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20.07.2019

Dora Otto und ihre Begegnung mit Stauffenberg

Dora Otto, heute 94, in ihrem Wohnzimmer in Buchdorf.
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Dora Otto, heute 94, in ihrem Wohnzimmer in Buchdorf.
Bild: Ulrike Eicher

Am 20. Juli 1944 explodierte in Hitlers Hauptquartier ein Sprengsatz. Dora Otto aus Buchdorf erlebte den missglückten Staatsstreich in Berlin aus nächster Nähe.

Sie ist zu spät dran und kramt hektisch in ihrem Spind. Da nähern sich im engen Gang zwei Offiziere und gehen flüsternd an ihr vorbei. Einer der beiden trägt eine Augenklappe und so etwas wie einen Lederhandschuh, daran erkennt ihn die 19-Jährige. Und nun sitzt sie in ihrem Wohnzimmer, denkt über die Szene nach, die sich vor 75 Jahren abgespielt hat, und sagt drei Worte: „Es war Stauffenberg.“

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Dora Otto erinnert sich noch genau. An den Krieg, und wie er ihr Leben veränderte. Und an jenen 20. Juli 1944. Den Tag des Hitler-Attentats. Für sie ist er weit mehr als nur ein Eintrag im Geschichtsbuch. Die Bücher und auch die Filme, die kamen erst später. Dora Otto hat den Staatsstreich selbst miterlebt.

Sie arbeitete damals als Fernschreiberin im Bendlerblock in Berlin. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung ist sie dem Attentäter im Flur noch einmal begegnet: Claus Schenk Graf von Stauffenberg aus Jettingen bei Günzburg. Eine der zentralen Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland.

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Mehr als ein Foto ist ihr nicht aus der Zeit bei der Wehrmacht geblieben

In ihrem Haus in Buchdorf im Landkreis Donau-Ries beschwört die heute 94-Jährige die Vergangenheit wieder herauf. Mit vielen Gesten und einer Stimme, die auch im hohen Alter nichts von ihrer Energie eingebüßt hat, lässt sie die Schrecken des Krieges ins Wohnzimmer eindringen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Ein bequemes Sofa, eine Sitzecke, handgenähte Gobelins und verzierte Teller an der Holzwand und eine Marienkerze in der Ecke strahlen Ruhe und Ordnung aus.

Gelebte Alltäglichkeit. Allein ein gerahmtes Foto erinnert noch an Ottos Zeit bei der Wehrmacht: Es zeigt ein hübsches junges Mädchen mit ordentlich frisierten Haaren und Uniform. Mehr ist nicht erhalten geblieben: „Ich muss den Rest irgendwann aus Versehen weggeworfen haben“, bedauert sie.

Dass es sie so jung schon nach Berlin verschlagen würde, sei nicht abzusehen gewesen, sagt Dora Otto. Damals heißt sie noch Striegel. Die Eltern führen einen Bauernhof in Buchdorf und bringen neun Kinder zur Welt, Dora ist die Zweite. Der Vater arbeitet als Postbote, die Kinder helfen auf dem Hof.

Weil Dora oft Kopfschmerzen hat, eignet sie sich nicht für die Feldarbeit. Sie darf die Handelsschule besuchen. 1942 erreicht sie ein Brief des Wehrkreiskommandos. „Meine Notdienstverpflichtung zum Nachrichtenbetriebsdienst des Heeres“. Die kleine schlanke Frau muss nicht lange überlegen, bis ihr die genaue Bezeichnung wieder einfällt.

