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Mauerfall 

09.11.2019

9. November 1989: Ein Tag wie kein anderer

Michael Ensinger (von links), Stephan Schoder und Egbert Wenniger am 11. November 1989 auf ihrer Fahrt zur Mauer.
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Michael Ensinger (von links), Stephan Schoder und Egbert Wenniger am 11. November 1989 auf ihrer Fahrt zur Mauer.

Plus Drei Freunde aus Rain beschließen vor 30 Jahren spontan, zum Mauerfall nach Berlin zu fahren. Dort erleben sie hautnah ein bewegendes Ereignis, das in die Geschichtsbücher eingeht. 

Es gibt Ereignisse, die brennen sich unauslöschlich in unsere Erinnerungen ein. Selbst dann, wenn wir nicht unmittelbar dabei sind. So weiß wohl noch nahezu jeder, wo er zum Zeitpunkt des Mauerfalls war und wie er die unfassbaren Szenen empfunden hat, die aus Berlin über die Medien in die ganze Welt übertragen wurden. Drei Freunde aus Rain wollen es damals nicht dabei belassen, den Fernseher einzuschalten und die Zeitung zu lesen. Egbert Wenninger, Michael Ensinger und Stephan Schoder, 24 und 25 Jahre alt, wollen das Unglaubliche aus nächster Nähe sehen. Wollen dabei sein – dort wo es passiert. Es ist der 9. November 1989. Ein Donnerstag, der in die Geschichtsbücher eingeht.

SED-Sekretär Günter Schabowski liest gegen 19 Uhr bei jener legendär gewordenen Pressekonferenz im Ost-Berliner Politbüro in der Mohrenstraße irritiert von einem Zettel etwas ab, wovon er selbst ganz offensichtlich keine Ahnung hat. Es ist der erste Entwurf für ein neues Reisegesetz – politisch keineswegs beschlossene Sache. In diesem Moment passiert etwas, das später als Kommunikationsfehler deklariert wird. Es passiert die wahrscheinlich schönste Panne der Geschichte!

Schabowski verkündet die Ausreisemöglichkeit der DDR-Bürger in den Westen. Er vermeldet – hörbar erstaunt – die kurzfristige unbürokratische Erteilung von Visa. Reisefreiheit für Menschen, die seit 1952 im eigenen Land eingesperrt sind – seit 1961 gar mit Mauern, Zäunen und Schießanlagen. 740 von ihnen – so Wikipedia – mussten dort für die Freiheit ihr Leben lassen. Und jetzt spricht Schabowski an diesem 9. November 1989 stockend jene unfassbaren Worte, die die Welt kaum glauben kann: „Das tritt ... nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich“.

Was dann kommt, ist faszinierend: Die ganze Nacht übertragen Fernsehsender live von der Berliner Mauer solche Bilder: Menschenmassen von DDR-Bürgern, die prüfen wollen, ob das Unvorstellbare tatsächlich stimmt. Und DDR-Grenzer, die wie Schabowski keine Ahnung, erst recht keine Order haben und zunächst niemanden durch lassen. Doch es ist zu viel passiert in den Wochen zuvor: die Montagsdemonstrationen, die friedliche, wenn auch zunehmend verzweifelte Revolution, die Welle der Botschaftsflüchtlinge, die Tausenden, die über Tschechien und Ungarn übersiedeln... Der Eiserne Vorhang hat Löcher bekommen.

Einmal losgetreten, ist diese Lawine nun nach Schabowskis Irrtum, diesem letzten Impuls, nicht mehr zu stoppen. „Wir sind das Volk“– dieser kollektiven Stärke haben die völlig überforderten Schutzpolizisten an den DDR-Grenzen am Ende nichts mehr entgegenzusetzen. Ehe die Stimmung gefährlich kippt, öffnen sie die Schlagbäume.

Rund 540 Kilometer von Berlin entfernt sitzen in diesen Stunden in Rain Egbert Wenninger und Stephan Schoder vor ihren Fernsehern und saugen die Neuigkeiten auf. Michael Ensinger ist in einem Reisebus unterwegs auf dem Heimweg von Russland und muss sich damit begnügen, was aus dem Radio übertragen wird. Als sich die drei Freunde anderntags mit ihrer Clique zum Kegeln treffen, gibt es nur ein Gesprächsthema: Die Maueröffnung. „Das wollen wir mit eigenen Augen sehen“, ist der Wunsch der drei und so starten sie kurz entschlossen am 11. November 1989 in aller Früh Richtung Berlin.

Über die A9 gelangen sie zum Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg und ohne Kontroll-Schikane nach Thüringen. Inzwischen hat sich das Phänomen Mauerfall weit über Berlin hinaus fortgesetzt. „Wir haben dort lange Schlangen gesehen“, erinnern sich die drei Freunde. „20, 30, 40 Kilometer weit nur Trabbis auf der Autobahn Richtung Westen. Und am Grenzübergang Hunderte von Wessis, die sie alle in Empfang genommen haben. Mit Klatschen, mit begeistertem Jubel, mit Klopfen auf die Autodächer.“ Schon dort sind die Rainer überwältigt von den Eindrücken.

Mit jedem Kilometer, den sie näher nach Berlin kommen, wächst die Aufregung. Die Landschaft fliegt an ihnen vorbei, sie lassen die Ortschaften dieses fremden Staates hinter sich im vagen Bewusstsein, dass dort gerade ein Umbruch beginnt. An der Peripherie Berlins angekommen, parken sie ihr Auto und fahren mit der U-Bahn zum Ku’damm, laufen von dort zur Friedrichstraße, zum Grenzübergang Checkpoint Charlie.

