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16.01.2015

Steuererklärung statt Gedichtanalyse: Der Wirbel um Nainas Tweet

Mit einem Beitrag auf Twitter hat die 17-jährige Naina aus Köln eine Diskussion über die Aufgaben von Schulbildung ausgelöst.
Foto: Federico Gambarini, dpa/Symbolfoto

Nicht nur auf Twitter sorgte eine 17-Jährige mit ihrem Beitrag für Wirbel. Naina äußerte sich kritisch über das, was sie in der Schule lernt - und sprach so vielen aus der Seele.

Sie mag „Ben & Jerry's“-Eiscreme und „Starbucks“-Kaffee, steht auf die Band „Kraftklub“ und liebt ihre „Dr. Martens“-Schuhe. In ihrer Selbstbeschreibung auf Twitter bezeichnet sich die 17-jährige Naina als „17, dauerhungrig, selbst ernannte Prinzessin von allem“. Wer sich durch die Twitter- und Instagram-Profile von Naina klickt, findet Zeugnisse eines ganz normalen Teenageralltages. Auch die zwei Sätze, die die Kölnerin am 10. Januar um 13.49 Uhr auf ihrem Twitter-Account ins World Wide Web entlässt, scheinen auf den ersten Blick profan: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

Und plötzlich ist Naina ein Star auf Twitter

Mit diesen Worten wird Naina das, was sich neudeutsch „Internetstar“ nennt. Binnen weniger Stunden lesen Tausende ihren Tweet im Netz. Bis Mittwochnachmittag wurde er fast 12 000-mal geteilt und rund 21 500-mal favorisiert. Darüber hinaus hat Nainas Beitrag eine Diskussion darüber ausgelöst, inwiefern es überhaupt Aufgabe einer Bildungseinrichtung sein kann und muss, auf derlei Alltagsprobleme vorzubereiten. Wie weit geht der Aufgabenbereich der Schule, wann kommen die Eltern ins Spiel und wo fängt die Eigenverantwortung an?

„Schrecklich, dass Eltern heutzutage auch noch ihre Kinder auf das Leben vorbereiten müssen“, kommentiert etwa Nicki Kessel den Post von Naina. „Hast du keine Eltern?“, fragt Blogzentrale. Dirk Baranek nimmt die Schule in Schutz und erklärt: „Es geht ums Denken lernen, nicht um 'Inhalte'.“ Jan Girlich bläst in das gleiche Horn, wenn er schreibt: „13 Jahre nach meinem Abi: Das Leben lernt man recht einfach selbst. Was die Schule einem beibringt, ist Lernen lernen.“

Das sieht Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes (bpv), anders: „Die Vorbereitung auf das Leben ist ein wichtiges Ziel des bayerischen Gymnasiums.“ Die Verdeutlichung von praktischen Anwendungsbezügen, die lebensweltliche wie die Berufsorientierung seien in vielen Fächern verankert, heißt es in einer Pressemitteilung des bpv. Gerade im Fach „Wirtschaft und Recht“, einer bayerischen Besonderheit, würden lebensnahe ökonomische und rechtliche Themen behandelt, die nordrhein-westfälische Schüler – wie Naina – wohl vermissen würden. Schmidt betont aber auch, dass man nicht erwarten dürfe, dass Schulen auf alle Bedürfnisse und sämtliche Wechselfälle des Lebens konkret vorbereiten könnten: „Das schulische Bildungsangebot umfasst immer nur eine solide Grundausstattung – nicht mehr und nicht weniger.“

Eine Diskussion, die längst überfällig ist

Der Landtagsfraktion der bayerischen SPD reicht das jedoch nicht. Bereits einen Tag vor Nainas Post forderte der Bildungspolitische Sprecher Martin Güll mehr Politikunterricht an Bayerns Schulen. Die Welt gerate immer mehr aus den Fugen, aber die momentane Diskussion, insbesondere in den sozialen Medien, zeige, dass die politische und ethische Vorbildung der Jugendlichen oft erschreckend sei.

„Eine Diskussion über Schulreformen ist längst überfällig“, sagt auch der Pressesprecher des Landesschülerrates Bayern, Benjamin Brown. Allerdings habe diese, so der 17-Jährige, völlig falsch angefangen. Denn nach Nainas Tweet sei vollkommen unklar, welche Frage sie sich eigentlich stellt und wie man das Problem lösen könne. „Man muss die Aufgaben der Schule hinterfragen und klarer festlegen“, sagt Brown. Denn auch wenn es ein einzelner Tweet sei, so spiegele er doch die Meinung vieler Schüler vor allem auf den Gymnasien wider. „Wir wünschen uns mehr Praxisnähe“, betont Brown.

Nainas Frust auf Twitter trifft einen Nerv

Auch der Vorsitzende des bayerischen Lehrerverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat grundsätzlich Verständnis für Nainas Schulfrust. Heute gehe es in der Schule in erster Linie um überprüfbare Lernerfolge und weniger um praktische Fertigkeiten, kritisiert er. Allerdings, so stimmt Wenzel mit Brown überein, müsse sich die Politik endlich entscheiden, wofür die Schule eigentlich zuständig sein solle. „Vor 20, 30 Jahren ging es vor allem darum, fachliche Kompetenzen zu erwerben“, so Wenzel. Heute hingegen solle sie ein Stück weit auch die Familie ersetzen, digitale Kompetenzen vermitteln, die Verkehrserziehung übernehmen und noch viel mehr. Darüber bleibe nicht genügend Zeit, sich um den einzelnen Jugendlichen zu kümmern. Wenzel kann sich vorstellen, dass aus dieser Situation das Bedürfnis erwachsen ist, das hinter Nainas Post steht. Vielleicht, so der BLLV-Vorsitzende, wollte sie sagen: „Kümmert euch mehr um mich und meine jetzigen Nöte. Dieses Lernen auf Vorrat bringt mir nichts.

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