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Bildung

22.01.2020

Wie zwei Hochbegabte eine Familie durcheinander wirbeln

Die Schwestern Lynn (links) und Maya sind hochbegabt. Für die Eltern ist das ziemlich herausfordernd. Corgi Ahri nimmt es gelassen.
Bild: Uli Fricker

Plus Die Schwestern Lynn und Maya sind schlauer als andere Kinder. Immer wollen sie lernen. Ihre Familie spricht über den täglichen „Wahnsinn“ mit zwei Genies.

Irgendwann war ihr Verhalten auffällig. Schon im Alter von zehn Monaten begann Lynn zu singen. Auf Melodien erfand sie eigene Texte. Mehrere Strophen trällerte das Kind zum Erstaunen seiner Eltern Juliane Schartel und Stephan Wilhelm. Der Familie aus Villingen-Schwenningen war klar, dass Lynn sich geistig nicht nur entwickelt, sondern regelrecht Sprünge macht.

Nun hat Juliane Schartel einen entscheidenden Vorteil: Sie ist Lehrerin. Sie nahm ihre Tochter und absolvierte mit dem Kind einen Intelligenztest. Die Prüfung bestätigte, was die Eltern schon ahnten oder fürchteten: Lynn ist hochbegabt, sie weist einen Intelligenzquotienten (IQ) von mehr als 130 auf. „Als die Diagnose kam, war ich wie vor den Kopf gestoßen“, entfährt es der Mutter.

Diagnose? Überdurchschnittliche Aktivitäten in der Gehirnregion sind doch keine Krankheit, sondern ein Geschenk, könnte man meinen. Ja, aber ein besonderes Geschenk, eines, das es in sich hat, wie beide Eltern bestätigen. Denn Hochbegabung wirkt sich auf das ganze Leben aus. Wie unterstützt man kleine Genies? Diese Frage beschäftigt nicht nur Eltern. Nein, ein hochbegabtes Kind fordert sein ganzes Umfeld heraus. Die Eltern, die Geschwister, die Lehrer – und die Forschung, die die Förderung Hochbegabter um die Wende zum 20. Jahrhundert zu untersuchen begann.

Wie zwei Hochbegabte eine Familie durcheinander wirbeln

Zwei Prozent aller Menschen sind hochbegabt

Zwei Prozent aller Menschen gelten als hochbegabt, in Deutschland etwa 1,6 Millionen. Sie sind besonders kreativ, weisen herausragende Fähigkeiten in einzelnen Wissensbereichen auf und haben einen IQ von mindestens 130. Diese Grenze ist von der Wissenschaft gesetzt. Entwickelt sich die Gesellschaft fort, kann der Grenzwert folglich auch erhöht werden. In vielen Fällen wissen die Überflieger nicht einmal selbst von ihrer Exklusivität, weil sie sich nie haben testen lassen. Der weltweite Hochbegabtenverein Mensa hat hierzulande rund 15.000 Mitglieder. Die Wochenzeitung Die Zeit hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, Genialität auf einer Deutschland-Karte zu verorten. Ergebnis: Die meisten Mensa-Mitglieder leben in Hochschulstädten.

Nimmt man die Schülerzahl einer durchschnittlichen Klasse, sitzt statistisch in jedem zweiten Klassenzimmer ein hochbegabtes Kind. In der gemütlichen Wohnküche bei Schartels zu Hause sitzen gleich zwei an einem Tisch. Bei ihnen trat der ungewöhnliche Fall ein, dass beide Töchter positiv getestet wurden: Nicht nur Lynn, heute zwölf Jahre alt, sondern auch ihre neunjährige Schwester Maya. Ihre Intelligenz liegt zwischen 130 und 140. Am Tisch sitzt auch noch Marius, der jüngere Bruder. Der Sechsjährige geht in die erste Klasse. Einen IQ-Test hat er nicht gemacht.

Zwischen allen hindurch wuselt Familienhund Ahri, ein Corgi. Dass die Hunderasse zu den klügeren zählt, kommt im Lauf der Unterhaltung zur Sprache. Die Schwestern zünden ein Feuerwerk an Stichworten und Ideen, fordern ihre Eltern geistig heraus. „Wir müssen ständig neue und gute Argumente finden,“ sagt die Mutter. Während andere Kinder auch mal gerne faulenzen, sind die Töchter mental immer auf Anschlag. Sie lesen, basteln, fragen und lesen wieder.

