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Apothekensterben

17.08.2019

Warum in Bayern immer mehr Apotheken verschwinden

Die Verbände alarmieren: Fast jeder zweiten Apotheke geht es schlecht. Ist der Online-Handel schuld daran?
Bild: Uli Deck, dpa

Plus Der Apothekerverband klagt, dass der Versandhandel von Online-Apotheken die medizinische Versorgung in Bayern langfristig gefährde. Was ist dran?

Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt. Ist der nicht verfügbar, wenden Sie sich an Ihren Apotheker. Das aber dürfte künftig immer schwieriger werden. Denn täglich schließt mindestens eine Apotheke in Bayern, weil sie sich finanziell nicht mehr auszahlt. Woran liegt das?

In Bayern versorgen derzeit rund 3100 öffentliche Apotheken die Bevölkerung mit Arzneimitteln. Statistisch gesehen bedient eine Apotheke etwa 4150 Menschen. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, sei diese Zahl auch notwendig, bestätigt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Tatsächlich aber nimmt die Zahl der Kunden immer weiter ab. Und so schrumpft auch die Dichte der Apotheken - und zwar um bis zu zwei Prozent im Jahr.

Grüne für Schließung können sich stark unterscheiden

Ein Dilemma ist das vor allem auf dem Land. Hier lassen sich immer weniger Ärzte nieder. Und wo es keine Praxis gibt, da fehlen auch Patienten mit Rezepten. Die Anzahl der Landapotheken geht massiv zurück. Diese Tendenz, bekräftigt auch das Bayerische Gesundheitsministerium, führe zu einer steigenden Arbeitsbelastung für die verbleibenden Filialen und zu längeren Wegen bis zur nächsten Apotheke.

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Wer also in die nächste Stadt fährt, um zum Arzt zu gehen, wird dort auch seine Medizin besorgen - oder im Internet. Für den Landapotheker hat das erhebliche finanzielle Konsequenzen, zumal dieser 80 Prozent seines Gesamtumsatzes mit verschreibungspflichtigen Arzneien erwirtschaftet.

Am Ende bleiben dem Apotheker rund sieben Euro pro verkauftem Medikament. Davon stemmt er sämtliche Betriebskosten, auch die Gehälter seiner Mitarbeiter. Allerdings kann ein Apotheker aus dem ländlichen Raum kaum die üppigen Löhne für qualifiziertes Personal aufbringen.

Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder Pharmazeutik-Student zu einer Filiale auf dem Land tendiert. Im Gegenteil, die Mehrheit zieht es in urbane Einkaufszentren und belebte Innenstädte, wo die Laufkundschaft groß ist und der Angestellte ambitioniert.

Dass der Mangel an qualifiziertem Personal eine Mitschuld daran tragt, dass Geschäfte schließen, bestätigt auch Ulrich Koczian, Vizepräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer. Vor diesem Problem, sagt er, stehe das Gesundheitswesen insgesamt. "Damit kämpfen Heime und auch Krankenhäuser."

Konkurrenz sehen Apotheker im Online-Handel

Eine Ursache, die die Verbände als wesentlich für das Apothekensterben betrachten, ist der Online-Sektor. "Die Konkurrenz aus dem Internet ist vorhanden", bekräftigt auch Ulrich Koczian, der die Linden-Apotheke im Augsburger Stadtteil Pfersee betreibt. Neu aber sei das Phänomen nicht. "Sie beschäftigt uns schon seit mehr als zehn Jahren". Und das wird sie auch weiterhin tun - zumal eine Generation heranwachse, die es gewohnt sei, Dinge online zu bestellen. Auch Arzneimittel.

2016 aber wurde es noch schlimmer für die stationäre Branche, nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Oktober entschied, dass ausländische Versandapotheken die Arzneimittelpreisverordnung nicht mehr beachten müssen, wenn sie rezeptpflichtige Medikamente zu Patienten nach Deutschland schicken.

Seitdem dürfen ausländische Versandapotheken ihren Kunden einen Nachlass geben, sie mit Rabatten locken. Vor allem für diejenigen, die teure Arzneimittel einnehmen, kann es sich lohnen, die Preise im Internet zu vergleichen. Gut für die Patienten also. Und schlecht für die Apotheker?

Ulrich Koczian stimmt dem nicht zu. "Die ärztliche Versorgung auf dem Land ist immer noch sichergestellt", sagt er. Nur die Struktur habe sich verändert. Danach gibt es seltener Praxen, die von einem einzigen Arzt betrieben werden. Stattdessen würden sich Mediziner nun öfter zusammenschließen, um in Arzthäusern gemeinsam zu praktizieren. "Das führt dazu, dass nicht in jeder kleineren Ortschaft ein Arzt ansässig ist. Die Pro-Kopf-Versorgung insgesamt ist aber weiterhin sichergestellt." Denn wo ein Arzt ist, da sei auch eine Apotheke.

So sei es selbst in Mecklenburg-Vorpommern möglich, "wo es zugegebenermaßen ein grober gestricktes Netz an Apotheken gibt", die Versorgung abzudecken. Dazu komme, sagt Ulrich Koczian, dass der Online-Versand oft Tage benötigt, um das bestellte Medikament zu verschicken. Bei einem Patient, der dringend ein Antibiotikum braucht, sei dieser Zeitraum nicht akzeptabel. "Denn unter Umständen haben die langen Wartezeiten Konsequenzen."

