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Landkreis

24.02.2018

Drogen: Ein Katz-und-Maus-Spiel

Modedrogen, so genannte „legal highs“, machen der Polizei zu schaffen. Sie sind gefährlich, können im schlimmsten Fall zum Tod führen und werden in ihrer Rezeptur immer wieder verändert. So macht sich jeder Konsument selbst zum Versuchskaninchen.
Bild: Fredrik von Erichsen/dpa

Rund alle fünf Tage gibt es eine neue, leicht abgewandelte Substanz auf dem Markt. Welche Erfahrungen eine Notärztin gemacht hat und warum diese Mittel so heimtückisch sind.

Das Badezimmer ist schon teilweise verwüstet, als Notärztin Birgit Baier in der Wohnung des jungen Mannes eintrifft. Sie ist froh, dass die Polizei bereits vor Ort ist. Denn der 25-Jährige aus dem Landkreis hat Wahnvorstellungen, er glaubt, weiße Würmer krabbeln aus seinem Körper. Er hat sich in Plastikfolie eingewickelt, um die Tierchen am Rauskriechen zu hindern. Das, was er für Würmer hält, sind aber in Wahrheit kleine Schnipsel von Papiertaschentüchern. Der ganze Boden ist übersät damit. Ihn davon zu überzeugen, dass das keine Würmer sind, dauert eine Weile. Er hat sogenannte Modedrogen genommen. Getarnt als Kräutermischungen und Badesalze oder Lufterfrischer werden sie angeboten. Die Wirkung dieser Drogen ist noch kaum erforscht, Studien gibt es keine, nur Fallberichte. Und das macht die Drogen erst recht so gefährlich. „Konsumenten machen sich somit zum Versuchskaninchen“, sagt die Notärztin. Später kommt der junge Mann für einige Wochen in die Psychiatrie.

Dieses Beispiel gehört sicherlich zu den krasseren Fällen, doch die Drogenproblematik ist auch im Landkreis präsent. Das macht Birgit Baier bei einer Infoveranstaltung in der Harburger Mittelschule deutlich. Neben Michael Deisenhofer, Präventionsbeamter der Polizei Donauwörth, und Niels Pruin von der Caritas Suchtfachambulanz Donauwörth, tritt sie als Expertin auf. Sie wird häufiger zu Einsätzen gerufen, bei denen Modedrogen im Spiel sind. Und eine Notfalltherapie falle dann oft schwer. Ein „Hinterherrennen der Symptome“ sei es. Weil die Drogen unterschiedlich wirken. Das liegt auch daran, dass die Zusammensetzung der Stoffe immer wieder verändert wird.

Formeln werden leicht verändert

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Für die Gesetzeshüter entwickelt sich hier ein „Katz-und-Maus-Spiel“, drückt es Michael Deisenhofer aus. Das Betäubungsmittelgesetz, das den generellen Umgang mit den Drogen regelt, kann nicht den Stoff an sich, sondern nur die Formel, also die Zusammensetzung verbieten. Wird eine neue Formel ins Gesetz aufgenommen, machen sich die Drogenproduzenten gleich daran, die Zusammensetzung leicht zu verändern und somit, zumindest kurzfristig, wieder im legalen Raum zu agieren. Laut Statistik kommt alle fünf Tage eine neue Substanz auf den Markt. Auch über das Arzneimittelgesetz kann man keinen Verstoß geltend machen. Auf den Kräutermischungen wird vermerkt, dass man es nicht rauchen solle und außer Reichweite von Kindern aufbewahren muss.

Ein neues Gesetz, das Ende 2016 in Kraft trat, enthält laut Deisenhofer nun ganze Stoffgruppen und macht es den Beamten leichter, im Ernstfall einzugreifen. „Wenn wir jemanden aufgreifen, der solche Drogen bei sich führt, dürfen wir die konfiszieren“, erklärt Deisenhofer. Denn der Erwerb und Besitz ist verboten, weiter bestraft wird da nicht. Und noch eine Besonderheit weist das neue Gesetz auf: Wenn jemand, der über 21 Jahre alt ist, die Drogen an Minderjährige abgibt, gilt das als Verbrechen und wird hart bestraft.

Bei den chemischen Drogen kommt dann noch hinzu, dass die Konsumenten weder die Dosierung noch die Wirkung richtig einschätzen können, sagt Niels Pruin. Bei einem Päckchen Kräutermischung, nennt Notärztin Baier ein Beispiel, werden auf drei Gramm Tabak die Cannabinoide drauf gesprüht oder gebröselt. Da ist der meiste Wirkstoff dann am Boden des Tütchens, der letzte in der Runde bekommt die härteste Dröhnung.

Insgesamt sei, so der Eindruck der drei Experten, allerdings ein Rückgang am Konsum von solchen Modedrogen zu erkennen, gerade bei den Badesalzen sind die Wirkungen so extrem, dass ein Drittel nach dem ersten Einnehmen wieder die Finger davon lässt.

Wie Eltern damit umgehen sollen

Doch was sollen Eltern tun, wenn sie vermuten, dass die Kinder drogenabhängig sind? Zunächst einmal müsse man vor allem Ruhe bewahren. Dann, so rät Experte Pruin, solle man das Verhalten des Kindes genau beobachten. Wie sieht es mit dem Appetit aus? Herrscht Heißhunger oder wird das Abendessen eher nicht angerührt? Auch beim Geld gilt es, die Augen offenzuhalten. „Und zwar nicht nur, wenn zu wenig Geld da ist, sondern auch zu viel. Oft werden Drogen weiterverkauft, und 100 Euro mehr sind für Jugendliche schon enorm“, sagt Pruin. Zudem solle man sich ruhig trauen, auch mal das Kinderzimmer unter die Lupe zu nehmen, ob sich da etwas verdächtiges finden lässt. Aber, das betont Pruin, selbst wenn es solche Hinweise gibt, können die andere Hintergründe haben. „Ein Gespräch in aller Ruhe und einer vertrauensvollen Atmosphäre ist wichtig“, rät er. Das heißt, dass man als Eltern das Kind nicht auf die Gefahren von Drogen hinweisen soll, wenn man gerade im Auto ist und es zur nächsten Party fährt. „Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, dass die typische Eltern-Kind-Rolle eingenommen wird“, denn da verschließe sich das Kind erst recht. Eine gemeinsame Ebene soll gefunden werden, am besten man verschaffe sich einen Gesamtüberblick über die Situation des Kindes, um sich ein Stück weit in die Lage versetzen zu können.

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