Schulgeschichte

05.04.2014

Als das G8 zum G9 wurde

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27 Kinder begannen im Jahr 1946 ihr erstes Schuljahr am Donauwörther Gymnasium, das damals in der ehemaligen Jugendherberge untergebracht war.

In den Jahren nach der NS-Zeit gab es für das Donauwörther Gymnasium permanente Veränderungen. Das spürten auch die Schüler. Die Historie ist gerade vor der aktuellen Diskussion hochinteressant

Während Lehrerverbände, Eltern, Schüler und Ministerien über die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums (G9) in Bayern diskutieren, lohnt sich ein Blick zurück in die Geschichte. 97 Schüler traten 1946 ihre Schulkarriere am damaligen Progymnasium an und erlebten den Wandel bis zum neunjährigen Gymnasium.

Im Verbund der in der NS-Zeit achtjährig konzipierten „Deutschen Oberschule“ führte 1946 das sechsjährige Progymnasium in Donauwörth lediglich zur Qualifikation der Mittleren Reife. Die berechtigte „zum einjährig-freiwilligen Dienst im ganzen deutschen Heere“. Schüler, die darüber hinaus die Hochschulreife anstrebten, mussten deshalb nach der 6. Klasse an auswärtige Gymnasien mit Abiturberechtigung übertreten. Die 1946 in Donauwörth eintretende 1. Klasse wurde indessen als erste nicht mehr in der Schulform „Oberschule“, sondern „gymnasial“ eingerichtet. Die älteren Jahrgänge wurden weiterhin als Oberschul-Klassen bis zum „Abbau“ weitergeführt; gleichzeitig wurde, um deren Abwanderung zu verhindern, der Schule die 7. Jahrgangsstufe angegliedert.

Die neu aufgenommene 1. Klasse sollte freilich – anders als die bisherige „Oberschule“ – nicht mit Englisch, sondern entsprechend den Lehrplänen der „gymnasialen“ Schulform mit Latein als Fremdsprache beginnen. Die Neuerung wurde aber bereits wenige Wochen nach Schuljahresbeginn nach einer Elternbefragung erweitert. Die eben erst neu eingerichtete 1. Klasse wurde in eine „gymnasiale“ und eine „reale“ Abteilung mit Englisch als 1. Fremdsprache gegabelt. Die Schule firmierte dabei im November 1946 als „Progymnasium mit Realschule, Oberschule im Abbau“. Die Trennung in eine lateinische und englische Abteilung wurde allerdings erst nach den Weihnachtsferien im Januar 1947 vollzogen, wobei die neu formierte Englisch-Klasse den bis dahin versäumten Unterrichtsstoff des ersten Schulhalbjahres nachholen musste.

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Die Turbulenzen des Schuljahresanfangs 1946 waren noch zusätzlich durch zahlreiche Wechsel von Lehrkräften verstärkt worden. Außerdem hatte sich die Gesamt-Schülerzahl der 1. Jahrgangsstufe bereits im Oktober 1946 wieder verringert, als 16 Schüler in die wieder eröffnete „Bürgerschule“ in Heilig Kreuz übertraten.

Der Umzug in die Enge der Jugendherberge

Haupthindernis für einen normalen Unterrichtsbetrieb waren freilich – damals wie in den Folgejahren – die beengten Raumverhältnisse in der kurzfristig zum Schulhaus umfunktionierten Jugendherberge, die in der NS-Zeit als HJ-Schulungszentrum gedient hatte. Dorthin hatten Lehrer und Schüler im September 1946 eigenhändig quer durch die Stadt, das aus den Kriegswirren verbliebene Sammlungs-Inventar der Schule aus den vorübergehend benutzten Räumen des Cassianeums transportiert. Dort war die Oberschule nach der Zerstörung des Progymnasium-Gebäudes beim Bombenangriff im April 1945 untergebracht.

