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Dillingen

03.12.2019

Barocke Gegensätzlichkeiten im Dillinger Schloss

„Winterkonzert“ der Orchestervereinigung: Exakte Abstimmung kennzeichnete das Spiel der Solisten Ludwig Hornung, Violine (links), und Thomas Rausch (Viola) bei der Interpretation einer Suite von Kurt Atterberg.
Bild: Erich Pawlu

Noch nie wirkten so viele Musiker bei der Orchestervereinigung Dillingen im ausverkauften Festsaal des Schlosses mit. Wie mit barocke Gegensätze gespiegelt wurden.

Schon der Auftakt verdeutlichte die Ursachen der Beliebtheit, die sich die Orchestervereinigung Dillingen bei den Musikfreunden der Region gesichert hat: Vivaldis Konzert für Streicher in d-Moll RV 127 erklang im ausverkauften Festsaal des Schlosses wie ein perfektes Lehrbeispiel für barocke Ambivalenz.

Wie barocke Gegensätzlichkeiten musikalisch gespiegelt wurden

Noch nie, so berichtete Vorsitzender Stephan Gierer in seiner Begrüßung, habe ein Konzert der Orchestervereinigung mit so vielen aktiv Mitwirkenden stattgefunden. Die gelungene Integration sei zu einem wesentlichen Teil dem Motivator und Dirigenten Ludwig Hornung zu verdanken.

Und bei diesem „Winterkonzert“ hatte das Publikum hinreichend Gelegenheit, die Harmonie zu bewundern, die das Zusammenwirken der Instrumentalgruppen mit ihrem künstlerischen Leiter kennzeichnet. Denn das Vivaldi-Konzert erwies sich als ausgefeilte musikalische Spiegelung barocker Gegensätzlichkeit: Die beiden Allegro-Sätze verdeutlichten mit Schönheit und Schwung die Lebenslust dieser Epoche, das Largo schuf mit meditativer Traurigkeit ein gegensätzliches Kolorit der Verzagtheit und der Resignation.

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Von gefühlsbetontem Überschwang zu melodiöser Anmut

Iris Lutzmann, Mezzosopran, gestaltete als Solistin die Arie „Andromeda liberata“. Das Werk aus dem Jahre 1726, das ebenfalls dem Komponisten Vivaldi zugeschrieben wird, vermittelte in der Interpretation dieser einfühlsamen Sängerin und im musikalischen Konsens mit den quirligen Konfigurationen der obligaten Geige Ludwig Hornungs eine emotionalisierende Vorstellung von der Kunst der italienischen Oper.

Besonders langen Beifall erhielt Iris Lutzmann für den Vortrag der Klassik-Pop-Liebeserklärung „Lo ti penso amore“, die David Garrett mit Paganini in Verbindung brachte. Mühelos wechselte der Mezzosopran der Sängerin koloraturhaft aus Sopranhöhen zu Alttiefen, von rhythmischer Exaktheit zu gefühlsbetontem Überschwang und von melodiöser Anmut zu kapriziöser Heiterkeit.

Iris Lutzmann (Mezzosopran) gestaltete eindrucksvoll eine Arie aus „Andromeda liberata“, die Antonio Vivaldi zugeschrieben wird.
Bild: Erich Pawlu

Die Freude an Wohlklang und Harmonie vertiefte das berühmte „Intermezzo sinfonico“ aus Mascagnis „Cavalleria rusticana“. Und auf besonderes Interesse dürfte bei der Zuhörerschaft die Aufführung der Suite für Violine, Viola und Streichorchester von Kurt Atterberg (1887-1947) gestoßen sein. Werke dieses schwedischen Komponisten sind in der Bundesrepublik nur selten zu hören, weil seine Opern und Symphonien von den Kulturlenkern des „Dritten Reiches“ gefördert wurden.

Die stiltreue Präsentation im Dillinger Schlossfestsaal gab Gelegenheit, die Verhätschelung Atterbergs durch den NS-Staat zu verstehen: Die dreisätzige Suite vermeidet jede Anlehnung an Neutöner, schwelgt aber in Moll-Konstruktionen und wirkt passagenweise wie ein musikalisches, von norwegischen Fjorden beeinflusstes Landschaftsgemälde. Im Schlussteil ist die Nähe zu Griegs Klangfarben unüberhörbar. Ludwig Hornungs Violine und Thomas Rauschs Viola demonstrierten ein Zusammenspiel, das Kontrast und Einigkeit, kraftvolle Dynamik und lyrische Versonnenheit mit bewundernswerter Präzision verband.

Wie eine neue fugenartige Festtagsmusik enstand

Am Programmende ließ sich entdecken, wie ein 14-jähriges Genie in der Zeit zwischen Klassik und Romantik nach einem eigenen Weg suchte: Die Orchestervereinigung zeigte, dass Felix Mendelssohn Bartholdy in seiner Sinfonia VII. in d-Moll vor allem barocke Stilelemente zu einer ganz neuen fugenartigen Festtagsmusik zusammenfügte. Die logische Konsequenz des begeisterten Beifalls, mit dem die Zuhörerschaft jeden Programmabschnitt kommentierte, bestand in zwei Zugaben. „Mein Hut, der hat drei Ecken“ erinnerte übermütig an den Erfolg einer neapolitanischen Canzonetta und mit Peter Kiesewetters „Tango pathetique“ konnten die Musiker zeigen, dass sie auch Stilarten außerhalb der seriösen Orchesterliteratur souverän beherrschen.

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