein Funke reicht dann zur Zündung sprich Explosion aus. Ich halte von Flüssiggas als Brennstoff für Häuser gar nichts. Die Risiken sind einfach zu hoch. Das Leid das bei einem Unglück verursacht wird ist unbeschreiblich! Häuser kann man neu aufbauen. Menschen sind für immer weg! Frieden den armen Seelen!

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