Nach dem erneuten Umzug war man zwar einigermaßen froh, dass der Schulbetrieb wenigstens notdürftig – bis auf die am anderen Stadtrand gelegenen Sportstätten unter einem gemeinsamen Dach – ablaufen konnte. Die umgebauten, aber nur unzureichend eingerichteten Räume der Jugendherberge, insbesondere Schulbänke, reichten nicht aus, um alle Klassen zur gleichen Zeit zu unterrichten. So wurden die Unterstufenklassen im Schichtbetrieb nachmittags beschult, was vor allem für die zahlreichen auswärtigen Schüler, die im Winter erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause zurückkehren konnten, große Belastungen mit sich brachte. Überdies erzwangen im Februar 1947 eine lange Kälteperiode und Kohlemangel eine Umstellung und Einschränkung des Unterrichts für alle Klassen auf schichtweise je drei Vormittagsstunden.

„Gymnasium mit Oberrealschule, Oberschule im Abbau“

Im Schuljahr 1947/48 wurden Angebot und Struktur der Schule mit der Angliederung der 8. Klassenstufe nochmals erweitert: Mit ministerieller Entschließung vom 24. September 1947 wurde das bisherige Progymnasium zur achtklassigen Vollanstalt (mit Abiturberechtigung) ausgebaut und vereinigte fortan (bis zum Schuljahr 1952/53) unter dem Schullogo „Gymnasium mit Oberrealschule, Oberschule im Abbau“ sogar drei Schulformen in sich.

In diesem Schuljahr erreichte die Schule auch ihre bis dahin größte Schülerzahl von 298 Knaben und 113 Mädchen, die in 13 Klassenabteilungen unterrichtet wurden. Da die Jugendherberge auch weiterhin nur elf Schulräume bot, wurde der Unterricht in den Klassen 3 bis 8 am Vormittag, in den 1. und 2. Klassen nachmittags durchgeführt.

Die Wiedereinführung der 9. Jahrgangsstufe

Die kulturpolitischen Intentionen bei der Neuausrichtung des bayerischen Schulwesens zur „Bewältigung des Erbes der NS-Zeit“ in den Nachkriegsjahren führten dazu, dass mit ministerieller Bekanntmachung vom 5. Juni 1951 die „Wiedereinführung der neunten Klasse an den achtklassigen höheren Lehranstalten“ verfügt wurde, die nur wenige Wochen später (4. Oktober 1951) ergänzt wurde, dass „alle Schüler, die gegenwärtig die 6. Klasse einer höheren Lehranstalt besuchen, mit sofortiger Wirkung als in die siebte Klasse versetzt gelten.“ Damit war von der Höherstufung insbesondere die 1946 eingeschulte Jahrgangsstufe betroffen, während die aktuellen Klassen 1 bis 5 erst später in den vollen ‘Genuss’ der wieder eingeführten 9. Jahrgangsstufe kamen.

Wie aus den ministeriellen Protokollnotizen erkennbar ist, erfolgte die Aufstockung „mit dem erklärten Ziel, in dieser Zeit, von Lernstoff möglichst befreit, die Fähigkeit zu selbstständiger, kritischer, geistiger Arbeit zu vermitteln.“

Abitur am neunjährigen Gymnasium nach acht Jahren

Nach acht Gymnasialjahren konnten im Jahr 1954 in Donauwörth die (aus der Zahl von 97 Erstklässlern verbliebenen) 17 Abiturienten als Neuntklässler lediglich ‘numerisch’ von der verlängerten Gymnasialzeit zehren, absolvierten freilich – unter Aufsicht eines Ministerialkommissärs – mit „im Durchschnitt besonders guten Leistungen“ die Anforderungen der fünf schriftlich geprüften Abiturfächer.

Sie dürfen die Gewissheit in Erinnerung behalten, dass die Intentionen und Begründungen, die während ihrer Schulzeit im Jahr 1951 zur Wiedereinführung der 9. Klasse am Gymnasium geführt hatten, zwar bei der Einführung des Turboabiturs (G8) vorübergehend verdrängt wurden, neuerdings aber in den kultur- und schulpolitischen Argumentationen zur Wiedereinführung des neunstufigen Gymnasiums (G9) wieder mit Nachdruck vertreten werden.

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