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Donauwörth 

18.04.2019

Ehemaliger Heilig-Kreuz-Schüler: "Hab mich tot gestellt"

Vermeintliche Idylle: Hinter den Mauern von Heilig Kreuz mussten Schüler körperliche und seelische Gewalt erleiden.

Immer mehr Betroffene melden sich zu Wort, die in der Schule und dem Internat Heilig Kreuz in Donauwörth misshandelt wurden. Sie schildern schlimme Vorfälle.

Schläge ins Gesicht und auf den Kopf, Hiebe gegen den Körper, Reißen an den Haaren, Stöße mit dem Knie, verbale Erniedrigungen und Demütigungen, die Kinderseelen quälen ... Von den 50ern bis in die 90er Jahre haben körperliche und seelische Gewalt zu den pädagogischen Methoden in Schule und Internat Heilig Kreuz gehört. Bekannt war dies durchaus in gewissen Kreisen, öffentlich geredet indes wird erst jetzt darüber. Und es werden immer mehr, die sich zu Wort melden.

Viele Ehemalige erinnern sich zwar gerne an ihre Zeit in den beiden Donauwörther Einrichtungen. Sie haben sie als positiv erlebt. Denn selbstverständlich hat es auch Lehrer gegeben, die „in Ordnung“ waren oder gar als „väterlich“ beschrieben werden. Hinzu kommt, dass gewisse Formen von Härte lange nach allgemeinem pädagogischen Verständnis zur Erziehung gehört haben. Doch bleibt erlittenes Unrecht auch unter diesem Aspekt Unrecht. Wem es in Heilig Kreuz zugefügt wurde, der kann auch Jahrzehnte später nicht damit abschließen.

Betroffene von Heilig Kreuz wollen keine Entschädigung, sondern gehört werden

Seit unsere Redaktion über Gewalt in Heilig Kreuz berichtet hat, häufen sich Anrufe und E-Mails in der Redaktion, die von Leidtragenden kommen und vor allem eines im Sinn haben: Keine Vergeltung und kein Bestreben nach Wiedergutmachung – auch nicht juristisch oder finanziell. Sie haben einfach das Bedürfnis, über ihre nachhaltig schlimmen Erlebnisse zu sprechen. Sie wollen Gehör finden und ernst genommen werden.

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Einer von ihnen ist ein heute 70-Jähriger aus dem Lechgebiet. Er war von 1960 bis 1966 externer Schüler in Heilig Kreuz. Damals galt es, wie er sagt, als großes Privileg, einen Platz dort zu bekommen. Doch schon nach kürzester Zeit hätte er gerne darauf verzichtet. Seine schlimmsten Erlebnisse aus dieser Zeit hängen mit seinem Musiklehrer zusammen, den er mit schweren Gewaltausbrüchen beschreibt.

„Am Tag vor den Weihnachtsferien kam er verspätet in die Klasse, als gerade ein Schüler ein Stück Kreide nach vorne gegen die Tafel geworfen hat“, erzählt der 70-Jährige ein Beispiel. „Der Musiklehrer wollte die Tat ahnden, doch der ’Schuldige’ hat sich nicht gemeldet. Daraufhin hat er uns alle in Sippenhaft genommen. Jeder einzelne musste vortreten, vorsingen und hat beim geringsten Misston Schläge bekommen. Mich hat er so massiv geschlagen, dass ich ins Klavier geflogen bin.“ Irgendwann wollte der damalige Bub nicht mehr zur Schule gehen, wenn Musikunterricht auf dem Stundenplan stand. Als sich sein Vater in der Schule beschweren wollte, habe er kein Gehör beim Direktor gefunden.

Ein Rieser über die Misshandlungen: "Ich werde es bis zum letzten Atemzug nicht vergessen"

Ein Gleichaltriger aus dem Ries ist so nachhaltig durch diesen Musiklehrer geprägt, dass er überzeugt ist, sein Lebensweg wäre anders verlaufen, hätte es diesen „Pädagogen“ nicht gegeben. „Ich wäre selbstbewusster geworden, weniger misstrauisch. Was ich erlebt hab’, wühlt mich auf. Ich werde es bis zum letzten Atemzug nicht vergessen“. Der Rieser war von 1959 bis 1965 in Internat und Schule Heilig Kreuz. „Die letzten eineinhalb Jahre habe ich meine Eltern gezwungen, als Externer dorthin zu gehen“, schildert er. „Ich habe ihnen gedroht, sie hätten andernfalls keinen Sohn mehr.“

Ein Erlebnis aus dem Musikunterricht schildert er so: „Es war Sommer und ich hatte eine kurze Lederhose an. Als mich eine Bremse gestochen hat, hab ich reflexartig zugeschlagen. Daraufhin hat mich der Lehrer vortreten lassen und mir links und rechts eine gescheuert. Da ich mich instinktiv an der Bank festgehalten hab, bin ich nicht durch die Gegend geflogen. Aber mein Kopf war abends immer noch so taub, als hätte ich eine Spritze beim Zahnarzt bekommen.“

Internat in Donauwörth: So lange geschlagen, bis Kinder auf dem Boden lagen

Einen weiteren Vorfall hat er so in Erinnerung: „Eine Chorprobe hat nicht fehlerlos geklappt. Daraufhin hat der Musiklehrer einen Tobsuchtsanfall bekommen und mit einem Elektrokabel auf unseren Chor so lange eingeschlagen, bis alle am Boden gelegen sind. Ich selbst hab’ mich hingeworfen und tot gestellt.“

Nicht nur den Musiklehrer beschreibt er als gewalttätig. Auch ein Pater habe ihn geohrfeigt. „Das hat er nur ein einziges Mal getan, aber es hat mir gereicht. Von diesem Moment an bin ich auf Tauchstation gegangen.“ Der heute 70-Jährige hatte niemanden, dem er sich hätte anvertrauen können. Die Eltern haben ihm nur bedingt geglaubt und einen Vertrauenslehrer gab es nicht. „Man wurde so erniedrigt“, sagt er, „dass man keine bürgerlichen Ehrenrechte mehr hatte“. Der Rieser hat kein Verlangen danach, „heute ein großes Thema daraus zu machen. Aber das Ganze belastet mich ein Leben lang.“

Ein Mann aus Neuburg beschreibt seine Schulzeit in Donauwörth so: „Wir haben sie überlebt.“ Wie traumatisiert aber mancher ist, schildert er mit diesen Worten: „Ich habe frühere Klassenkameraden, mit denen können Sie heute über alles reden – nur nicht über dieses Thema.“

Hilfe: Hierhin können sich Betroffene wenden

Betroffene, die das Gespräch mit Verantwortlichen suchen, können sich an den Missbrauchsbeauftragten des Ordens der Herz-Jesu-Missionare wenden. Rechtsanwalt Florian Besold (Telefon 089/221154) steht in dieser Funktion zur Verfügung. Die Diözese Augsburg befindet sich mit den Herz-Jesu-Missionaren, die als Orden Päpstlichen Rechts unabhängig vom Bistum sind, in Kontakt, um so vermittelnd zur Aufklärung und Aufarbeitung der Vorfälle beizutragen. Auch die Stiftung Cassianeum ist mit eingebunden.

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