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Buch

18.11.2020

Von Gundelfingen in den Untergrund der Großstadt

Tiny Stricker

Autor Tiny Stricker nimmt die Leser von „U-Bahn-Reiter“ mit auf eine spontane Reise von Weimar bis Sarajevo

„An einem Frühsommer-Freitag … befand ich mich plötzlich in einem alten U-Bahn-Abteil, das ganz von der Heiterkeit der Seele erfüllt war. Alle schienen einem schönen Ziel zuzustreben. Der Zug ging Richtung Freimann, aber gleichzeitig in eine unbestimmte Ferne.“ Tiny Stricker, der aus Gundelfingen stammende Autor, entdeckt in seinem neuen Buch „U-Bahn-Reiter“ die Fähigkeit, sich bei Untergrund-Fahrten eine Gegenwelt zu erschaffen und mit Erinnerungen zu verknüpfen. Er bestätigt damit eine im Kapitel „Ziele“ erwähnte These von Plutarch, der überzeugt war, dass die Gegenwart umso genussreicher ist, wenn sie mit Erinnerung verbunden wird. Nach einer Reihe erstaunlicher Bücher hat Tiny Stricker mit „U-Bahn-Reiter“ ein weiteres erstaunliches Buch geschaffen. Mit einer Vielzahl von Beobachtungen und Impressionen entwirft er ein eigenwilliges Bild von einem Großstadtrevier, aber auch von besuchten Landschaften außerhalb der U-Bahn-Netze.

Tiny Stricker, der eigentlich Heinrich Stricker heißt, wurde 1949 geboren, besuchte das Musische Gymnasium Lauingen und ging nach dem Abitur mit 500 Mark Bargeld auf einen Asientrip. Davon erzählte er in „Trip Generation“, Tiny Strickers erfolgreichstem Buch, mit dem er den literarischen Untergrund in Aufregung versetzte. Die neue Publikation, Band 11 in der Stricker-Werkausgabe des Verlags p.machinery, ist in ihren Inhalten weit entfernt von der 68er-Revolte des Autors. Aber die Hippie-Sehnsucht verbirgt sich dennoch in vielen Texten: Im Kapitel „Passagiere“ heißt es: „Die Einfahrt in die unterirdische Welt, die schnell vorbeisausenden Lichter, flackernden Stäbe erinnern an den Wisch-Effekt in asiatischen Filmen, wenn die Handlung plötzlich, was typisch ist, in eine andere Zeit zurückspringt und eine jähe Nachdenklichkeit erzeugt, ein augenblickliches Über-den-Zeiten-Stehen, das viel zu schnell wieder verschwindet.“

In der Geschichte der deutschen Literatur haben sich nur wenige Autoren für den Reiz von U-Bahn-Fahrten begeistern lassen. In „Der letzte Roman“ von Joachim Ringelnatz steht der Satz „Nie wieder U-Bahn oder wenigstens nicht am Sonntag.“ Es gehört zur eigenwilligen Weltbetrachtung Tiny Strickers, dass er die U-Bahn als Möglichkeit versteht, die unterschiedlichsten Phänomene, Erlebnisse und landschaftlichen Elemente zu einem individuellen Gesamtbild zu vereinen. Kapitelüberschriften wie „Blicke“, „Gärten“, „Freunde“ oder „Bars“ verdeutlichen das breite Spektrum dieser Tiny-Stricker-Welt.

Dass das Lesen dieser Fokussierungen für den Leser auch mit großem Vergnügen verbunden ist, hängt aber mit dem sprachlichen Ordnungswillen der Darstellungen zusammen. Heinrich Stricker, der nur drei Jahre lang ein Hippie-Leben führte, anschließend studierte und schließlich beim Goethe-Institut tätig war, ist auch bei der Pflege seines Stils zu Tradition und Kunst zurückgekehrt. Seine Sätze verlieren trotz der Verwendung kühner Konstruktionen nie die Balance, seine Sprachbilder glänzen einerseits durch Inspiration, andererseits durch überzeugende Verständlichkeit. „U-Bahn-Reiter“ ist ein Buch auch für Leser, die U-Bahn-Fahrten nicht mögen. Foto: Pawlu

Tiny Stricker „U-Bahn-Reiter“, Taschenbuch 192 Seiten, Band 11 der Tiny-Stricker-Werkausgabe, Verlag p.machinery 25887 Winnert, Paperback 13,90 Euro.

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