Hochbegabung ist unterschiedlich ausgeprägt

Die Hochbegabung ist bei den Schwestern unterschiedlich ausgeprägt. Lynn hat in fast allen Fächern eine Eins. Stark ist sie in Mathematik, Informatik und Englisch. Maya ist in den Naturwissenschaften und in der Kunst zu Hause. Sie zeichnet gut und tüftelt gerne an aufwendigen Lego-Konstruktionen; auf dem Dachboden steht ein Nachbau der Harry-Potter-Schule Hogwarts.

Der Münchner Martin Wadepohl kümmert sich um hunderte solch kleiner Genies. Denn zwar wirbt das Land Baden-Württemberg nach wie vor mit dem Slogan „Wir können alles, außer Hochdeutsch“. Doch natürlich gibt es auch in Bayern Überflieger. Wadepohl ist Vorsitzender des bayerischen Regionalverbands der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). 450 Familien mit mehr als 700 Kindern sind in seinem Verein organisiert.

Wadepohl, selbst Vater einer – mittlerweile 19-jährigen – hochbegabten Tochter, nimmt aber an, dass „nicht einmal die Hälfte“ aller hochbegabten Kinder in Bayern bei der DGhK bekannt sind. Denn an den Verein wenden sich Familien vor allem, wenn sie mit ihrem herausragenden Kind nicht so richtig umzugehen wissen. Viele Hochbegabte kämen in der Schule „einfach durch“ und hätten gute Noten. „Bei uns kommen die an, die keine Freunde haben, die ihre Leistung im Unterricht nicht bringen.“ „Underachiever“ nennt die internationale Forschung die Betroffenen.

15 Prozent der Hochbegabten haben Probleme in der Schule

Eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht davon aus, dass etwa 15 Prozent aller Hochbegabten Schwierigkeiten haben, ihr Talent in Leistung umzumünzen, von Lehrern als Problemkinder bezeichnet werden. Die Ursachen dafür sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Als mögliche Gründe nennen die Autoren, dass die Betroffenen „das Lernen nie gelernt haben“. Ein erfolgsverwöhntes Kind erlangt demzufolge leicht den Eindruck: „Ich kann es einfach.“ Unerwarteter Misserfolg könne dieses Gefühl nachhaltig erschüttern. Auch Leistungsdruck und „unrealistische Ansprüche“ durch sich selbst oder andere machen aus einem begabten Kind einen unterdurchschnittlichen Schüler. Hohe Kreativität und eine eigenwillige Art zu lernen? Das passt oft nicht in den streng getakteten Lehrplan einer Schule.

Lynn und Maya sind überhaupt keine Problemkinder. Aber dass geistige Überlegenheit schnell isolieren kann, weiß auch die Familie aus Villingen-Schwenningen. Der Vorsprung der Hochbegabten kommt bei den Mitschülern als Arroganz an. Maya sagt, dass sie manches Mal nicht klarkommt mit ihren Klassenkameradinnen.

Lynn hat sich für eine andere Strategie entschieden: Sie hält den Ball flach. „Ich will nicht als Streberin gelten,“ sagt sie leise. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Ihr Zeigefinger schnellt nicht zwangsläufig nach oben, wenn sie was weiß. Ihre Mutter unterstützt sie: „Es ist nicht sinnvoll, mit dieser Begabung hausieren zu gehen.“

Ganz wichtig findet die Lehrerin eins: Herausragende Kinder auf dem Teppich zu halten. „Man muss sie erden.“ Damit will sie verhindern, dass sich ihre Töchter zu viel einbilden. Sie sollen auch soziale Fähigkeiten entwickeln. Das fängt schon beim Umgang mit den Eltern an. Feste Zeiten und klare Ansagen seien hilfreich. Sie gliedern den Alltag. Feste Abläufe schaffen automatisch Regeln, an die man die Kinder dann erinnern kann. „Eltern dürfen sich nicht unterkriegen lassen“, sagt Juliane Schartel nachdrücklich. Das talentierte Kind lege es darauf an, den ganzen Haushalt auf sich auszurichten. Vater und Mutter müssten das verhindern. Im eigenen Interesse und im Interesse der Geschwister, die sich nicht von einem Überflieger beherrschen lassen wollen.

Maya zum Beispiel weiß vieles besser, was manchen Erwachsenen schwer die Beherrschung behalten lässt. Sie hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, die Eltern nennen sie „Mayapedia“. Die Schwestern unterbrechen manchen Satz, an dem sich Erwachsene abmühen. Oft sind ihre Einwürfe zutreffend. Schonungslos nehmen sie gedankliche Schwächen der anderen aufs Korn. Da benötigen Eltern gute Nerven.