Wo sonst nur ein alter Pförtner saß, kontrollieren SS-Männer die Taschen

Sie ist erst 17 und zögert nicht. „Ich wollte ja in die Welt hinaus.“ Nach einem Rotkreuzkurs wird sie in München zur Fernschreiberin ausgebildet, dann geht es an die Heeresschule nach Gießen. Dort bekommt sie ihre Uniform, die sie auf dem alten Foto trägt. Auf dem Arm ein gelbes Blitzabzeichen. „Deshalb hat man uns Blitzmädchen genannt.“ Der erste „Einsatzbefehl“ führt nach Berlin. Dort staunt Dora Striegel nicht schlecht. „Ich war ja vom Kuhdorf, war das ein Gerenne.“

Die Unterkunft liegt in Schöneiche, östlich der Stadt, etwa eineinhalb Stunden sind es bis zum Oberkommando des Heeres in der Bendlerstraße. „Ständig waren wir mit Straßenbahn, S-Bahn und U-Bahn unterwegs“, sagt sie und springt so viele Jahre später plötzlich auf und schreitet den Weg gedanklich im Wohnzimmer ab. Hier das Ostkreuz, da der Tiergarten und da hinten – ihre Hand folgt dem Blick – die Bendlerstraße. Schlafen, arbeiten, essen. Über ein Jahr geht das so.

An einem Donnerstag aber ist auf einmal alles anders. Am 20. Juli hat Dora Nachtschicht. Um 20 Uhr soll sie ablösen. Die S-Bahn hält jedoch am Ostkreuz, fährt nicht weiter. Die Innenstadt ist abgeriegelt. „Niemand wusste, warum.“ Sie macht sich zu Fuß auf und kommt verspätet am Bendlerblock an. Dort kontrollieren SS-Männer die Taschen, wo sonst nur ein alter Pförtner saß. „Das war eine ungute Luft, ich habe mich sehr gewundert.“ Seltsam kommen ihr auch die beiden Offiziere vor, Stauffenberg und ein anderer, die im ersten Stock die Köpfe zusammenstecken, während Dora die Uniform aus dem Spind holt.

Immer wieder tippt sie die Nachricht: Der Führer Adolf Hitler ist tot

Als sie dann endlich die Fernschreibstelle im Stockwerk darüber erreicht, sitzt da eine Kollegin und heult: „Der Führer ist tot.“ Die 94-Jährige mit den kurzen grauen Haaren verstellt ihre Stimme im Wohnzimmer, imitiert das Klagen der anderen. Und sagt dann, dass sie selbst in dem Moment erleichtert gewesen sei und sich nur gedacht habe: Gott sei Dank, dann ist der Krieg bald vorbei. „Aussprechen aber durfte man so etwas ja nicht.“

Also macht sich Dora an die Arbeit. Fast 40 Nachrichtenhelferinnen sind im Einsatz. Immer wieder tippt sie an jenem Abend die Nachricht, dass Adolf Hitler tot sei. Die Fernschreiben gehen mit höchster Dringlichkeitsstufe an alle Heeresverbände, auch ins Ausland.

Im Auftrag Stauffenbergs und seiner Anhänger sollen sie die „Operation Walküre“ auslösen, einen offiziellen, aber umfunktionierten Plan für den Fall innerer Unruhen – den Staatsstreich. Es herrscht Hektik. Die Frauen wissen aber nicht, was los ist, sprechen kaum ein Wort miteinander. Erst allmählich sickert die Nachricht durch, dass es ein Attentat gegeben habe. Mehr noch: dass die Verschwörer im selben Haus sitzen, eine Etage tiefer.

Im Hof sieht Dora Striegel noch die Blutlachen der Hinrichtung

Dort entscheidet sich unterdessen das Schicksal der Männer. Am Morgen war Stauffenberg ins Führerhauptquartier Wolfsschanze nach Ostpreußen geflogen. Um 12.42 Uhr zündete er bei einer Lagebesprechung eine Bombe, um Adolf Hitler zu töten. Im festen Glauben, dass ihm dies gelungen sei, kehrte er nach Berlin zurück. In der Hauptstadt aber war der Staatsstreich nicht sofort und wie geplant angelaufen. Denn, was Stauffenberg zunächst nicht weiß: Hitler hat überlebt. Am Abend herrscht im Bendlerblock deshalb bereits Chaos.