Sie lassen sich mit den Massen treiben, inhalieren die hoch emotionale Atmosphäre und sind ganz unmittelbar Teil dieses sich gerade wieder vereinigenden Volkes. „Die Stimmung war unbeschreiblich ausgelassen“, erzählen sie. „Diese vielen Menschen waren sich alle nahe, haben sich miteinander gefreut. Die waren alle einfach nur glücklich!“

Irgendwo im Gewühl an der Mauer kommen Egbert, Michael und Stephan mit Ostdeutschen ins Gespräch. „Wir haben eine Familie getroffen, die kein Westgeld hatte und so haben wir sie spontan in die nächst gelegene Kneipe eingeladen. Ein Wunder, dass in diesen Tagen die Versorgung nicht zusammengebrochen ist.“ Sie finden rasch einen Tisch und lassen sich bei ein paar Bier eine dieser für jene Tage typischen Geschichten erzählen. „Diese Leute sind mit allem aufgebrochen, was sie irgendwie transportieren konnten“, sagt Egbert Wenninger. „Sie haben ihren kleinen Wohnwagen voll gepackt mit allen möglichen Habseligkeiten und sind nach West-Berlin gefahren. In der Überzeugung, die Grenze bleibt eh nicht offen und sie kommen nicht mehr zurück.“

Es entstehen gute Gespräche und verwackelte Erinnerungsfotos und als sie sich wieder trennen, bedanken sich die Ostdeutschen auf ihre Weise: Sie schrauben das ovale Blechschild, das Länderkennzeichen „DDR“, von ihrem Wohnwagen ab und schenken es den drei Rainern.

Im Westen bleiben wollen in diesen Tagen die wenigsten Bürger Ostdeutschlands. Einfach mal schauen, hinein spüren in die neu gewonnene Freiheit, in Geschäfte gehen, das Begrüßungsgeld abholen und einkaufen, ehe es wieder zurück geht – dorthin wo man zu Hause ist, wo Kinder und andere Angehörige warten. Die drei Rainer sehen Trabbis, die bis oben hin beladen sind mit allem Möglichen an Lebensmitteln und Alltagsdingen. „Das Klischee von den Bananen, die es in der DDR nicht gibt, hat sich für uns voll bestätigt“, sagt Michael Ensinger schmunzelnd. „Ich hab Dachträger gesehen, auf denen randvolle Obstkisten waren. Die ’Ossis’ haben alles gekauft, was ihnen möglich war.“

Eigentlich wollen die drei Freunde zu Fuß nach Ost-Berlin laufen. Doch keine Chance – der Strom in Richtung Westen macht ein Durchkommen nicht möglich. Am Brandenburger Tor sehen sie ein, dass sie dieses Vorhaben aufgeben müssen.

Stattdessen erfüllen sie sich einen anderen Wunsch. Sie zücken einen mitgebrachten Hammer und machen es wie die anderen Mauerspechte auch: Sie klopfen kleine Stücke aus dem bunt bemalten Beton, um sie zur Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Überall an der Mauer sind Menschen auf mitgebrachten Leitern nach oben geklettert und stehen nun dicht gedrängt auf dem schmalen Grat. Sie singen Lieder von Frieden und Freiheit oder machen ausgelassene Partymusik, spielen Gitarre, tanzen.

Manche haben selbst gebastelte Plakate dabei, auf denen sie ihrer Freude über die Maueröffnung Ausdruck gaben. „Endlich frei!“ steht da etwa zu lesen. Ströme von Menschen treiben Richtung Mauer, um das Unfassbare mit eigenen Augen zu sehen. Die drei Rainer sind mitten unter ihnen. „Irgendjemand hat eine Sektflasche rum gereicht und wir haben uns zu geprostet. Wildfremde sind sich in den Armen gelegen und haben geweint“, erinnern sie sich.

Am Rande der Feiernden gruppieren sich immer wieder Grenzposten der DDR. Mauertouristen fassen sie vorsichtig an wie Aliens von einem anderen Stern. Michael Ensinger hat die Bilder noch vor Augen: „Sie standen rum wie Statisten. Sie waren auf Bewachung des Staates trainiert, hatten den Schießbefehl gelernt und jetzt gab es nichts mehr für sie zu tun. Auf eine solche Situation sind sie in ihrer Ausbildung nicht vorbereitet worden.“ Stephan Schoder ergänzt: „Das war denen peinlich ohne Ende. Sie konnten nur noch den Schein wahren.“ Schlagbäume, Grenzübergänge, Wachtürme sind in diesem Moment nur noch Requisiten einer Inszenierung. Nur noch ein Symbol für ein System, das letztlich am Willen des Volkes zerbrochen ist.

Irgendwann in den Morgenstunden, gegen 4 Uhr, machen sich die Freunde aus Rain dann auf den Rückweg zum Auto. Aufgedreht ohne Ende, gelingt es ihnen dennoch, in ihren Schlafsäcken auf den herunter geklappten Sitzen ein wenig zu dösen, ehe es am anderen Tag zurückgeht nach Rain. Es ist der 12.November 1989.

Seitdem sind 30 Jahr vergangen. Was für die drei bleibt, ist das erhebende Gefühl, bei diesem historischen Ereignis hautnah dabei gewesen zu sein. Was bleibt, ist das Erlebnis des unglaublichen kollektiven Glücksgefühls so vieler Menschen. Und was bleibt, sind ein paar Erinnerungsstücke: eine Handvoll Bilder im Fotoalbum, bunte Brocken aus Beton und ein ovales Blechschild mit der Aufschrift für etwas, das es längst nicht mehr gibt: DDR.

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09.11.2019

Eure Überschrift in WhatsApp passt nicht.
"Heute vor 40 Jahren "

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