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Gedenken

14.02.2018

Asche zu Asche?

Ob eine Wand mit Urnennischen, wie hier auf dem Wertinger Friedhof, würdevoll reduziert oder steril anmutet, liegt im Auge des Betrachters. Der Bedarf an solchen Grabplätzen nimmt im ganzen Kreis rapide zu – in Wertingen sollen etwa 108 neue Plätze zur Verfügung gestellt werden.
Bild: Benjamin Reif

Die Bestattung in der Urne ist innerhalb von wenigen Jahrzehnten bei uns beliebter geworden als die Beerdigung im Sarg. Die Gründe sind vielfältig – doch bereiten sie manchem auch Sorgen

Wenn sich Norbert Landrichinger an seine Kindheit erinnert, dann kommt ihm das Bild der Großmütter in den Sinn. Samstags war für diese stets für eine Arbeit viel Zeit eingeplant: Die Grabpflege. Das war eben so, wie in fast jeder anderen Familie. Die Blumen gießen, abgefallenes Laub vom Grab entfernen, die Kerzen austauschen. Verstarb jemand, wurde er im Sarg in einer Zeremonie in die Erde hinabgelassen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Denn überall im Landkreis werden die traditionellen Begräbnisformen von der Urnenbestattung verdrängt – und zwar in gewaltigem Tempo. Als Landrichinger in seinem Beruf als Bestatter vor gut 20 Jahren anfing, bestattete er noch niemand in der Urne. „Das gab es damals praktisch nicht“, sagt der Lauinger. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat er jedoch einen Mentalitätswandel in der Bevölkerung ausgemacht, der seine Arbeit betrifft. „Heute sind es 70 bis 80 Prozent Urnenbestattungen“, sagt er.

Und nicht nur das: Immer stärker werden spezielle Plätze nachgefragt, in welchen man die Urnen oberirdisch unterbringen kann – sogenannte Urnenstelen oder Urnennischen. Eine Versenkung in der Erde findet dann nicht mehr statt. In Wertingen ist die Nachfrage so groß, dass sich die Stadt entschlossen hat, auf dem Friedhof im großen Stil oberirdisch Platz für Urnen zu schaffen. 108 neue Plätze sollen entstehen. „Das ist ein klarer Trend, die Nachfrage ist groß. Alle bestehenden Plätze sind schon vergeben“, sagt der Leiter des Wertinger Ordnungsamtes, Karl Benz. Auf dem Dillinger Hauptfriedhof gibt es schon eine Urnenwand mit 230 Fächern – diese wird laut Stadt immer wieder bei Bedarf erweitert.

Bei der Urnenbestattung wird der Leichnam zuerst in ein Krematorium gefahren, wo er mitsamt des Sarges in einem Spezialofen verbrannt wird. Im Landkreis selbst gibt es kein Krematorium, die Leichname müssen für die Prozedur in Städte wie Augsburg oder Ulm gefahren werden.

Der Dillinger Bestatter und Stadtrat Wolfgang Düthorn sieht in der Globalisierung und der Urbanisierung Gründe für die steigende Popularität von Urnenbestattungen – vor allem der Aufbewahrung der Urnen in oberirdischen Nischen. Wenn sich weniger junge Menschen noch an einen Ort binden möchten, gebe es immer weniger klassische Großfamilien. Und damit stellt sich im Hinblick auf den Tod von Familienmitgliedern die Frage: Wer pflegt das Grab? „Meiner Erfahrung nach entscheiden sich deshalb immer mehr Menschen für eine Urnenbestattung“, sagt Düthorn. „Sie wollen ihren Nachkommen nicht noch nach dem Tod zur Last fallen.“ Wer nicht in einer Nische die letzte Ruhestätte finden möchte, kann sich in einer Urne in einem deutlich kleineren Grab begraben lassen als in einem Sarg. Zudem habe sich die Einstellung zur Einäscherung nach dem Tod gewandelt, glaubt Düthorn. Mutete die Entscheidung zur Kremation früher für manche noch exotisch oder unangebracht an, ist sie in vergleichsweise kurzer Zeit zum gesellschaftlichen Mainstream geworden.

Die evangelische Pfarrerin der Wertinger Bethlehemgemeinde, Ingrid Rehner, beobachtet nicht nur einen Wandel in der Bestattungskultur. Sondern auch in der Art, wie den Toten gedacht, und wie um sie getrauert wird. „Wenn ein Sarg in die Erde herabgelassen wird, dann bedeutet das für die Angehörigen oft einen wichtigen Punkt in der Trauerarbeit: Das Loslassen“, sagt Rehner. Diese schmerzliche, aber aus der Sicht der Pfarrerin wichtige Erfahrung, wollen eine steigende Zahl von Menschen nicht mehr erleben. Entscheidet sich der Angehörige zu Lebzeiten, in einer Urne oberirdisch verwahrt zu werden, muss es einen solchen Moment nicht geben.

Doch ist das für Rehner keine begrüßenswerte Entwicklung. „Für den eigenen Trauer- und Heilungsprozess kann dieser Schlüsselmoment sehr wichtig sein“, glaubt sie. Die Aufbewahrung der sterblichen Überreste eines geliebten Menschen in scheinbarer Nähe – wie in einer Urnennische – vermittelten zwar einen greifbaren Weiterbestand. Doch das könne ein Trugschluss sein. „Man kann das Leben nicht festhalten in Form des Todes“, sagt Rehner.

Die Pfarrerin glaubt, dass in Zukunft die Traditionen noch weiter aufweichen und Platz für andere Arten der Beisetzung machen könnten – obwohl auch dieses Wort dann schon nicht mehr greifen könnte. Etwa dann, wenn aus der Asche eines Verstorbenen ein künstlicher Diamant gepresst wird, der dann in Form von Schmuck immer bei den Angehörigen bleiben kann. Diese Praxis wird beispielsweise in den USA immer beliebter. In Bayern sind solche neuartigen Formen des Totengedenkens noch verboten, es herrscht für die sterblichen Überreste „Friedhofspflicht“.

Der Wunsch, den Angehörigen nach dem Tod nicht mehr zur Last zu fallen, beinhaltet aus Sicht Rehners und Norbert Landrichingers für viele Menschen auch einen möglichst niedrigen Kostenaufwand.

Vergleicht man eine Unterbringung in der Urnennische und ein traditionelles Grab, werden teils große Unterschiede deutlich. Kostet in Wertingen etwa der Platz für ein Familiengrab zwischen 750 und 1250 Euro, liegt der Preis für eine Urnennische mit 550 Euro deutlich darunter. Vor allem entfallen aber Folgekosten wie ein tausende Euro teures Grabmal.

Die fortschreitende Wandlung und Reduzierung betrachtet Pfarrerin Rehner skeptisch. Irgendwann könnte neben den Traditionen auch die Sprache an ihre Grenzen stoßen, um die Verfahrensweisen mit den sterblichen Überresten zu beschreiben. „In einer Urnenwand wird ja beispielsweise niemand mehr ‘beerdigt’, sagt Rehner. „Erde zu Erde, Asche zu Asche – das passt dann nicht mehr.“

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