Das bemerkt auch Dora Striegel. Die Meldungen, die sie losschicken soll, widersprechen sich zunehmend gegenseitig: „Es kam ein Widerruf nach dem nächsten. Die Verschwörer waren sich wohl selbst nicht mehr einig“, sagt sie rückblickend. Dann trifft plötzlich ein Fernschreiben mit der Nachricht ein, dass Hitler noch lebe. Der Gang füllt sich bald mit SS-Männern, ein „Hochdekorierter“ marschiert durch die Reihen der Frauen und sammelt alle vorherigen Meldungen ein. „Wir waren geschockt, da war eine Spannung im Saal, dass es geknistert hat“, erinnert sich Dora Otto.

In der Nacht heißt es, dass im Hof vier Offiziere erschossen worden seien und sich ein fünfter in seinem Büro selbst getötet habe. Die Namen, die in die Zeitgeschichte eingesehen sollten, aber liest die Fernschreiberin erst viel später in der Zeitung: Stauffenberg, Haeften, Olbricht, Mertz von Quirnheim und Beck. Am nächsten Morgen endet der Dienst, doch verlassen dürfen die Frauen den Bendlerblock nicht. Erst Stunden später entlässt man sie. Im Hof sieht Dora Striegel noch die Blutlachen der Hinrichtung.

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Ein Teil ihrer Abteilung wird nach Deggendorf verlegt - die Reise gleicht einer Odyssee

Angst hatte sie in jenen Stunden keine, „Herzklopfen schon, aber ich war ja noch so jung und hab gar nicht so viel darüber nachgedacht“. Dann verdüstert sich ihr Blick. Denn die Todesangst, sie kam noch, wenn auch erst Monate später.

Im April 1945 rückt die Front immer näher. Das Heereskommando der Wehrmacht soll verlegt werden, ein Teil ihrer Abteilung kommt nach Deggendorf. Der Weg dorthin gleicht einer tagelangen Odyssee. „Der Zug ist kreuz und quer gefahren.“ Die jungen Frauen haben Hunger und Angst vor den Fliegern, die überall kreisen. In Böhmen setzen plötzlich zwei zum Tiefflug an, als die Gruppe sich bei einem Stopp im Bach waschen will. Vier Frauen überleben den Kugelhagel aus dem Himmel nicht. Dora Striegel liegt auf dem Boden und betet. „Ich dachte, jetzt ist es vorbei“, sagt sie.

Eltern und Geschwister haben den Krieg auch überlebt

Das Gedächtnis der Frau, die so viele Details aus der Vergangenheit kennt, hat Lücken, wenn es um die letzten Kriegswochen geht. Zu Fuß gelangt die ganze Mannschaft in den Bayerischen Wald. Wochen später macht sich die 20-Jährige mit einer Freundin vom Nachrichtendienst noch einmal auf – und wandert von Regensburg aus zurück nach Buchdorf. Dort wartet ihre Familie: Die Eltern und Geschwister haben den Krieg unversehrt überstanden.

In Buchdorf bleibt sie, eröffnet einen Laden und heiratet, bekommt Kinder, Enkel, Urenkel. Die Vergangenheit rückt in den Hintergrund vor der Herausforderung, sich ein neues Leben aufzubauen. Später liest sie Bücher über Stauffenberg und das Attentat. Nur den ersten Film, den will sie lange nicht sehen. Als sie es doch tut, ist sie enttäuscht: „Ist halt gestellt“, sagt die Zeitzeugin seufzend. Nach dem Tod ihres Mannes schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, ein kleines Buch für die Familie entsteht, in dem die 94-Jährige gerne blättert. „Die jungen Leute wissen ja heutzutage gar nicht mehr, was damals war.“

Mehr zum Thema: Deutschland gedenkt der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944; Widerstandskämpfer Ewald-Heinrich von Kleist ist tot

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