Die Schartels haben sie. Der Vater, ein Ingenieur, ist bedächtig und geerdet. Er lässt sich so schnell nicht aus dem Konzept bringen. Er bildet den ruhenden Pol in diesem Wirbelsturm – und sagt: „Wir haben eigentlich nie Wochenende. Bei uns ist immer etwas los.“

Bei der Kinderakademie treffen sie ihresgleichen

Regelmäßig besucht die Familie die Kinderakademien der Hector-Stiftung und trifft dort auf ihresgleichen. Die Stiftung, gegründet vom Unternehmer-Ehepaar Hector, fördert in Baden-Württemberg hochbegabte Kinder schon ab der Grundschule, vor allem in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Maya und Lynn etwa haben einen Lego-Kurs besucht, in dem sie aus tausenden Teilen Bauwerke geschaffen haben. Was wie ein kniffliges Spiel klingt, fördert gleichzeitig das logische Denken. 24000 Grundschulkinder nehmen nach Angaben der Hector-Stiftung jedes Jahr an den Kursen teil.

Auch Martin Wadepohl von der bayerischen Hochbegabtengesellschaft erinnert sich noch gut daran, wie viel er mit seiner eigenen Tochter unterwegs war, immer auf der Suche nach neuem Wissen, neuen geistigen Herausforderungen. „Sie hat alles aufgesaugt wie ein Schwamm.“ Sein Kind wurde frühzeitig eingeschult, nachdem sich im Kindergarten „schnell die große Langeweile breitgemacht“ hatte. Heute studiert sie Theater- und Medienwissenschaften.

Das aktuellste Beispiel einer Schulkarriere in Hochgeschwindigkeit ist der Fall des neunjährigen Laurent Simons aus Brügge. Er machte 2018 mit acht Jahren Abitur und wird jetzt von Europas Spitzenuniversitäten umworben. Laurent hat reihenweise Klassen übersprungen. Natürlich ist das ein Extremfall, doch das Auslassen von Klassen ist die bekannteste Methode zur Förderung Hochbegabter.

Mehr als 150 Schüler in Bayern haben eine Klasse überbringen

In einer Modellklasse am Augsburger Gymnasium bei St. Stephan lernen Hochbegabte zusammen.
Bild: Stefanie Roth

In Bayern haben nach Angaben des Kultusministeriums zum Schuljahr 2018/2019 am Gymnasium 109 Schüler eine Klasse übersprungen. 44 Schüler waren es an der Realschule, sieben an der Wirtschaftsschule.

Darüber hinaus listet das Ministerium weitere Fördermöglichkeiten auf: freiwilligen Wahlunterricht etwa, Ferienseminare oder eine Bewerbung für die jährliche Schülerakademie, in der sich Top-Schüler verschiedener Länder gegenseitig fordern. An neun bayerischen Gymnasien, etwa St. Stephan in Augsburg, lernen Hochbegabte in eigenen Förderklassen.

DGhK-Mann Wadepohl hat die Angebote genau studiert. Und doch nennt er den Umgang der Schulen mit Hochbegabten „schwierig“. Sie richteten sich eher an „Hochleister als an Hochbegabte“ – also an Schüler, die durch Fleiß und Lernen zu Überfliegern werden. Hochbegabte, die ja nicht zwangsläufig einen Einserschnitt haben, würden mitunter nicht einmal von den Lehrern als solche erkannt. „Da fehlt der menschliche Faktor“, sagt Wadepohl – erstens im Gespür der Lehrer für ihre Schüler, zweitens beim Blick auf das einzelne Kind und seine individuellen Bedürfnisse. Die DGhK hat einen Forderungskatalog an die Politik gestellt: Unter anderem sollen angehende Lehrer schon im Studium darin geschult werden, Hochbegabte richtig in den Unterricht zu integrieren. Und der Verein will, dass in jeder Bildungsstätte – schon ab der Kita – ein Beauftragter für Hochbegabung ernannt wird.

Auch Lehrerin Juliane Schartel hat mit der Schule so ihre Probleme. Aus ihrer Sicht ist es so: Überdurchschnittlich starke Schüler werden zu wenig unterstützt. „Unsere Schulen konzentrieren sich vor allem auf das breite Mittelmaß“, kritisiert Schartel. In Asien oder Großbritannien sei das anders: Auffällige Talente würden frühzeitig erkannt und dann nach vorne gebracht. „Den Begriff der Elite scheut dort niemand.“

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