Oft sind Apotheken sogar schneller als der Online-Handel

Dieses Problem stellt sich bei stationären Apotheken nicht. Es kann zwar sein, dass Geschäfte die geforderten Arzneimittel nicht vorrätig haben. Allerdings, erklärt der Augsburger Apothekeninhaber, hätten die Apotheken einen Botendienst, der das Medikament innerhalb von zwölf Stunden direkt nach Hause liefert. Lücken zu schließen? Dafür könne der Online-Versand nicht zuständig sein, sagt Ulrich Koczian. 

Auch Justus Haucap kommt diesbezüglich zu einem differenzierteren Ergebnis. 2011 untersuchte der Wettbewerbsökonom im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, ob mehr Wettbewerb zwischen den Apotheken die Versorgung mit Medikamenten torpedieren würde. Schon damals sorgte man sich, zu viele Apotheken könnten in Bedrängnis geraten. Und schon damals sahen die Verbände den Versandhandel als Bedrohung.

Doch kam Haucap zu dem Ergebnis, dass mehr Konkurrenz die Versorgung der Menschen mit Medikamenten nicht gefährde. Denn gerade auf dem Land, so erklärte der Ökonom, könne die Internet-Apotheke die Lücke füllen, sobald die letzte stationäre Apotheke geschlossen hat. Anders als die Branchenverbände aber anprangern, hätte diese Entwicklung weniger mit der Konkurrenz aus dem World Wide Web zu tun als mit dem allgemeinen demografischen Wandel.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam ein Gutachten im Auftrag des Wirtschaftsministeriums Ende 2017. Darin heißt es, dass gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen Versandhandel sogar nötig sei. Allerdings stellten die Autoren ebenso fest, dass tatsächlich fast jede zweite niedergelassene Apotheke wirtschaftlich schlecht dasteht.

An der Konkurrenz aus dem Internet liegt das den Studienergebnissen zufolge aber nicht. Vielmehr, schrieben die Verfasser, sei die Lage der Apotheken in den Städten auf die Konkurrenz durch viele andere Läden zurückzuführen. Während auf dem Land die Ursache für die prekäre Situation ein zu kleines Einzugsgebiet sei.

Die Autoren der Studie analysierten ein Einsparpotenzial von 1,1 Milliarden Euro und schlugen vor, das System neu zu strukturieren. Durch eine Vergütungsordnung, so das Argument, könnte sich die Branche wieder gesundschrumpfen. Bis es so weit ist, würde das Apothekensterben anhalten.

Könnte eine Vergütungsordnung der Branche helfen?

Aber auch dem widerspricht Ulrich Koczian von der Bayerischen Landesapothekerkammer. Denn noch bezahlten Kunden für Service-Leistungen - etwa den Notdienst - einen einheitlichen Abgabepreis. "Damit ist keinesfalls alles kostendeckend honoriert." Wenn man nun beginne, das System - wie in der Studie vorgeschlagen - umzustrukturieren und jede Tätigkeit einzeln zu bepreisen, werde dass System irgendwann intransparent. "Außerdem verleitet es leicht zur Rosinenpickerei", sagt der Apotheker. Und das könne nicht im Sinn des Verbrauchers liegen.

Um mehr Wettbewerb zu schüren, erläutert Ulrich Koczian weiter, monierten die Krankenkassen den einheitlichen Arzneimittelpreis. "Aber die Historie zeigt, dass diese Regelung zum Schutz der Patienten ist." So müssten diese etwa in einer Notsituation nicht das Dreifache zahlen. Und es gebe keine Preisunterschiede zwischen Stadt und Land. Ohnehin, betont er, gebe es das Apothekensterben in Bayern nicht in dem oft propagierten Maße. "In Bayern haben wir keine Versorgungsdefizite", stellt er klar.

Versandhandel ist laut Spahn eine Ergänzung zum stationären Handel

Indes forderte Hans-Peter Hubmann beim Bayerischen Apothekertag in Bamberg im Mai erneut ein Verbot des Handels mit rezeptpflichtigen Medikamenten im Internet. Langfristig sieht er die medizinische Versorgung in Bayern gefährdet. So könnten und dürften deutsche Apotheker mit den Preisen im Internet nicht mithalten. Ohne Verbot wird seiner Meinung nach das Apothekensterben weitergehen.

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte Ende 2018 allerdings erklärt: Ein Verbot wird es mit ihm nicht geben. Der Versandhandel sei eine gute Ergänzung zum stationären Handel. Gleichermaßen aber räumte er ein, die Rabatte der ausländischen Versender begrenzen zu wollen, ebenso soll der Marktanteil limitiert werden. Außerdem will Spahn die Pauschalen für Nacht und Notdienste aufstocken. 360 Millionen Euro sollen dafür bereitgestellt werden. Ob es den Apotheken damit besser gehen wird, bleibt weiter abzuwarten.

Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast zum Thema Gesundheit an:  

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