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Kulturring

11.03.2013

Bühnenrevolution mit Kräuterzigarette

Landestheater Tübingen mit „Dantons Tod“ im Stadtsaal. Von kindisch bis verstörend

Dillingen „Ich fühlte mich wie vernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte.“ Mit diesem Satz charakterisierte Georg Büchner sein Weltbild, nachdem er sich 1833 mit der Französischen Revolution beschäftigt hatte.

Das Drama „Dantons Tod“ verarbeitet nicht nur Büchners Auffassung, dass „Der Einzelne nur Schaum auf der Welle“ und dass „die Größe ein bloßer Zufall“ ist. Mit visionärer Kraft verweist das Stück auf Entwicklungen, die im 20. Jahrhundert Millionen Menschen das Leben kosteten: Selbst ernannte Revolutionäre wie Hitler, Stalin und Mao begründeten jeden Massenmord mit der Reinhaltung ihrer ideologischen Lehre.

Die Inszenierung von Ralf Siebelt am Landestheater Tübingen (LTT) vermeidet billige Aktualisierungen und vertraut auf die paradigmatische Wirkung des Sprachkunstwerks, das Büchner mit „Dantons Tod“ im Vorgriff auf die naturalistische Weltbetrachtung geschaffen hat.

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Beim Gastspiel im Dillinger Stadtsaal wurde deutlich: Das engagierte Ensemble hätte mit diesem Ansatz Erfolg haben können. Leider aber mündete die bilderreiche Diktion immer wieder in unverständlichem Gemurmel und Geschrei. Die tragische Geschichte, die den „tugendhaften“ Revolutionär Robespierre als rücksichtslosen Menschenschlächter entlarvt, litt auch unter anderen Störungen: Danton und seine Gefährten kleideten sich mehrmals aus und an, was zu keinen tieferen Erkenntnissen außer zur Begutachtung männlicher Brusthaarausstattung führte. Ständiger Bühnennebel verdüsterte auch jene Textpassagen, die Danton Gelegenheit geben, in schöner Klarheit Sätze wie „Sterbende werden oft kindisch“ zu sagen. Und ziemlich kindisch war es, als ein Darsteller beim Absingen der Marseillaise sein Hemd in eine Hose verwandeln musste.

Danton sieht in den revolutionären Umbrüchen die Chance, das Leben zu genießen. Martin Maria Eschenbach verlieh der Rolle in dieser Hinsicht alle Authentizität. Rätselhaft blieb, wie ein solcher Genussmensch zum Gegenspieler des radikalsten Extremisten der Französischen Revolution werden konnte. David Liske verlieh der Gestalt Robespierres (dessen Name im Besetzungsprogramm falsch geschrieben wurde) die Aura des quasireligiösen Eiferers, der seine Rücksichtslosigkeit hinter gedämpfter Rhetorik versteckt. Das war ungewöhnlich, aber wirksam. Jessica Higgins verkörperte die Frauenfiguren der Julie, der Lucile und der Marion in Personalunion. So sorgte die Darstellerin im Bühnenlicht für ein Konzentrat von Liebeslust und Liebesleid.

Ein Baugerüst (Ausstattung Timo von Kriegstein) im Hintergrund assoziierte zunächst die Vorstellung vom unfertigen Neubau der Revolution und wurde schließlich zum Blutgerüst, als die gegenrevolutionäre Gruppe um Danton nicht guillotiniert, sondern an den Stangen temporär gehenkt wurde.

Das wirkte verstörend. Aber eine andere Irritation wurde rechtzeitig unterbunden: Regisseur Ralf Siebert trat vor Beginn der Aufführung vor das Publikum und erklärte, dass der Glimmstängel, den die schwangere Jessica Higgins rauchen werde, kein Anlass zu kollektiver Empörung sei.

Es handle sich um eine harmlose Kräuterzigarette.

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